Damals in den Fünfzigern


... Am nächsten Morgen kroch Anna wie üblich, wenn ich da war, mit Eisbeinen zum mir ins Bett, „Oma, du hast doch gesagt, du erzählst mir irgendwann weiter von früher. Hast du mal überlegt? Erzählst du mir eine Geschichte?“

 

„Ja, dann komm man her, ganz nah, damit ich dich auftauen kann, und dann erzähl ich dir, wie es war, als ich noch ein Kind war. Damals. –

 

Wie lange bist du schon wieder auf? Kannst du dir keine Socken anziehen und den Bademantel oder Jogginganzug? Mann, Mann, Mann! Du bist so kalt wie wir früher im Winter. Aber wir hatten keine freie Auswahl an Klamotten zum Überziehen, so wie ihr heute. Und Heizung auch nicht.“

 

„Wie? Keine Heizung, Oma? Aber im Winter? Wie habt ihr es dann denn warm gekriegt?“

 

„Unser Leben spielte sich eigentlich nur in der Küche ab. Denn da gab es den einzigen Ofen. Einen großen, eisernen Ofen, der mit Holz und Kohle gefüttert wurde. Morgens früh wurde er meistens von der Mutter angeheizt. Wie beim Lagerfeuer: erst mit Holz und Zeitung. Und wenn das dann schön brannte, wurden die Kohlen oder Brikett nach gelegt. - Kohlen kennst du gar nicht, oder? Das ist Brennmaterial in der Form von kleinen, schwarzen Eiern. Oder die Brikett – ja, Gott, die sind geformt wie, - wie eine Fernbedienung vielleicht. In der Größe etwa. Die musste man beim Kohlenhändler kaufen. Und der brachte sie dann mit seinem Wagen- erst mit dem Pferd, dann später mit dem Lastwagen-, und kippte sie über eine Art kleine Rutsche durch ein Kellerfenster rein in den Keller. Das war vielleicht eine Sauerei! Von da aus musste man sie selber weiter schleppen in den eigenen Kohlenkeller. Und natürlich alles wieder sauber machen. Kohlen sind schwarz, weißt du! Kohlrabenschwarz! Daher kommt der Begriff. Morgens und abends wurden die Kohlen oder Briketts mit einer Art Kanne aus dem Keller geholt, hoch in die Wohnung gebracht und erst mal in den Kohlenkasten unter dem Ofen gekippt. So war immer Nachschub zur Stelle, wenn man Kohlen fürs Feuer brauchte. Die haben dann lange gehalten. Der Ofen durfte ja den ganzen Tag über nicht ausgehen, darauf wurde ja schließlich auch gekocht, Elektroherd oder Gasherd war noch nicht. Alles auf Kohle. Ein Wasserkessel stand immer darauf, damit wir heißes Wasser hatten, und hinten in der Ecke meistens auch noch das schwere, eiserne Bügeleisen. Das kriegte ich dann im Winter abends schön mit einem Handtuch umwickelt an die Füße gelegt, wenn das Bett so kalt war wie eine nasse Wiese im Winter. Und wenn abends spät die Familie längst im Bett lag, saß mein Vater noch lange mit einem Buch in der Hand und den kalten Füßen im offenen Backofen in der Küche, bis der Ofen kalt wurde und er notgedrungen auch ins Bett musste. Im Winter war es im Schlafzimmer kaum wärmer als draußen, eise-eise-eisekalt, so kalt, dass wir manchmal mit dicken Sachen an schlafen gegangen sind. Bei Gewitter sowieso, ganz gleich, wie kalt oder warm es war. Da haben wir in voller Montur im Bett gelegen, samt Mantel und Schuhen, hatten den Gartenschlauch für alle Fälle parat liegen zum Löschen, falls der Blitz einschlägt und es brennt, und die Metallkassette mit allen wichtigen Dokumenten und Geld stand griffbereit neben dem Bett. Tja, so war das früher.“

 

Anna kuschelte schweigend, die Augen geschlossen. Schlief sie?

 

Nein, sie war wach, stupste mich leicht: „Erzähl weiter, Oma.“

 

„Also, im Winter war es wirklich eiskalt im Haus. Die Fenster hatten, wenn überhaupt kurz nach dem Krieg, nur einfache Scheiben. Oft waren sie auch nur mit Folie oder Zeitung abgedeckt, aber daran kann ich mich schon nicht mehr erinnern. Der Frost malte wunderschöne Bilder auf das dünne Glas, ganz fantastische Eisblumen, so was kennst du gar nicht, aber die Bilder hätten dir gefallen. Natürlich konnten wir deswegen aber auch nicht mehr nach draußen sehen, also haben wir die Scheiben angehaucht, und durch den warmen Atem auf den Scheiben kriegten wir dann ein Guckloch nach draußen. In richtig schweinekalten Wintern war sogar eine dünne Eisschicht auf den Wänden. Innen. Im Schlafzimmer!

 

Wir hatten viel Schnee und heftigen Frost damals. Aber wenn du glaubst, wir hätten Strumpfhosen, Boots und einen dicken Schneeanzug gehabt, dann hast du dich geirrt. Mädchen durften überhaupt keine langen Hosen tragen. Solche Hosen gab es auch gar nicht. Und Jeans, Jeans kamen erst von Amerika zu uns rüber, als ich schon verheiratet war. Lange Hosen für Männer waren Stoffhosen, oft aus alten Uniformen geschneidert. Aber die durften nur Männer tragen. Selbst Jungs bis etwa 15-16 mussten kurze Hosen tragen. Da brauchst du gar nicht zu kichern! Das war so! Mit Strickstrümpfen und Leibchen. Die kratzten vielleicht! Sei froh, dass ihr so was nicht mehr anziehen müsst heute.“

 

„Leibchen? Was sind denn Leibchen, Oma?“

 

„Oje, Leibchen. .. Also, tja, das waren… Strumpfhalter…kennst du auch nicht…, also so eine Art Gurt um den Bauch mit so Dingern dran… Mensch, wie heißt denn so was? … Strapse…ne, auch nicht. Also: das musst du dir so vorstellen: Wir hatten diesen Gurt umgebunden mit Häkchen und Ösen und daran waren vorne und hinten jeweils zwei Strapse, also, so Dinger, wo man das Gegenstück an den Strümpfen mit einhaken konnte. Also – tut mir Leid, ich kann’s dir nicht erklären, das war einfach so und sei froh, dass ihr die Dinger heute nicht mehr habt.“

 

„Aber Oma, wenn ihr keine warmen Schneeanzüge oder so was hattet, noch nicht mal lange Hosen, was habt ihr denn dann angezogen?“

 

„Wir Mädchen hatten meistens ein Kleid an, oft mit Schürze drüber, um das Kleid zu schonen, oder einen Rock. Irgendwas, was größeren Kindern nicht mehr passte, oder was die Mutter aus alten Resten schneidern konnte. Oder Gestricktes, Gehäkeltes. Was immer an Resten da war, wurde verwertet. Und – natürlich hatten wir genau dieselben fiesen Kratzstrümpfe mit Strumpfhaltern an wie die Jungs. Meistens waren sie auch noch hässlich braun!

 

Kannst du dir vorstellen, wie oft ich blau gefroren von der Schule nach Hause gekommen bin? Nur mit einem dünnen Mäntelchen über dem Kleid? Dünnen Schuhen? Und Strümpfen, die nur bis zum halben Oberschenkel gingen? Und dann auf dem Fahrrad gegen den beißenden Ostwind an? Ohne schützende Häuser oder Bäume neben der Straße? Eine halbe Stunde Weg?

 

Wie oft hat meine Oma mich wieder auftauen müssen, wenn ich aus der Eiseskälte in die Bollerwärme unserer Küche kam. Dann hat sie meine Hände unter ihre warmen Achseln geklemmt, bis langsam wieder Leben rein kam und sie anfingen, fürchterlich zu prickeln. Das war ganz normal damals.“

 

Ich schüttelte mich in der Erinnerung, als würde ich durch ein eisiges Eisbärbecken gezogen. „Puh, damals war es irgendwie kälter als heute, glaube ich manchmal. Aber vielleicht meine ich das auch nur, weil wir immer so gefroren haben im Winter. Das kannst du dir nicht vorstellen, hm?“

 

Anna schüttelte leicht den Kopf. „Aber – wieso, Oma, das verstehe ich nicht. Deine Oma? Wieso deine Oma? Wo war denn deine Mutter? Warum war die denn nicht da?“

 

„Na, die musste mit arbeiten. Geld verdienen. Und da meine Oma sowieso bei uns wohnte, war sie ja auch immer da, konnte kochen, Haushalt machen und unter anderem: mich auftauen, wenn ich im Winter durchgefroren nach Hause kam.“

 

Ich drückte Anna leicht an mich. Ich sah, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Wahrscheinlich stauten sich Fragen über Fragen in ihrem Hirn auf. Sie brauchte Zeit, um das Gehörte zu verarbeiten.

 

„Wollen wir aufhören und ein anderes Mal weiter erzählen?“

 

„Nein, erzähl weiter.“

 

„Also - ich kann mich auch noch gut an Eisgang auf dem Rhein erinnern.

 

Kannst du dir vorstellen, dass der breite Rhein dick zugefroren war? Mit mächtigen Eisschollen, die sich hoch aufeinander getürmt und ineinander verkeilt hatten?

 

Ich war noch ein Kind, etwa so alt wie Max heute, als der Rhein zum letzten Mal so richtig wie früher zugefroren war. An einem Sonntag zogen wir uns fein an und marschierten zur Stadt an den Rhein. Solange ich klein war, kam ich nur selten in die Stadt. Wir wohnten außerhalb, und da der Weg fast noch unbebaut war und überall noch die Trümmer lagen, schien er mir immer trostlos und endlos weit. Und du weißt ja: kein Auto, kein Bus, keine Bahn. Alles zu Fuß.

 

Jedenfalls, wir kamen zum Rhein, dahin, wo heute die Promenade ist, und ich staunte Bauklötze. Es gab keinen Fluss mehr, kein Wasser, nur noch riesige, schneegepuderte Eisschollen, die sich bis ans Ufer türmten. Ganz vorsichtig kletterten wir vornan auf eine dieser Schollen und ließen uns fotografieren. Ich immer ganz fest an der Hand meiner Eltern. Dieser Rhein war mir nicht geheuer. Ich kann mich auch nicht erinnern, ob der Rhein jemals wieder so ausgesehen hat wie damals...“

 

„Oma, aber warum ist der Rhein denn nie mehr zugefroren?“

 

„Weißt du, mit den Jahren ging es mächtig aufwärts mit Deutschland, und es entstand immer mehr Industrie am Rhein. Und da wurden munter die Abwässer und sonst was in den Fluss geleitet, von allen Seiten, von der Industrie und auch von den Schiffen. Dadurch erwärmte sich das Wasser, und der Rhein konnte nicht mehr zufrieren. Teils schillerte er bunt von Chemikalien, die die Chemiefabriken einfach so in den Rhein laufen ließen ohne Rücksicht auf Verluste. Viele Fische starben in der warmen Chemie-Brühe und das Wasser des Rheins blieb Wasser, egal, wie kalt der Winter war. …

 

Ich erinnere mich aber auch an die warmen Sommernachmittage in den Rheinwiesen, damals, als man noch im Strom schwimmen konnte. Mit meinen Eltern zog ich dann bewaffnet mit einer fadenscheinigen Decke, einer Thermoskanne voll "Muckefuck", das war so eine Art Ersatzkaffee ohne Koffein, den durften auch Kinder trinken, und vielleicht ein paar Kirschen oder anderem Obst aus dem Garten an den Rhein. Neben uns grasten friedlich die rotbunten Kühe und ich durfte unter Aufsicht und mit einem Schwimmreifen um den Bauch ins seichte Wasser. Das war für mich damals Abenteuer pur, und ich tat ganz wichtig, so, als könnte ich schwimmen.

 

Nein, ich konnte natürlich nicht schwimmen, wo hätte ich es denn auch lernen sollen? In einer Wooj, einem alten Baggerloch? Das hätten meine Eltern niemals zugelassen. Dann gab es damals wohl die "Badeanstalt Hellas". Aber sie war auch nur ein abgeteiltes Stückchen Rhein unterhalb der Ölwerke. Und ziemlich genau dort war vor vielen Jahren die Schwester meiner Mutter ertrunken. Mit sechzehn! Wann immer ich mal den Versuch startete, wie meine Schulfreundinnen dort baden zu gehen, dann erstarrte meine Oma: „Kiiiind, denk an Tante Käthe!" Wie sollte ich da wohl schwimmen lernen?“

 

Ich sah Anna streng ins Gesicht:

 

„Aber nicht dass du jetzt denkst, das hat mit Schwimmen oder nicht- Schwimmen -können zu tun! Komm mir ja nie auf die Idee, jemals im Rhein zu baden. Nie! Nie! Nie! Hörst du? Der Rhein hat eine wahnsinnige Strömung und massenhaft Strudel. Und durch die vielen Schiffe, die heute ständig fahren, ist das Wasser unberechenbar. In einem Moment stehst du nur bis zum Knöchel im Wasser, und dann- ratzfatz- bist du weg! Selbst die besten Schwimmer saufen dabei ab.

 

So, Schluss jetzt für heute. Ein andermal erzähle ich weiter, ok?“ ...

 

Auszug aus meinem Buch: Himbeerrote Knallbonbons - eine Oma erzählt ... 

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Kommentare: 1
  • #1

    Rosa (Montag, 04 Januar 2016 18:53)

    Liebe Christel,

    Deine 'Winter-Geschichte' habe ich mit großem Interesse gelesen und gestaunt, weil der Winter Deiner Kindheit doch so viel Gemeinsames mit dem Winter meiner Kindheit hat. Auch wir hatten einen eisernen Ofen, der mit Holz und Kohlen beheizt wurde. Darauf wurde natürlich auch gekocht. Ich erinnere mich an die leckeren Pellkartoffeln aus dem Kessel ... Und wie oft kam ich halberfroren nach Hause und meine Hände und Füße schmerzten beim 'Auftauen'! :-)
    Schön, dass Du Deinen Enkelkindern von Früher erzählst. Für sie hören sich Deine Geschichten bestimmt wie spannende Abenteuer an.
    Ich lese gerade in Deinem Buch und bin neugierig, was ich noch so alles erfahren werde. Bei der Gelegenheit möchte ich mich nochmal ganz herzlich für die schöne Widmung bedanken.

    Liebe Grüße
    Rosa