Generationen Dialog


 

Eine Oma erzählt

 

„Oma? Habt ihr eine Halfpipe?"

 

„…?..." Half pipe - halbes Rohr. Halb Rohr? „Was soll das sein?“

 

„Na Mensch, Oma, so' ne Röhre auf der Skaterbahn. So ein Platz, wo man mit den Blades rum rasen kann. Hoch und drehen und dann runter und so. Ich hab doch meine Inliner mitgebracht. - Oma-ha!" (das klang wie: bist du schwer von Begriff?)

 

„Also, ich weiß nicht. Doch. Ich glaub’- ich denke…."

 

„Wieso weißt du das nicht?"

 

„Woher soll ich das wissen? Ich hab keine Inliner."

 

„Dann kauf dir doch welche. Dann kannst du auch fahren."

 

„Da fange ich heute bestimmt nicht mehr mit an. Ich würde mir wahrscheinlich sofort sämtliche Knochen brechen.“

 

„Aber früher, Oma. Früher hast du doch bestimmt auch Inliner gehabt."

 

„Nein, da gab es die noch nicht. - Aber Rollschuhe. Ich hatte früher Rollschuhe, als ich ein Kind war."

 

„Was sind denn Rollschuhe? Und wieso gab es da keine Blades?"

 

„Also, weißt du! Ihr junges Gemüse habt doch von nichts was 'ne Ahnung. Früher gab es so vieles nicht, was für euch heute selbstverständlich ist."

 

„Was gab es denn früher sonst noch nicht, Oma? Gab's denn - ähm - gab's denn vielleicht auch keine Autos?" Anna kicherte, als hätte sie einen guten Witz gemacht.

 

„Du kannst ruhig lachen, aber als ich in deinem Alter war, fuhren tatsächlich kaum Autos. Wir haben auf der Straße gespielt mit allen anderen Kindern. Und wenn mal - vielleicht zweimal am Tag - ein Auto vorbeifuhr, haben wir uns an den Straßenrand gehockt und gewinkt. Tja, das waren noch Zeiten….“ Ich verstummte.

 

„Oma!“ Anna rüttelte an meinem Arm, wie um mich aus der Erinnerung zu wecken, „was war denn? Erzähl weiter!“

„ - Also: - Autos. Ja. - Zu Pfingsten kamen bei uns immer die Autos vorbei, die aus Holland von den Tulpenfeldern kamen. Sie waren mit wunderschönen Blumenkränzen auf der Kühlerhaube geschmückt. Und weil es so viele Autos aus dem Ruhrgebiet waren, wurde die Bundesstraße gesperrt und die Autos umgeleitet. Die Autobahn gab es damals auch noch nicht. Noch lange nicht. Und deshalb kamen die Autos dann bei uns hier vorbei. - Das war vielleicht aufregend für uns! - Weißt du, was wir dann manchmal gemacht haben?" Ich kicherte in der Erinnerung, „wir haben eine lange Schnur an ein altes Portemonnaie gebunden, das dann mitten auf die Straße gelegt und uns mit der Schnur im Graben auf die Lauer gelegt. Und wenn wirklich jemand angehalten hat und das Portemonnaie packen wollte, - schwups, haben wir an der Schnur gezogen. Das war lustig.“

 

„Haben denn viele angehalten?“ Skepsis pur, - „Ich meine, wenn man mit dem Auto fährt, also, wenn nicht gerade 30 ist, dann sieht man so’n kleines Portemonnaie auf der Straße doch gar nicht, oder?“

 

„Na ja, viele sind natürlich nicht darauf rein gefallen, kannst du dir ja vorstellen. Wenn überhaupt, war es meistens einer auf dem Rad, nicht im Auto. Wir haben oft stundenlang da gelegen und gewartet. Aber das war ja auch das Spannende an der Sache: hält jemand an? Und wer? Und sieht er die Schnur? Und fällt er drauf rein? Und wird er wütend und wir müssen vielleicht ratzfatz abhauen?“

 

„Hmm.“ – Es arbeitete hinter ihrer Stirn, „aber womit habt ihr denn sonst noch gespielt auf der Straße? Welche Spielsachen hattest du denn?"

 

„Spielsachen???? Ha, Spielsachen! Wir hatten keine Spiel-Sachen, aber...- Unsere Spiele haben wir frei gespielt, aus der Fantasie heraus. Wir haben mit den Armen zum Beispiel einen weiten Bogen beschrieben und gesagt, das hier ist mein Kaufladen. Und dann haben wir Zucker und Mehl und Kartoffeln in die Fächer gestellt. Na ja, weißt du, nicht richtig, wir haben natürlich nur so getan, als ob. Und dann haben wir ring-ring oder so gesagt und das Geschäft geöffnet. Und die anderen Kinder kamen einkaufen. - Oder - wir haben Schah von Persien gespielt in seinem Palast. Wir Mädchen jedenfalls. Ich war immer gerne die Kaiserin Soraya. - Dann hab ich auch meine Arme ganz weit ausgestreckt. Und das sollte dann mein Palastkleid zeigen. Ganz doll weit. –

 

Oder wir haben Hinkelpott gespielt. Oder ballen. - Mein Gott: ballen. Seit Jahrzehnten habe ich dieses Wort nicht mehr ausgesprochen. B-a-l-l-e-n. Nee, nee, nee!“

 

Ungeduldig und anscheinend leicht genervt schüttelte Anna meinen Arm: „OMA!“

 

 

 

„Also, ballen, das war ein Ballspiel mit zwei oder mehreren kleinen Bällen, das an der Hauswand gespielt wurde. So, guck mal!“ Ich tat so, als jonglierte ich mit den kleinen Bällen, drehte und bückte mich, warf unter dem Bein, hinterm Rücken und fing alles wieder auf. „Siehst du, so ging das. Da gab es die kleine und die große Probe. Die kleine war ja puppeleicht, aber die große...? Nicht so einfach! –

 

Oder wir haben Verstecken gespielt. Das ging am besten in den Trümmern. Oder Wer hat Angst vorm schwarzen Mann oder: Mutter, Mutter, wie weit darf ich reisen? Oder: Deutschland erklärt den Krieg gegen… ähm, nee, vergiss es. - Jedenfalls alles solche Straßenspiele“, schloss ich lahm und war dankbar, dass sie nicht nachhakte. Aber das war damals halt eins der Spiele gewesen. Auch, wenn wir als Kinder nicht die geringste Ahnung hatten von dem, was wir da lauthals spielten. Ich hoffte auch, dass sie jetzt nicht auch noch nach den Trümmern fragte. Verlegen fing ich wieder an, mit den imaginären Bällen zu spielen.

 

„Oma, ich versteh das alles überhaupt nicht. Wieso habt ihr denn nichts zum Spielen gehabt? Ich meine, warum denn nicht? Warum haben deine Eltern dir denn gar nichts gekauft? Oder ward ihr so arm?“

 

„Nein. - Doch. Natürlich waren die Leute damals arm. So kurz nach dem Krieg. Aber weißt du, das ist es nicht. Was man nicht kennt, das braucht man auch nicht. Das vermisst man natürlich auch nicht. Und wir kannten keine Spielsachen. Außerdem brauchten meine Eltern das bisschen Geld, das sie hatten, für Essen und Anziehsachen. Und um das kaputte Haus zu reparieren."

 

„Kaputt? Warum war euer Haus denn kaputt?"

 

„Das war der Krieg. Davon verstehst du noch nichts."

 

„Was war denn damit? Sag doch, Oma!"

 

 

 

Also doch. Ich riss mich zusammen und versuchte, nachzudenken. Zurück zu denken. Das, was in meine Erinnerung kam, in einfache Worte zu fassen. Ich hätte lieber die Möglichkeit gehabt, mich vorher mit dem brisanten Thema zu befassen.

 

Ich seufzte: „Also, zwei Jahre, bevor ich geboren wurde, ist der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Krieg ist etwas ganz, ganz Schreckliches. Grausames. Die Menschen bekämpften sich mit - allem... na ja…“

 

Ich nahm einen neuen Anlauf:

 

„Also, damals gab es auch schon Flugzeuge. Aber keine MD11 oder Jumbos oder Airbusse, um damit in Urlaub zu fliegen, sondern Kampfflugzeuge. Du kennst doch die alte Tante Ju, die immer über Frankfurt fliegt. Du hast sie doch auch im Flugzeugmuseum gesehen. Also, wir, die Deutschen, hatten die Tante Ju und andere Völker hatten ähnliche Flugzeuge. Und an diesen Flugzeugen wurden Bomben befestigt. Und die wurden dann abgeworfen, um alles beim Feind zu zerstören und zu töten.... War eine schlimme Zeit… ganz furchtbar…."

 

„Bomben...?"

 

„Ja, Bomben. Hunderte, tausende Bomben, die ganze Städte in Schutt und Asche gelegt haben, alles war kaputt, die Menschen tot…hier stand auch kaum noch ein Stein auf dem anderen. Die Stadt war vollständig zerstört. Nur Berge von Schutt und Geröll, keine Straßen, keine Häuser, keine Bäume, nichts mehr. Nichts, alles kaputt, tot. –

 

Am 7. Oktober 1944, ein paar Monate vor Kriegsende, wurde Emmerich bombardiert. Der Himmel brannte, die Stadt brannte, der Rhein brannte.

 

Fast alles von dem, was gerade eben noch gewesen war, wurde ausgelöscht im Bombenhagel. Nichts war mehr, wie es war. Nichts stand mehr, wo es stand. Hunderte von Menschen starben in dem Inferno.

 

 

 

Gut 700 Jahre Stadt weg, einfach ausradiert.“

 

 

 

Ich drückte Anna ganz eng an mich. „Es muss ganz, ganz schrecklich gewesen sein, und ich bin heilfroh, dass ich das nicht selber erlebt habe. Und dass meine Mutter an dem Tag nicht hier war. Wer weiß, vielleicht gäbe es mich sonst gar nicht. Und damit deine Mama natürlich auch nicht, und dich, - deine Geschwister…Gott, man darf gar nicht darüber nachdenken…

 

 

 

In unserer Siedlung stand kaum noch ein Haus, das bewohnbar war. Alles platt, rauchende Trümmer, tote Nachbarn, Frauen und Kinder, …meine Oma, also, deine Ur-Urgroßmutter, die zu der Zeit mit Oma Tick-Tacks Schwester allein zuhause war, hat sich im Straßengraben in einem Krübber verkrochen und so überlebt…“

 

„???“

 

„Krübber? Ähm, ja, das sind dicke Rohre, eine Art Unterführung im Graben unter den Übergängen, ein Durchlass für das Grundwasser.“

 

„Und da ist deine Oma rein gekrochen…?“

 

„Ja, das war ein ziemlich sicherer Schutz vor den Bomben. -

 

Und als die Bombardierung vorbei war, sammelte meine Oma die überlebenden Nachbarn, deren Häuser ganz ausgebombt, also ganz kaputt und unbewohnbar waren, und nahm sie in ihrem Keller auf. Mal drei, mal vier Familien, mal einzelne, so, wie sie gerade eine Betondecke über ihrem Kopf brauchten.

 

Dächer gab es nicht mehr. Fast nicht mehr…

 

 

 

Ich kann mich noch gut an die Trümmer und Ruinen in unserer Straße erinnern. Sie waren unser Spielplatz. Anfang der 50er Jahre. Wir sprangen von Mauer zu Mauer über die ehemaligen Türöffnungen. Das waren unsere Mutproben. Oft genug schrammten wir uns dabei die Haut von den Knien und Händen, wenn wir zu kurz sprangen und abrutschten. Und mussten wir mal Pipi, dann hockten wir uns kurz in eine dunkle, feuchte Mauerecke. Abends, in der Dämmerung, machten die Trümmer den meisten Spaß, wenn die langen Schatten so langsam in die Ecken krochen. Dann wurde es richtig gruselig und unheimlich. Aber bevor es dann wirklich dunkel wurde, riefen unsere Mütter, und wir mussten rein. Meine Mutter, deine Oma Tick-Tack war immer die erste, die rief. Ich musste immer als erste rein. Die anderen Kinder durften alle länger draußen bleiben und spielen.“

 

 

 

Anna hielt sich mucksmäuschen still, und auch ich schwieg. Weit weg mit meinen Gedanken. Dann, so nach und nach, ganz langsam, stahlen sich immer mehr alte Bilder in meinen Kopf. Fetzen, Fragmente, Gerüche, Trümmerstücke, Stimmen. Erinnerungen schwappten hoch, die längst verschüttet gewesen waren, unbenutzt, ungedacht. Wie Hürdenläufer hockten sie in den Startlöchern und warteten darauf, frei gelassen

 

zu werden.

 

 

 

„Als ich geboren wurde und noch in den ersten Jahren danach gab es hier kaum Häuser, die noch einigermaßen heil waren. Ich kann mich gut erinnern, wie ich als kleines Kind oft an der Hand meiner Mutter bei Wind und Wetter an den Trümmerhaufen vorbei Richtung Stadt gelaufen bin, um meinem Vater einen Henkelmann mit Essen zu bringen.“

 

Ich sah Annas zum Fragezeichen zusammengezogene Brauen.

 

„Ein Henkelmann war ein kleines metallenes Gefäß, in der Form so ähnlich wie ein Täschchen, mit einem Deckel und Schnappverschluss oben drauf. Und natürlich einem Henkel zum Tragen. Henkel- mann, ja? Verstehst du? Da wurde morgens zuhause das Essen rein gefüllt, und wenn die Männer mittags kurz Pause hatten, haben sie sich in den Hof gehockt und ihr bisschen Essen aus diesem Henkelmann gelöffelt. Falls sie das Glück hatten, überhaupt was zu essen zu haben.“

 

 

 

Annas Gesicht war ein einziges Fragezeichen, und ich seufzte. Wie soll man einem Kind von heute, das im Wohlstand lebt, klar machen, dass es vor noch gar nicht allzu langer Zeit vollkommen anders war.

 

Unvorstellbar anders?

 

„Tüttimaus“, ich zog Anna auf meinen Schoß, „das sind Sachen, die verstehst du noch nicht. Die kannst du noch gar nicht verstehen. -

 

Jedenfalls, um auf deine Frage nach den Spielsachen zurück zu kommen: wir hatten so gut wie nichts. Wir waren froh, wenn unsere Eltern genug zu essen besorgen konnten. Und zum Anziehen. Meine Mutter hat mir zum Beispiel aus alten Uniformen Kleidchen geschneidert. Und altes, Gestricktes aufgeribbelt und daraus neue Pullover gestrickt und so. Aber Spielsachen, Spielsachen brauchten wir echt nicht. Wir haben nichts vermisst und waren zufrieden mit dem, was wir hatten. Wir haben mit unserer Fantasie gespielt. Und das war toll. “

 

„Dann ward ihr aber doch sehr arm, gell, Oma?"

 

„Na ja, irgendwie schon, eigentlich mausearm, aber - die Anderen hatten auch nicht mehr. Also war es völlig normal."

 

 

 

Anna überlegte. Dann nickte sie, und dann:

 

„Oma, ich versteh das alles nicht. Und vor allem: das mit der Tante Ju...? Und dem Krieg...? Den Bomben…?

 

Das glaub ich nicht. Das kann ja gar nicht sein. Nein, Oma, das lügst du."

 

 

 

Diese Zeiten gingen weit über Annas Vorstellungsvermögen hinaus. Wie sollte ich dem Kind erklären, wie das damals gewesen war, diese unbegreifliche Normalität, diese Schrecken mit Tod, Hunger und Chaos. Dieses sinnlose, brutale Töten, als normale Bürger normalen Bürgern todbringende Bomben auf den Kopf warfen. Diese absurde Normalität damals. Wie sollte ein Kind, das im Wohlstand sorglos aufwuchs, das verstehen können? Wie sollte es Bilder im Kopf entstehen lassen, die der Fantasie nicht bekannt waren? Nicht mal annähernd?

Sie war im Moment komplett überfordert. Aber ich hatte selber meine Probleme mit der Geschichte. Ich musste nachdenken. Hatte ich so lange nicht getan. In Ruhe für mich. Musste meine Erinnerungen ordnen, musste den Kindern von heute die Geschichte von damals nahe bringen, lebendige Geschichten, so, wie ich sie erlebt hatte. Dazu musste ich selber weit zurück in die Vergangenheit.

Auszug aus meinem Buch: Himbeerrote Knallbonbons - eine Oma erzählt...

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Kommentare: 2
  • #1

    Rosa (Freitag, 08 Januar 2016 14:42)

    Liebe Christel,

    immer wieder muss ich staunen, wie ähnlich unser beider Kindheit war! So, wie Du es Anna erzählst, war es, zwar mit kleinen Abweichungen, auch in meiner Kindheit. Dabei trennten uns nicht nur Tausende von Kilometern, sondern auch ganze Welten (im übertragenen Sinne, aber auch irgendwo im wirklichen) :-) In meiner sibirischen Heimat gab es keine Ruinen, aber wir Kinder liebten es zum Beispiel in den ausgehobenen Fundamentgruben oder zwischen den Holz- und Ziegelstapeln zu spielen. Dann hatten wir die gleichen Ballspiele ... (Seilspringen hast Du übrigens vergessen. Oder hast Du das nicht gerne gemacht?) ... Und nicht zu vergessen - die sibirischen Wälder mit ihren Schätzen.

    Du beschreibst alles so lebendig und herzlich und humorvoll - das gilt für Deine Aufzeichnungen hier auf der Page ebenso, wie für das ganze Buch. Ich muss beim Lesen immer wieder schmunzeln.

    Herzliche Grüße
    Rosa

  • #2

    Christel Wismans (Freitag, 08 Januar 2016 15:28)

    liebe Rosa, natürlich: Seilspringen! Und von den Lehmbergen herunter rutschen, die beim Ausheben der Baugruben aufgetürmt wurden. Bestimmt haben wir auch noch etliche andere Spiele gehabt, die mir entfallen sind. Wir waren ja sehr fantasievoll, wenn es ums Spielen ging.
    Ich freue mich sehr, dass die das Buch gefällt!!!

    Danke, sagt Christel