Eene, meene, muh - und raus bist du

pro und contra und Epilog

PRO

 

Die "Kinder", wie Mutter sie nennt, sind schon im Rentenalter, und sie beschließen nach jahrelangem Zaudern, ihr Haus zu verkaufen. Eigentlich nichts Besonderes, sollte man meinen.

Aber die Kinder wohnen in ihrem Haus ganz hinten auf Mutters Grundstück. Und Mutter wohnt vorne im alten Elternhaus. Da man ja eine Familie ist und auch damals keine Genehmigung für eine zusätzliche Einfahrt bekam, gibt es nur diese eine Zufahrt zu ihre Haus, die an Mutters Haus und ihrer Laube vorbeiführt. Übers gesamte Grundstück.

Vor Jahren hat Mutter aus verschiedenen Gründen Haus und Grund auf die einzige Tochter überschreiben lassen. Ihr gehört also sozusagen alles.

Die grauhaarigen Kinder leiden schon lange unter dem Krach rundherum, dem Dreck, der Industrie, dem Schwerlastverkehr. Und auch der Garten, so schön er auch ist, ihrer und Mutters, frisst ihre Kraft und Energie auf. Mit ihrer Gesundheit steht es auch nicht zum allerbesten. Nichts besonderes, halt, was man so hat in dem Alter. Verschleiß, Herzklabaster, zu viel Cholesterin sowieso, Bluthochdruck. Und man wird doch auch etwas langsamer mit den Jahren. Man ist nicht mehr ganz so belastbar.

Jetzt soll direkt vor ihrer Nase zusätzlich noch ein weiterer Lärmbetrieb etabliert werden, der in Holland keine Genehmigung bekommen hat. Das hat das lange schwelende Fass zum Brennen gebracht.

„Mutter, wir ziehen hier weg. Wir verkaufen. Du kannst wohnen bleiben, oder du ziehst auch weg.“

 

Mutter ist schwerbehindert, besonders schwer gehbehindert, und sie hört nur auf einem Ohr noch etwas. Keinen Krach, nur noch das, was sie hören will. Ihr Haus ist tipptopp, aber halt auf kleinem Grund mit vielen Treppen, wie auch das Haus der Kinder. Sie kann nur äußerst mühsam laufen. Auf ebenem Boden. Treppen sind eine Qual. Sie läuft nirgendwo Treppen, wenn es sich irgendwie vermeiden läßt. Nur in ihrem Haus. Das ist meine letzte Gymnastik, sagt sie. Ihr Wohn-Schlafbereich mit Fernseher, Musik und DVD ist oben, ebenso das Bad. Im Erdgeschoss ist ihr nicht genutztes "gute Zimmer" und noch ein paar Treppen tiefer die Wohnküche samt Haushaltsraum und ein ebenfalls nicht genutztes Bad.

Wie lange kann sie die Treppen noch bewältigen? Wie oft wird sie noch herunterfallen? Was wird beim nächsten Mal passieren? Welche Knochen werden beim nächsten Mal brechen?

Wie oft wird die Tochter sie noch komplett pflegen müssen rund um die Uhr?

Die Kinder sagen, sie braucht eine behindertengerechte Wohnung. Lange schafft sie das hier nicht mehr. Oder wir müssen das Haus umbauen lassen, weil sie nicht weg will. Aber dann wohnt sie hier mit fremden Leuten auf dem Grundstück, die ständig an ihrem Haus vorbei müssen, um zu ihrem Haus zu gelangen. Wir suchen ihr am besten eine schöne passende Wohnung, hell, Erdgeschoss oder mit Fahrstuhl und Balkon und schöne Aussicht. 'Vielleicht auf den Rhein. Den liebst sie doch so. Das Geld für den Verkauf des Hauses bekommt sie natürlich selber. Die Kinder wollen sich nicht bereichern. Sie wollen nur endlich weg.

Der Mann hat einen schlimmen Rücken. Dieses Jahr war es so schlimm, dass er absolut nichts im Garten tun konnte. Alles blieb an seiner Frau hängen. Auch Mutters Garten natürlich. Mit zig Rosenstöcken und zig anderen arbeitsintensiven Pflanzen und Blumen. Die Kinder lieben Blumen, Pflanzen sowieso. Sie haben auch den berühmten grünen Daumen. Aber es ist soviel Arbeit, dass manchmal zusammen mit dem Hexenschuss gleichzeitig so was wie Hass aufkommt.

"ICH WILL NICHT MEHR!"

Die Kinder wollen in ihrem letzten Drittel ein neues Leben anfangen. Frei und unabhängig. Endlich tun und lassen können, was sie wollen. Spontan sein können.

Solange sie es noch können.

Eine hübsche Wohnung in ruhiger Umgebung, kochen oder nicht kochen, nicht auf die Uhr gucken, öfters mal verreisen, einfach so. Ohne große Vorbereitungen, wer kümmert sich um Mutter, was koch ich vor? das Haus, die Pflanzen? Einfach die Türe hinter sich abschließen und gehen.

Es wird nicht leicht sein, auch für sie nicht. Die Tochter hat schließlich auch rund 55 Jahre hier gelebt. Sie haben geholfen, das Haus mit eigenen Händen aufzubauen. Da steckt Herzblut drin und eine Menge Erinnerungen. Und zwei lädierte Rücken. Ihre Kinder sind hier aufgewachsen, die Mauern könnten eine Menge erzählen.

Auch die exotischen Pflanzen, die sie als kleine Babypflanzen gekauft haben, irgendwann, auch von ihnen müssen sie Abschied nehmen. Nein, es wird auch für die Kinder nicht leicht sein.

Und doch sind sie fest entschlossen.

Sie können nicht mehr.

Sie wollen Ruhe. Endlich Ruhe.

Der Mann hat ständig Herzrasen und Aussetzer, weil er den Krach nicht ignorieren kann.

Seine Frau wird eines Tages vielleicht auch morgens die Treppen herunterfallen, weil ihre Gelenke nach der Nachtruhe nicht so recht in Gang kommen. Und sie will nicht immer nur putzen, Aufträge abarbeiten, auf den Knien durch den Garten robben und die verschlissenen Gelenke belasten...

Sie haben einen Makler eingeschaltet. Es ist offiziell.

Und jeder schnappt nach Luft und sagt: Und Mutter? Das könnt ihr doch nicht tun!

Keiner, nicht einer außer ihren eigenen Kindern, fragt nach ihnen. Wie es ihnen geht. Ob sie noch können. Nur nach Mutter, der Guten.

Mutter ist zäh wie zehn preußische Generäle. Viel kranker, aber auch zehnmal zäher als ihre Kinder. Eine Zigeunerin hat ihr in frühen Jahren prophezeit, dass sie 93 Jahre alt wird. Und die Tochter, die ihre Mutter sehr genau kennt, weiß, dass es so sein wird. Wahrscheinlich wird sie ihre Tochter und den Schwiegersohn noch überleben. Denn die Tochter hat zwar die körperlichen Mackenl von ihr geerbt, aber sie ist aus weichem Holz geschnitzt, so wie ihr Vater. Und der ist jung gestorben.

Die Kinder haben ausführlich überlegt: irgendwann, sobald der erste von uns stirbt, wird sowieso verkauft. Keiner von uns will mit Fremden auf einem Grundstück so eng beieinander leben. Und ob wir dann, wann immer es sein wird, noch so fit sind, zwei Häuser auszuräumen und zwei Umzüge zu arrangieren? Wir haben ja heute schon so viele körperliche Macken und Alpträume bei den Gedanken daran, was da alles auf uns zukommt.

Nein. Wenn, dann jetzt.

Und Mutter?

Und wenn wir weiter weg sind von ihr?

Wer pflegt sie und besorgt ihr, was sie alles braucht? Mit wem isst sie zu Mittag? Wer reibt ihr abends den Rücken ein? Wer hört sich ihre Geschichten zum hundertvierzigsten Mal an?

Die Tochter quält sich mit dem Satz, den sie seit Jahren immer wieder gehört hat : Das könnt ihr später alles wieder gut machen.

Wie lange müssen sie noch gutmachen für Geschenke, die sie nie wollten? Wie lange noch?

Sie werden sich kümmern und jemanden finden. Jemand anderen.

Mit schlechtem Gewissen.

Wie lange müssen Kinder ihr Lebensglück hinter das ihrer Eltern stellen? Dürfen sie es überhaupt? Oder haben sie irgendwann auch ein Anrecht auf Egoismus? 

C O N T R A

 

 

Ich bin 83 Jahre alt. Und ich wohne hier in diesem Haus seit 73 Jahren.
Hier habe ich fast mein gesamtes Leben verbracht.
Alle meine Erinnerungen an früher, als mein Mann noch lebte, finde ich in diesem Haus, in diesen Mauern.
Nie hätte ich gedacht, dass ich jemals hier raus müsste. Nie.
Ich habe Wohnrecht bis an mein Lebensende. Notariell verbrieft sogar.
Und jetzt das.
Ich bin schockiert.  

Aber ich will den Kindern keine Steine in den Weg legen.
Wenn sie gehen, gehe ich mit. Ich will um keinen Preis allein hier bleiben. Wer versorgt mich denn? Wer kümmert sich? Bei wem kann ich essen? Nein, ich gehe dann doch lieber mit ihnen.

Aber sie wollen alleine gehen. Ich soll nicht mit.
Ich soll eine eigene Wohnung haben, sagen sie. Behindertengerecht mit Fahrstuhl oder Parterre. Gott sei Dank muss ich nicht in ein Altenpflegeheim. Das ist mein schlimmster Alptraum.
Nein, eine schöne, helle Wohnung mit hübschem Ausblick soll es sein. Ich komm ja nirgendwo mehr hin. Und zu mir kommt ja auch keiner mehr.
Höchstens meine andere Betreuerin, die alle zwei Tage für ein paar Stunden da ist, die ehrenamtliche Frau vom Sozialdienst, Agnes, die alte Nachbarin, die Putzhilfe, der alte Bekannte, meine Montagsfreundin und die anderen Freundinnen, die aufgrund ihres Alters auch nur noch ganz sporadisch mal kommen. Aber sonst?
Wer kommt denn schon groß zu mir?

Da freue ich mich um so mehr, wenn mittags kurz vor eins das Telefon klingelt und ich rüber gehen kann zu meiner Tochter. Dann ist der Tisch schön gedeckt, ich kriege extra eine leichte Gabel, weil ich die schwere nicht halten kann, und ich kann lecker essen und erzählen. Meine Tochter kann soooo lecker kochen. Nirgendwo schmeckt es so gut wie bei ihr. Und darauf soll ich dann verzichten? Vielleicht Fertigessen, das sowieso nicht schmeckt, für viel Geld kommen lassen?

Na ja, mein Schwiegersohn zieht öfters ein Gesicht und sagt leise was, was ich nicht hören kann. Aber wem soll ich denn meine Geschichten von früher erzählen? Zu mir kommt doch keiner.

Und jetzt soll ich raus.
Diese Blamage.
Wie steh ich denn da vor den anderen?
Ich!

Als meiner Nachbarsfreundin das Gleiche passiert ist, erst vor ein paar Monaten, da hab ich gesagt, das täten sie mit mir nicht. Das würde ich mir nicht gefallen lassen. Und? habe ich gesagt, dann hast du eben Heizung und musst nicht mehr frieren. Aber dafür aus dem Haus raus, in dem du schon immer gelebt hast? Und wieso kann dein Schwiegersohn nicht mehr deinen Garten machen und die Reparaturen? I c h konnte in dem Alter noch alles und habe auch noch alles selber gemacht.

Ich habe alles versucht, die Kinder von dem Plan abzuhalten. Ich hab sogar meine Pillen abgesetzt. Ich hab gesagt: Ich will nicht mehr. Wenn ich keine Pillen mehr nehme, dann ist es vielleicht bald aus mit mir. Aber meine Tochter reagiert ganz anders, als ich dachte. Sie sagt doch glatt, wenn du die Pillen nicht nimmst, landest du wieder mit Blaulicht irgendwann nachts im Krankenhaus und hinterher geht es dir noch schlechter. Sie meint doch tatsächlich, ich habe noch zehn Jahre vor mir.

Bloß nicht. Ich kann doch so schon nicht mehr. Die Treppen fallen mir wirklich immer schwerer. Aber das sage ich nicht.
Und mit der Wohnung, der neuen. Ich habe schon gesagt, dass ich nicht im Erdgeschoss wohnen will, da sieht man nichts. Und ich komm ja nirgendwo mehr. Und meine Möbel nehme ich auch mit. Und meine Fotoalben und Bücher werden ja wohl irgendwo Platz finden. Lass ich eben jemand kommen, der mir Regale schreinert. Und ich muss auf jeden Fall auch mein Winter-Oberbett im Sommer aufhängen können und umgekehrt mein Sommer-Oberbett im Winter.
Ehrlich gesagt, bin ich beleidigt. So was von sauer. Ich hätte ja nie gedacht, dass sie es so ernst meinen könnten. Können sie nicht warten, bis ich tot bin?
Aber nein, sie sagen, die Vorstellung, auf meinen Tod zu warten wie die Spinne im Netz auf Beute lauert, die finden sie furchtbar. Und wenn sie älter sind, hätten sie keine Energie mehr, zwei Häuser und zwei Haushalte aufzulösen und neu zu beginnen.
Phh!

Als der Makler da war, das war ganz schlimm. Mir war richtig schwummrig. In dem Moment habe ich gemerkt, jetzt wird es wirklich ernst. Ich war höflich, aber sehr zurückhaltend. Ich habe ihm Auskunft gegeben über Baujahr und was er sonst noch so wissen wollte und habe ihn Bilder machen lassen. Von meiner Wohnung. Meiner Privatsphäre.
Ich glaube, das kann ich nicht verzeihen.
Morgen muss ich mir unbedingt eine Grippespritze geben lassen und neue Medikamente bestellen. Sonst werd ich noch krank davon.

Und wieso soll mein Haus nur so wenig wert sein? Es ist tausendmal besser als die andere Doppelhaushälfte, die gerade verkauft wurde. Es kommt auf die Grundstücksgröße an, sagt meine Tochter. Nebenan ist ein morsches Haus mit großem Grundstück. Du hast ein tolles Haus mit kleinem Grundstück, weil wir nämlich unser Haus darauf gebaut haben. Sagt sie. Zwei Häuser eben auf einem Grundstück.

Die können mir viel erzählen.

Ich will hier leben bleiben wie bisher.
Aber ich darf nicht.
Ich darf schon, aber ich kann nicht. Und ohne meine Tochter will ich auch nicht. Es war so schön. Zwar allein im Haus, aber nie allein. Und jetzt?
Womit habe ich das verdient? Sie haben doch nie Last mit mir gehabt, oder...?
Warum kann ich meine letzten Jahre nicht so weiterleben wie bisher? Die sind doch noch jung, die Kinder, warum können die nicht...
ich konnte doch auch noch...

Epilog:

 

 

Das ist lange her.

Wir sind nicht weggezogen. Wir sind geblieben. Und die Mutter auch. Bis kurz vor ihrem Tod. Als nichts mehr ging und der Notarzt den sehr nahen Tod diagnostizierte, kam sie wieder ins Krankenhaus – und wurde wieder entlassen. Weil sie sich wehrte gegen den Tod. Aber nach Hause konnte sie auch nicht mehr. Laufen ging gar nicht mehr. Ihr Körper war mehr tot als lebendig. In unser Haus konnten wir sie auch nicht nehmen, wir haben auch überall nur Treppen. Und ich bekam genau zu dem Zeitpunkt ein Schreiben, dass mein Brust-Screening einen Befund zeigt.

Ich war am Ende mit meinen Kräften.

Meine Mutter bekam einen Heimplatz. Das, was sie niemals im Leben wollte.

Sie wurde dement, ganz plötzlich und ganz krass. Vielleicht das Morphium im Krankenhaus, das ihr das Sterben erleichtern sollte. Unsere Kinder kamen von weither, um Abschied zu nehmen...

In den folgenden drei Monaten starb sie noch vier mal, bevor sie wirklich starb. Ich war immer bei ihr. Einmal verlangte sie nach einem Geistlichen. Es kam ein Katholik, Mutter war damals vor der Hochzeit konvertiert, aber im Herzen immer katholisch geblieben. Als der Geistliche sich quasi entschuldigte, dass „nur“ er kommt, fuhr sie ihn an: Glauben Sie wirklich, dass da oben zwei Brüder sitzen? Ist ja wohl egal. Er stutzte, so was Kiebiges hatte er an einem Sterbebett wahrscheinlich auch nicht erlebt. Aber er betete und las ihr schöne Psalme vor. Da schloss sie die Augen. Ganz friedlich. Er ging dann und sagte, ich komm in einer Stunde zurück. Und sah mich bedeutungsvoll an. Sollte heißen, wenn alles vorbei ist.

Kaum war er aus der Türe, als meine Mutter die Augen wieder öffnete. Frisch und ausgeschlafen.

Und als der Pastor wieder zurück kam und ungläubig die Augen aufriss, sagte sie ironisch zu ihm: Sind Sie immer so langweilig, dass die Leute bei Ihnen einschlafen?

Sie wurde auch dieses Mal wieder aus dem Krankenhaus entlassen.

In den vielen Stunden an ihren Betten im Krankenhaus und im Heim versuchte ich immer wieder, ihr das Loslassen zu erleichtern. Ich erzählte von meinem Vater, den sie so sehr geliebt hat. Der sie dort im Licht schon erwartet. Sie schaute ganz intensiv, aber dann sagte sie: ich kann ihn nicht sehen.

Und blieb.

Ich malte sanfte, glückliche Bilder vom Jenseits. Immer wieder. Wann immer sie sterben wollte..

Dann, am 4. Juli, einem glühend heißen Tag, ging es endgültig zu Ende. Der Anruf kam am frühen Sonntag Morgen. Ich betete nur noch: bitte, lieber Gott, lass es diesmal wirklich sein. Ich kann nicht mehr.

Es war Emmericher Kirmes. Auf dem Platz vor dem Heim, direkt unter ihrem Fenster, fand ein Gottesdienst statt, bevor die Prozession los zog. Die Schwestern hatten Mutter das feinste Batist-Nachthemd angezogen. Sie lag im Koma. Ich sagte: Hör mal, eine Messe direkt vor deinem Fenster. Ist das nicht schön? Hörst du die Musik?

Sie war ganz ruhig. Diesmal war sie ganz ruhig.

Stundenlang saß ich an ihrem Bett. Ganz leise sprach ich mit ihr, und ich wusste, sie versteht mich. Ihre flaschenförmigen Beine, die schwer wie Marmor gewesen waren in den letzten Wochen, waren wieder weich und dünn. Immer wieder kamen Schwestern, prüften die Farbe ihrer Fußgelenke und schüttelten den Kopf. Dauert.

Sie brachten mir Wasser und Essen. Draußen vor der offenen Balkontüre tobte der Bär. Und es war gnadenlos heiß. Irgendwann am Nachmittag wurden mir die Augen schwer. Immer, wenn ich auf dieses kleine Zucken in ihrer Halsbeuge guckte, fielen mir die Lider zu. Ich legte kurz meinen Kopf auf die verschränkten Arme auf das Bettgitter. In dem Moment, vielleicht Sekunden oder Minuten später, schreckte ich auf. Mutter schluckte, so wie früher, wenn sie ihre geliebte Milch in großen Schlucken trank, ihre Zähne und Lippen färben sich rot – und das Zucken in ihrer Halsbeuge war weg.

Meine Mutter war tot.

Oder doch wieder nicht?

Ich versuchte, ihre Augenlider zu schließen, aber die Lider hoben sich wie von Geisterhand wieder hoch. Und sie starrte mich an.

Wieder und wieder legte ich ihr meine Hand auf die Augen, aber sie blieben weit offen.

Sie war noch da.

Ich schickte meinem Mann eine SMS, unseren Töchtern: Schneeweißchen ist nicht mehr.

 

Schneeweißchen hatten wir sie vor Jahren liebevoll getauft, weil sie schneeweiße Haare hatte und ihre eisige Haut, die einfach nicht ordentlich durchblutet wurde, auch immer schneeweiß war.

 

Unsere Älteste, die mit ihren Kindern am See schwimmen war, sagte später, in dem Moment, als Oma gestorben ist, hat es bei ihr in Hessen gedonnert. Aus heiterem Himmel. Und sie wusste, Oma ist oben angekommen und räumt schon auf.

 

Und unsere jüngste Tochter hatte zu der Zeit einen Wachtraum: Sie war hier bei uns zuhause unten im Keller mit seinen dunklen Ecken und Spinnen, da, wo die Stühle gestapelt sind. Sie hatte sich versteckt, und plötzlich kam Oma, jung, fit aber mit weißen Haaren. Unsere Tochter machte: psst, verrat mich nicht. Sie lächelte und nickte. Sie hielt ein Buch in der Hand.

Dann erschien ich plötzlich, und meine Tochter fragte: Warum ist denn Oma hier?

Ich:  Aber sie ist doch gar nicht hier.

Da ließ Oma das Buch fallen, drehte sich um und ging.

Unsere Tochter nahm das Buch auf und schaute auf den Titel:

Geliebte Tochter