the fog


 

Weihnachten 2006

 

Eigentlich wollten wir das Weihnachtsfest in England bei unserer Tochter feiern. Aber aus verschiedenen Gründen ging es dann doch nicht.

 

Deshalb  beschlossen wir, dass Barbara zu uns nach Hause kommen sollte. Mit dem Abendflug der Ryanair von London-Stansted nach Weeze.

Aber pünktlich zur Weihnachtszeit schlug der berühmt-berüchtigte englische Nebel zu.

Am Freitag, dem 22.12.06, musste sie noch bis 14 Uhr arbeiten, dann wollte sie um halb 3 den Flughafenzug nehmen und dann den Flieger. Um 22.35 wollten wir sie in Weeze abholen.

Soweit war alles geplant und gebucht.

Nicht geplant und schon gar nicht gebucht war der Nebel, der die englische Insel völlig lahmlegte.
Schon Mitte der Woche hatte er sich klammheimlich angeschlichen, ausgebreitet und England mit dicker, grauer Watte zugedeckt. Er hockte sich mitten ins Land auf seinen nassen Hintern und grinste wahrscheinlich dämonisch: "So, hier bin ich und hier bleib ich. Nun seht mal zu, ihr Briten, Besucher und anderes Volk, wie ihr jetzt noch von A nach B kommt!"

Wir hier hatten die Anfänge gar nicht so richtig mitgekriegt, weil wir andere Sorgen hatten. Aber am Donnerstagabend rief mein Schneeweißchen (meine Mutter) völlig aufgelöst bei uns an: "Im Fernsehen zeigen sie gerade, dass in England alle Flughäfen geschlossen worden sind wegen Nebel. Und dass das noch tagelang so bleibt. - Und das Kind? Wie kommt das Kind denn jetzt nach Emmerich?"

 

Wir fragten "das Kind" und es stellte sich heraus, dass es bestens informiert war. Der Nebel war nicht zu übersehen. Babs versprach uns, auf dem Laufenden zu bleiben. Sie wollte nach Möglichkeit auf jeden Fall zum Flughafen. Falls sie nicht wegkäme, könnte sie ihren Mann anrufen, der würde sie mit dem Auto wieder abholen.

 

Von da an verfolgten wir die englischen Nachrichten, die sich ausgiebig mit "the fog" beschäftigten. Besonders auf den großen Flughäfen von Heathrow und Birmingham herrschte absolutes Chaos. Nichts ging mehr. Tausende drängten sich in den Terminals, schliefen auf dem Boden, weinende kleine Kinder, Alte, Kranke, Geduldige und Ungeduldige. Und das zur Weihnachtsreisezeit.

 

Oben am PC suchte ich die Internetseiten von London-Stansted und Weeze. Auf englischer Seite sah die Anzeigetafel für raus gehende Flüge eigentlich ganz gut aus. Nur wenige Delays und noch weniger gecancelte Flüge. Weeze mit seinen paar Flügen hatte eigentlich gar nichts zu vermelden.

 

Ich wollte Babs mit diesen positiven Nachrichten etwas Zuversichtliches mit auf den Weg geben. Deshalb wartete ich noch die Meldung von Weeze über die erfolgte Landung der Freitag-Mittagsmaschine ab. Die sollte meine positive Übermittlung ins neblige England fein abrunden.

 

15.30 Uhr in Emmerich

 

Ich hockte vorm PC und wartete. Der Flug musste doch längst gelandet sein! Die Maschinen aus Barcelona und Stockholm wurden schon mit erwarteter Zeit aufgeführt. Aber kein Wort über die Ryanair aus England. Nicht mal ein simples "delay", nothing.

 

14.30 englischer Zeit

 

Währenddessen wartete unsere Tochter auf dem Bahnsteig in Leicester auf ihren Flughafenzug. Er kam erst mit einer halben Stunde Verspätung. Erleichtert parkte sie auf ihrem gebuchten Platz, schloss die Augen und schlief ein.

 

Unsanft wurde sie geweckt.

 

Mit einer Lautsprecherdurchsage:

 

"Ladies and Gentlemen, wir bedauern sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass dieser Zug hier in Cambridge endet. Aufgrund seiner Verspätung und der Wetterbedingungen muss er von der Schiene. Sie haben Anschluss an den uns folgenden Flughafenzug, der in wenigen Minuten eintreffen wird."

 

Rund hundert Passagiere mitsamt ihrem Gepäck stolperten auf den nasskalten Bahnsteig und warteten bibbernd, aber ergeben, auf den Zug, der so schnell nicht kam.

 

Nach gut einer halben Stunde lief er ein. Er hielt und die Türen öffneten sich. Aber er war schon proppenvoll: die Abteile mit Menschen und die Vorräume mit Gepäck.

 

Jeder versuchte, sich mit seinem sperrigen Gepäck irgendwie in den Zug hineinzuzwängen. aber es waren einfach zu viele.

 

Gerade, als unsere Tochter an der Reihe war, zischten die elektrischen Türen und schlossen sich.

 

Aber nur ansatzweise. Denn Barbara schrie: "So nicht!", riss ihren Trolley hoch, schwang ihn mit Leibeskräften über den Kopf und hinein auf die Kofferberge. Sich selber mit demselben Schwung hinterher. Sie landete oben auf dem Gepäck, die Füße hingen noch draußen. Ihre Mitreisenden zogen und zerrten, bis alles von ihr drinnen war und die Türen sich schließen konnten.

 

Geschafft!

 

Sie schafften eine winzige Nische zwischen all den aufgetürmten Koffern, in der Babs mit eng an den Körper gedrücken Armen stehen konnte. Sie konnte gerade noch so eben oben drüber wegsehen. Das fanden die anderen alle äußerst lustig und schon bald hallte der Waggon von ihrem Lachen. "Ich habe eine Platzkarte bis zum Airport gebucht", sagte Babs, und sie brüllten alle wieder los.

 

Schon bald, innerhalb weniger Minuten, war aus den fremden Menschen eine verschworene Clique geworden. Sie beschlossen, zusammen zu bleiben. Und wenn sie auf dem Flughafen übernachten müssten, könnte immer abwechselnd einer auf die anderen aufpassen.

 

16.30 Emmerich

 

die Nachrichten waren fast unverändert. Nur, inzwischen waren die Temperaturen unter null Grad gesunken und die M5, die Hauptverkehrsschlagader Englands, war spiegelglatt. Überall waren inzwischen wahre Menschenmassen unterwegs, hin zum Flughafen, um Leute abzuholen und weg von dort Richtung Heimat. Die M5, die schon zu normalen Zeiten der größte Parkplatz Englands genannt wurde, erlitt einen absoluten Kollaps. Dazu kam das plötzliche Glatteis in Verbindung mit null Sicht.

 

Ich musste Babs vorwarnen:

 

"Kind, die M5 platzt aus allen Nähten, nichts geht mehr, außerdem ist Glatteis aufgekommen. Ruf um Himmelswillen niemanden an, dass er dich abholen soll. Ich suche dir Übernachtungsmöglichkeiten am Airport raus. Ich melde mich wieder."

 

17 Uhr in England

 

In Stansted angekommen, wurden die neuen Passagiere per Lautsprecher aufgefordert, umgehend wieder umzukehren. Es gäbe keine Hoffnung auf Buchung oder Umbuchung.

 

Aber was entdeckte unsere Tochter: Ihr Flug FR3258 war angeschlagen. Sie konnte zum Schalter gehen und einchecken.

 

Augenblicklich rief sie uns an.

 

Ich konnte es nicht glauben, die Anzeigetafeln von Stansted im PC zeigten fast nur noch "unknown". Auch Flug FR 3258 war in allen Einzelteilen aufruf-und lesbar, aber - unknown.

 

"Doch," schrie Barbara ins Handy, "ich habe meinen Koffer schon eingecheckt."

 

Ich wieder hoch an den PC, diesmal auf Weeze geklickt: Und siehe da, der verloren gegangene Nachmittagsflug war um 18 Uhr gelandet.

 

Wenn er in circa 40 Minuten wieder abfliegen würde, und in Stansted noch landen könnte und auch wieder zurückfliegen würde, dann....

 

Zu viele würde und könnte und hätte.

 

Es könnte passen von der Zeit her, aber ob der Nebel und alles andere mitspielen würden?

 

Unsere Nerven flatterten, unsere Mägen standen auf Kopf und wir brauchten regelmäßig eine neue Dosis "Korodin" Herztropfen. Der Stress dieser Woche machte uns fertig.

 

Zumal unsere Nerven sowieso bis zum Äußersten gespannt waren. Noch vormittags hatte unsere Freundin angerufen: Sie haben jetzt die Maschinen abgestellt, wir fahren hin und bleiben bei ihm, bis alles vorbei ist."

 

Unser bester Freund lag im Sterben.

 

Unsere Tochter war im Kommen.

 

Leben und Tod, Tod und Leben, alles zur gleichen Zeit.

 

Unsere Gedanken schossen unkontrolliert wie wild gewordene Hummeln durch unsere Köpfe.

 

Ruhig bleiben, Tee kochen. Lieber hätten wir uns einen schönen, starken Single Malt gegönnt. Aber eventuell, wahrscheinlich, vielleicht, hoffentlich mussten wir ja noch fahren.

 

Mein Mann klebte weiterhin am Fernseher vor den englischen Nachrichten-Kanälen, ich am PC.

 

Weeze meldete: Flug FR 3258 ist um 18.51 gestartet nach London-Stansted.

 

Ob er landen kann? Und ob er nochmal hochgeht heute abend?

 

Fragen über Fragen.

 

In London-Heathrow herrschte immer noch blankes Chaos, ebenso auf den meisten anderen Flughäfen Englands. Nur von Standsted kam keine Meldung, kein Interview. Sollte es dort wirklich besser sein? Eigentlich sind Heathrow und Stansted doch gar nicht so weit auseinander?

 

Stansteds Anzeigetafeln wiesen inzwischen fast nur noch "unknown"-Flüge aus. Ein paar waren ganz gestrichen und ein paar delayed.

 

Über Flug FR 3258 hatten sie gar nichts zu vermelden, obwohl er doch schon im Landeanflug sein musste!

 

Wieso, zum Teufel, konnten sie die Daten nicht mal aktualisieren? Wusste der eine hier überhaupt, was der andere tat?

 

Es war zum Wahnsinnig werden!

 

18.45 englische Zeit

 

Anruf Handy Barbara:

 

"Das ist der Wahnsinn hier! Eben kam eine Durchsage, ganz glücklich und stolz, dass ein Flug starten konnte. Und Sekunden später eine andere Frauenstimme: Ho! Ho! Ho! Es ist Weihnachten!

 

Das hätte sich mal in Heathrow einer erlauben sollen! Das müßtet ihr sehen! Das ist eine Stimmung hier!

 

Ich melde mich wieder."

 

19.40 deutsche Zeit

 

Flug FR 3258 ist in London-Stansted gelandet. Laut Internet.

 

Das passt! Von der Zeit her. Wenn auch die falsche Maschine, von der Zeit her ist sie goldrichtig. Hoffentlich kann sie mit Babs an Bord auch noch mal starten heute abend!

 

Flug FR 3258 in Stansted noch immer "unknown"

 

20 Uhr deutsche Zeit

 

Anruf Babs Handy: „Ihr glaubt es nicht! Ich werd gleich wahnsinnig! Wir haben Feueralarm!

 

Ich war schon im inneren Bereich, nur zwei gates vor meinem, kurz vorm Einsteigen, da kommt Feueralarm!

 

Wir stehen alle draußen auf dem Rollfeld im dicken Nebel. Neben uns, ganz nah, steht eine riesige Maschine, aber sehen kann man sie kaum.

 

Und eben haben sich zwei Piloten vor mir unterhalten, die anscheinend deadhead mit einer frischen Crew mitfliegen, dass noch 300 Meter Sicht sind. Bei 200 wird der Flughafen geschlossen.

 

Drückt uns die Daumen!

 

Ich melde mich wieder!"

 

Schafft sie's, schafft sie's nicht?

 

Ich wette, da hat bestimmt irgend so ein Idiot von Passagier die Nerven verloren und sich eine Zigarette angemacht. Überall sind doch Rauchmelder. Das war bestimmt der Grund für den Feueralarm. Verstehen kann ich das schon, wenn man in solch einer Situation trotz Rauchverbot zur Zigarette greift! - aber nicht heute! Wehe, ich kriege den Typ in die Finger! Es war doch schon fast soweit!

 

Tief durchatmen und warten.

 

Da! Telefon: Wir steigen ein, ich komme!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!"

 

Wie wir hinterher erfuhren, dauerte es noch ein bisschen, bis die Maschine dann wirklich abhob Richtung Festland. Erst musste noch ein fremder Koffer im Bauch der Maschine gefunden und wieder ausgeladen werden, dann noch ca 15 Minuten w/ SLOT, aber dann ...

 

Raus aus dem Nebel, rüber übern Kanal und runter bei Weeze, rein in Muttis und Paps' Arme.

 

22.30 Ab nach Hause.

 

Weihnachten!

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