Die Familie lebt


ist die Familie ein Auslaufmodell?

 

Von 2008

ich sage: NEIN
Subjektiv und individuell betrachtet

Vielleicht liegt es an der Umgebung, vielleicht an der Familie als solches?
Vielleicht, weil wir Landeier sind?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, wir sind Familie.

Vor nur wenigen Generationen war die Großfamilie normal, und zwar alle zusammen unter einem Dach.
Das driftete dann in den 70ern- spätestens 90ern auseinander. Plötzlich gab es "Singles". Singles, die auch wirklich alleine wohnten und auf sich gestellt waren. Ganz bewusst. Früher waren Singles die, die keinen abgekriegt hatten oder verwitwet/ verschwägert waren und in einem Zimmerchen, aber inmitten der Familie, durchgezogen wurden. In allen Ehren, mit allen Hilfen, so, wie sie es verdienten.

Die Alten kriegten ihr Gnadenbrot inmitten der Familie. Sie hatten noch Aufgaben, die sie übernehmen konnten, und ihre Meinung durch Erfahrung war gefragt. Sie wurden in Würde und normaler Selbstverständlichkeit bis ans Ende gebracht.

 

Dieses altmodische System brach dann irgendwann auseinander. Es war nicht mehr zu vereinbaren mit dem modernen Leben. Jeder war bemüht, sich frei zu schwimmen und „zu sein“, sich zu verwirklichen, sein eigenes Leben in den Vordergrund zu stellen, alles Alte auf den Kopf zu stellen und als „schlecht“ und „untauglich“ abzuschieben.
Weg damit. Weg.

Ich weiß noch, wie es war.

Wir waren drei Generationen in meinem Elternhaus: meine Oma, meine Eltern und ich, das Kind. Mutters Schwester, Mann und Kind waren auch Kind in meinem Elternhaus, weil, es war ja früher auch Tantes Elternhaus gewesen.
Als ich geheiratet hatte, kam schon bald die Frage meiner Eltern, ob wir denn nicht gerne zu ihnen ziehen würden. Natürlich in ein neues Haus. Natürlich auf ihrem Grundstück.
Also bauten wir. Jeder aus der engeren und weiteren Familie packte mit an, es war ein echtes Familien- Gemeinschaftsprojekt.

Da wir eine kleine Tochter hatten, konnte ich natürlich nicht mehr in meinem Beruf als Banker arbeiten. Meine Eltern waren beide berufstätig, und es gab weder Kitas noch sonstige Kleinkinder-Aufbewahrungstätten. Also bot es sich an, dass ich zuhause die Stellung hielt, einkaufte für die ganze Mannschaft, kochte, (mittags zu vier verschiedenen Zeiten), mich um meine Oma kümmerte, - und meine Eltern uns dafür finanziell unterstützten.

Dann kam unser zweites Kind, und ich konnte noch weniger arbeiten. Eine Mutter muss  zuhause bei den Kindern sein und sich kümmern. So war's halt früher. Hab ich auch gerne gemacht. Hatte schließlich auch keine andere Wahl damals.

Und fast jeden Sonntag liefen wir alle, dreiviertel der Familie, mit Kinderwagen und Kind, Hund, Schwager, Schwägerin und Nichte die rund sechs Kilometer zu meinen Schwiegereltern, wo wir dann auf den Rest der Familie trafen- noch mal weitere sechs Leute- und immer einen äußerst geselligen Nachmittag verlebten. Die Kinder kramten in Omas alter Blechbüchse mit den uralten Fotos, spielten Karten, verarschten die Kleinen, steckten sie in den Kaninchenkäfig oder schmissen sie ins Korn auf dem Feld nebenan, stopften sich voll mit Kuchen und Limo oder spielten Verstecken in Opas Kemenate.
Und wenn wir dann abends wieder zuhause waren und bei uns noch zusammen saßen, ein Bierchen tranken und noch eine Kleinigkeit zum Essen zusammensuchten, dann stand unweigerlich irgendwann unsere Kleine mit der Schultasche auf dem Rücken bei uns und sagte: „Tante Hannelore...?“
Und wir brachen alle in Lachen aus und sagten: „ja, du darfst mitgehen.“
Bei Tante Hannelore schlafen war das Größte mit.
Oft, eigentlich meistens, kamen meine Eltern dann auch noch rüber und saßen bei uns.

Meine Oma starb mit 79. Mein Vater hatte mehrere Infarkte, bevor er mit 69 ebenfalls starb.
Die Familie war immer da. Alle zusammen oder nacheinander. Keiner bleib allein.
Weder die Sterbenden, noch die Hinterbliebenen.

Es kann oft nervig sein, wenn man nie alleine ist und immer irgendwo der „big brother“ einen watched.
Aber es bedeutet auch Sicherheit.

Heute sind wir nur noch zu dritt hier: Meine Mutter, (Schneeweißchen), und wir. Unsere Kinder und Enkel sind weit weg. Aber sie kommen so oft wie irgend möglich nach Hause. Sie brauchen regelmäßig die schwere, nasse Luft von Emmerich und die Wärme ihrer Familie.
Sie brauchen zum Überleben dort in der Fremde die Sicherheit, in ihre Familie eingebunden zu sein, Teil zu sein von uns, ihre Wurzeln jederzeit zu finden, ohne suchen zu müssen.
Sie beneiden ihre Cousinen, die noch in der Nähe sind und immer dabei sein können.
Sie müssen zum Überleben regelmäßig Familie tanken.
Sie kommen zu den Festen und knubbeln sich hier auf engstem Raum.
Sie kommen, um Schneeweißchen zu sehen.
Sie kommen, um sich fallen zu lassen.
Sie kommen, um neue Kraft zu tanken.
Sie kommen, um zu reden.
Sie kommen, um in ihrer Familie zu sein.
Sie kommen, damit ihre Kinder in Familie eintauchen können.

"Opa so weit weg wohnt", kam es letztens leise durch den Telefonhörer. Unsere Kleinste war gerade zwei, aber sie wusste schon genau, dass zur Familie nicht nur Mama, Papa und die Geschwister gehören, sondern auch Oma, Opa und Oma Tick-Tack.

Auch sie weiß schon:

W i r   s i n d    F a m i l i e.

Vielleicht sind wir ein Auslaufmodell.
Aber ich glaube es nicht. Wenn ich mich so umschaue in der weiteren Familie und im Bekanntenkreis:
Die Familie, der Wunsch nach Familie, lebt nach wie vor. Allen Unkenrufen zum Trotz.
Die Familie lebt!

 

PS: Inzwischen sind acht weitere Jahre vergangen, wir schreiben 2016. Viel hat sich getan, viel hat sich verändert. Jetzt sind wir die Alten.

Die Alten von damals sind längst alle tot, die Jungen weit weg, wir sehen uns nur sehr selten. Der Alltag ist halt mächtiger als die Sehnsucht.

Aber wir sind uns noch immer genauso nah wie damals, als wir noch alle zusammen waren. Wir gehören noch immer ganz eng zusammen. Innerlich auf jeden Fall. Und fürs Äußere gibt es ja zum Glück inzwischen die Telefon-Flat, Whats App und Skype. Und so sind wir trotzdem immer und überall hautnah mit dabei.


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