Zeitdokumente- Notizen meines Vaters aus dem Krieg


 

Beim Auf- und Ausräumen entdeckte ich alte Dokumente, von denen ich  hier nur eins vorstellen möchte:

Es handelt sich um ein kleines Jahrbüchlein aus Kriegszeiten, in das mein Vater in winziger Bleistiftschrift Notizen geschrieben hat.

Ich zitiere ohne weiteren Kommentar:

 

Am 8.9.1945 in Wesselburen Abmarsch nach Lindau.

Am 9.9. ( der 25. Geburtstag meines Vaters ) im Viehwaggon nach Belgien. Ankunft am 11.9.

Kriegsgefangenenlager

2228

Camp 6 7 Komp.

 

La Hulpe

 

27 Km südwestl. Von Brüssel

 

Am 11.12. nach Camp 11 übersiedelt.

9.Komp., Zelt 10, von da am 22.12. zum C.A.S. (Ruhrverl.) 23.12. zum Camp 20 (Erholungscamp) am 5.1.46 übersiedelt nach Camp 18.

Am 18.1. eingeschleust im Revier und sofort zum C.A.S. (Difterie). A, 19.1. 11Uhr im Sanka zum Lazarett Brüssel eingeliefert. Eine frohe Botschaft: Schon in den nächsten Tagen sollen wir nach einem Heimatlazarett überliefert werden. Alle Kameraden freuen sich sehr darauf.

 

Sonntag den 20.1. gutes Essen, sogar am Nachmittag ein Stück Streuselkuchen, großartig doch nur ein Leckerbissen.

Am 23.1. mit dem Sanka nach Ostende ( nicht zu lesen) WARD6. Montag den 4.2. Lähmungserscheinungen im linken Fuß. Jeden Tag Spritze (Beatrixin) in den Oberarm. Am 9.2. 2.Suchkarte nach Hause abgeschickt. Einen Brief an J.Broseler, eine Karte an Helmut Husemann abgeschickt. Am 8.2. 2.Abstrich – negativ, am 11.2. 3.Abstrich –negativ. 14.2. Verlegung nach Station IV. Bin vorgeschlagen zur Evakuierung nach Deutschland. Am 25.Februar läuft der Lazarettzug von Ostende nach Königslutter bei Braunschweig. Transport wird bis auf weiteres verschoben.

 

 

 

Text gescannt vom Original

 

auf der Mai-Seite steht der Name und die Adresse meiner Mutter, Lotti Singendonk. Links ihre Kriegs-Adresse als Funkerin und rechts ihre Privat-Adresse

 

auch Rezepte, Schlagertexte, Adressen, alles, alles habe ich in diesem fast zerfallenen Büchlein gefunden - zwei Jahre vor meiner Geburt

Aber auch etliche andere Papiere aus der Zeit Anfang 50 haben meine Eltern aufgehoben, Arbeitserlaubnis, Grenzübergangsbescheinigung, Zeugnisse meines Vaters aus Schule und Lehre. So vieles, so alt, so kostbar...

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Kommentare: 2
  • #1

    Rosa (Donnerstag, 11 Februar 2016 15:16)

    Liebe Christel,

    es muss ein sonderbares Gefühl sein, dieses alte Büchlein in den Händen zu halten und zu wissen, dass es einst Deinem Vater gehörte und ihn in so schrecklichen Zeiten begleitete. Er schrieb diese Zeilen, die jetzt wahrscheinlich gar nicht mehr alle lesbar sind ... Was dachte er dabei? ... Wie ging es ihm? ... In Gefangenschaft zu sein - das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann ...

    Ich hatte letztes Jahr für einen unserer Leser Dokumente übersetzt (russisch - deutsch), es ging auch um seinen Vater, der allerdings aus der Kriegsgefangenschaft nicht mehr zurückkehrte. Vor mir lagen alte Fragebögen, Lageraufnahme-Papiere, dann schließlich Berichte über den Tod und die namenlose Beerdigung irgendwo auf einem Friedhof Nummer so und so ... und ich hatte einen Kloß im Hals ... Was fühlte der noch so junge Mann, als er die ganzen Fragen zu seiner Familie beantwortete, als er die Namen und das Alter seiner Frau und seiner drei Kinder angab ... mit dem Wissen, dass er sie womöglich nie mehr sehen wird? ... Sein Sohn, der mich um die Übersetzung gebeten hatte, selbst schon 70 Jahre alt, hatte Tränen in den Augen, als wir darüber sprachen ...
    Auch mir ging das alles sehr nahe, und ich kann mir gut vorstellen, wie Du Dich fühlst, wenn Du das Notizbuch Deines Vaters auch nur berührst ...

    Herzliche Grüße
    Rosa

  • #2

    Flora von Bistram (Sonntag, 05 März 2017 07:45)

    Zeitdokumente, immer wieder sehr berührend. Ich sitze oft stundenlang, um die alten Briefe und Dokumente meiner Vorfahren, ihren Briefverkehr mit Freunden zu entziffern.
    Dann entfaltet sich eine Zeit, deren Härte, aber auch in ihrer Ordnung wir nur ganz leicht erahnen können.
    Liebe Grüße Flo