Kurzgeschichten und andere Texte


Trauern und Leben

Ein Märchen, geschrieben für Herzenswunsch NDRH


Ein Hase mit einer großen Kiepe auf dem Rücken hoppelte fröhlich pfeifend auf dem Weg.

Da kam ihm ein gebeugter Mann entgegen, der den Kopf tief gesenkt hatte.

„Guten Tag, alter Mann“, sagte der Hase.

Da hob der Mann den Kopf, und der Hase sah, dass es gar kein alter, sondern ein ganz junger Mann war, fast noch ein Kind.

„Ja, sag mal“, sagte der Hase erstaunt, „was ist denn mit dir?“

„Ich bin sehr traurig“, kam es leise zurück, „ich trage schwer an einer großen Last.“

„Du?“, fragte der Hase erstaunt, „ja, wo denn? Ich seh gar nichts. Ich trage eine Last, meinen Korb voller Eier, und der ist echt schwer. Das kannst du mir glauben. Trotzdem geh ich noch aufrecht und bin guter Dinge.“

Keine Reaktion.

Der Hase versuchte es erneut: „Pass auf, ich erzähl dir einen Witz: Es war einmal ein Hase, der hieß Oster... der ist gut, oder?“

Der junge Mann schüttelte nur den Kopf und wandte sich ab.

„He, warte, nicht so schnell. Du hast mir noch gar nicht erzählt, was das mit deiner Last auf sich hat.“ Der Hase stellte sich vor den Jungen und versperrte ihm den Weg.

„Ich kann nicht. Ich kann nicht darüber reden. Es ist tief in meinem Inneren fest verschlossen, und ich kann es keiner Menschenseele erzählen. Selbst nicht, wenn ich wollte.“

„Das wollen wir doch mal sehen“, der Hase ließ seine Kiepe auf den Boden sinken und sah fordernd zu dem Fremden auf. „Mach mal eine Räuberleiter.“

„Was – wieso – was hast du vor?“ Aber er gehorchte. Und schwupps sprang der Hase mit einem Satz auf seine Handflächen. Er legte ein Ohr an seine Brust und schaute mit weit offenen Augen in die Ferne, während er lauschte.

„Tatsächlich“, sagte er schließlich, „in dir ist alles stockdunkel. Und dein Herz holpert wie eine rostige Glocke. Mensch, das ist schlecht. Ganz schlecht. Wir müssen da unbedingt wieder Licht reinbringen, sonst gehst du vor die Hunde.“

„Ich weiß aber nicht, wie. Ich kann nicht reden, nicht mehr lachen, mich nicht mehr freuen an irgendwas.“

„Erzähl's mir!“

„Ich kann doch nicht.“

„Dann erzähl es dem Wind in den Bäumen. Schrei es in den Sturm, oder flüstere es im Dämmerlicht den Fröschen am Teich zu. Hauptsache, es kommt raus aus dir. Du musst unbedingt den Eisenring, der sich um dein Herz und deine Seele gelegt hat, sprengen. Und jedes kleine Bisschen, das sich löst, füllst du mit Licht und Freude. So wird deine Last nach und nach leichter, und du kannst wieder aufrecht gehen."

Damit sprang der Hase auf den Boden und schnallte sich die Kiepe wieder auf den Rücken.

„So, ich muss jetzt weiter, sonst krieg ich meine Arbeit nicht getan. Ich will doch die Kinder mit meinen Eiern glücklich machen. Adios, mein junger Freund. Und nun nimm den Kopf hoch und geh deinen Weg. Du wirst es schon schaffen.“

Er winkte zum Abschied und hoppelte mit einem fröhlichen Lied weiter.

 

Der junge Mann stand noch eine Weile und sah ihm hinterher. Dann atmete er tief ein und wieder aus. Irgendwie schien seine Brust ein ganz klein wenig leichter zu sein. Er nahm den Kopf hoch und versuchte, die Schultern zu straffen. Dann lief er langsam weiter .

Nach einer Weile bemerkte er, dass er flüsterte. Leise, fast unhörbar. Dann plötzlich brach sein ganzes Elend aus ihm heraus. Er schrie und schrie, bis er fast heiser war. Dabei strömten ihm wahre Sturzbäche von lange nicht geweinten Tränen übers Gesicht. Bis er schließlich völlig erschöpft auf den Boden sank.

So fand ihn Kasperle, der seinen gewohnten Abendspaziergang machte.

„Nanu, wen haben wir denn da?“, fragte er leise.

Der junge Mann zuckte erschrocken zusammen und versuchte verschämt, seine Tränen zu verstecken. Aber Kasperle hatte längst gesehen, dass der Junge lange und heftig geweint hatte. Er hockte sich neben ihn ins Gras und hob sein Gesicht behutsam an.

„Du musst sehr traurig  sein“, sagte er leise, „aber es ist gut, dass du weinst. Die Tränen schwemmen die Last, die dir die Luft abschnürt, weg. Jede Träne bringt Erleichterung.“

„Ich habe meine Mutter verloren. Mir ist so schrecklich zumute. Ich könnte immerzu nur weinen. Aber ich bin ja kein Kind mehr. Nur Kinder und Mädchen dürfen weinen. Wenn das jemand aus meiner Klasse mitkriegt, dass ich hier geheult habe wie ein Schlosshund, dann bin ich unten durch. Und ich will doch kein Weichei sein, keine Heulsuse. Ich bin doch schon fast ein Mann. Und Männer weinen nicht.“ Er schluchzte noch einmal heftig auf.

Kasperle schüttelte den Kopf: „Wer erzählt euch denn so einen Quatsch? Wieso dürfen Jungs und Männer nicht weinen? Wenn das so wäre, hätte euch der liebe Gott ohne Tränendrüsen erschaffen.  Nee, nee, mein Junge, auf so einen Schwachsinn können auch nur dumme Menschen kommen. Tränen sind  wichtig, egal, ob es jetzt Lachtränen oder Kummertränen sind. Sie müssen raus. Sie befreien, sonst würdet ihr irgendwann platzen. Sie sind ein sehr wichtiges Ventil, das man niemals zu sperren darf. Und die Idioten, die das nicht kapieren, werden es irgendwann bitter am eigenen Leib erfahren.“

Der junge Mann schaute mit großen Augen das Kasperle an. „Männer weinen also auch? Richtige Männer?“

„Aber ja, wenn sie richtige Männer sind, dann genieren sie sich nicht, ihre Tränen zu zeigen. - So, und jetzt fühl mal in dich hinein. Ist deine Last nicht schon viel leichter geworden?“

„Ja!“, der Junge blinzelte die letzten Tränen weg, und ein kleines Lächeln stahl sich in sein Gesicht. „Du hast Recht. Ich fühle mich schon sehr viel besser. - Aber ich bin immer noch schrecklich traurig.“

Kasperle nickte. „Das ist auch gut so. Du sollst auch trauern, wenn du einen so schlimmen Verlust erlitten hast. Es wäre nicht gut, wenn du deine Trauer nicht ausleben würdest. Sperr sie nicht ein.  Zeige sie. Erzähle, wie dir zumute ist, weine, wenn du weinen musst. Aber lass auch wieder das Lachen zu. Die Freude am Leben, die Wärme, das Licht. Das alles gehört zusammen. Nur, wenn du keines davon aussperrst, wirst du ein gutes Leben leben. Alles ist gut, es muss nur in der Balance sein.“

Der junge Mann hatte mit staunenden Augen zugehört. Jetzt nickte er langsam. „Danke, Kasperle. Ich werde deine Worte gut behalten. Auch die des Häschens.“

„Und denk daran, jedes Fleckchen in deiner Seele, das vom Ballast frei wird, mit Liebe und Licht zu füllen.“

Kasperle winkte ihm noch einmal zu, dann setzte es seinen Weg fort. Plötzlich kehrte es aber wieder um. „Hast du Lust, mich ein Stückchen zu begleiten?“

„ Ja, sehr gerne.“

Sie gingen eine Weile in friedlichem Schweigen nebeneinander her. Plötzlich kamen sie an eine Weggabelung. Der junge Mann wandte sich nach links und wollte auf dem Waldweg weiter gehen. Kasperle jedoch zeigte auf einen dornigen Felsweg, der bergan zu führen schien.

„Wir nehmen diesen Weg. Er ist schwierig zu gehen, manchmal scheint es, als schaffe man ihn nicht, aber ich möchte dir etwas zeigen dort oben.“

Kasperle ging voran und bahnte dem Jungen den Weg, so dass der ihm ohne Schwierigkeiten folgen konnte. Es erstaunte ihn, aber Kasperle lächelte leise und sagte, „deine Zeit ist noch nicht da.“

Nach einer guten Stunde erreichten sie die Bergspitze. Kaum hatten sie das Gestrüpp verlassen, tat sich eine neue Welt auf. Die Sonne strahlte so hell, dass der Junge im ersten Moment geblendet war. Es war warm, die Luft war erfüllt von Vogelgezwitscher und Gesang. Auf einer riesigen grünen Wiese blühten Blumen in allen Farben, Tiere, groß und klein, tummelten sich dazwischen. Alles war so überwältigend schön, so voller Glück und Wärme. Und über allem dieses intensive Licht.

Der Junge fühlte sich eingehüllt in ein Gefühl von unendlicher Liebe. Dann plötzlich sah er seine Mutter. Sie kam auf ihn zu. Ihre Füße schienen das Gras gar nicht zu berühren. Sie schien aus Licht zu sein, obwohl er sie ganz klar erkennen konnte. Ihr Lächeln spürte er mehr, als er es sehen konnte. Sie winkte ihm zu, voller Liebe und Frieden und wisperte: Alles ist gut.

Da wurde er ganz ruhig und ließ sich fallen in die alles umfassende Liebe.

 

 

Als er auf dem Gras an der Weggabelung wieder erwachte, dämmerte es schon. Er blieb noch einen Moment mit geschlossenen Augen liegen und ließ diesen seltsamen, wunderbaren Traum in sich nachwirken. Dann stand er stand auf, reckte und dehnte sich. Er fühlte sich wunderbar, so leicht, wie schon lange nicht mehr. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht machte er sich mit raschen Schritten auf den Heimweg.

Copyright: Christel Wismans 2018

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Karli-Scharli

Karli-Scharli

 

irgendwo am Niederrhein

vor vielen Jahren

 

 

Karlchen war knapp sechs. Ein mageres Kind mit dunklen, widerspenstigen Haaren voller Wirbel. Sein schmales Gesicht wurde dominiert von braunen Augen, die durch die dicken Brillengläser unverhältnismäßig groß in dem kleinen Kindergesicht standen. Ein Bügel fehlte an der unförmigen Brille. Karlchen hatte ihn bei einer Rauferei mit den großen Jungs aus der Nachbarschaft verloren. Sie hatten ihn wieder gehänselt, wie immer, wenn sie ihn sahen, und er ihnen nicht entgehen konnte. Karli – Scharli! Karli – Scharli ! Sie hatten ihn zwischen sich hin und her geschubst und ihm Beinchen gestellt. Und sie hatten gegrölt, als die Brille dabei in den Dreck fiel und Karlchen mit einem verzweifelten Satz versucht hatte, sie zu retten. Ohne sie war er hilflos. Gerade, als er seine Hand danach ausstrecken wollte, trat einer der Jungs zu. Es knackte kurz, und der Bügel brach entzwei.

Seitdem hielt ein Gummiband die Brille auf der Nase.

 

Karlchen schlich vorsichtig an den kaputten Häusern entlang, hielt sich dabei dicht an den Mauern. In den Trümmern etwas weiter entfernt hörte er die Stimmen der anderen Kinder. Auf keinen Fall durfte er ihnen begegnen. Heute schon gar nicht. Es war Weihnachten, und er wollte rechtzeitig zuhause sein. Die Mutter hatte geheimnisvoll getan, und ihre Augen hatten geleuchtet. Bestimmt war sie unterwegs, um etwas Besonderes zu organisieren. Er fühlte eine Erregung in sich aufsteigen und beeilte sich, nach Hause zu kommen.

 

Zuhause war der große Platz mit dem aufgetürmten Altmetall rechts und links, rostig, scharfkantig und gewaltig. Einmal, als er noch klein war, hatte Karlchen versucht, ein blinkendes Stück Blech, in dem sich die Sonne spiegelte, von ziemlich weit unten heraus zu ziehen. Mit Getöse, einem Gewitter gleich, war der Berg Metall ins Rutschen gekommen, und nur dank der Geistesgegenwart seiner Großmutter hatte er überlebt. Die Tracht Prügel, die er hinterher von ihr bezogen hatte, allerdings fast nicht. Die Mutter hatte still dabei gestanden, mit diesen traurigen Augen wie immer, und hatte nur leise gefragt: „muss das denn sein? Er ist doch noch so klein…“

Ja. Das muss sein. Er muss lernen. Er kann gar nicht früh genug anfangen, zu lernen. Gerade er, dieser, dieser…Bastard!“

Wie immer, wenn sie an diese Stelle kam, presste sie die schmalen Lippen fest zusammen, wie um lieber an diesem einen Wort zu ersticken, als es auszusprechen. Aber sie spuckte es aus. Immer. Voller Hass. Und sah ihn dabei an.

 

Mit dem Gedanken an die strenge Großmutter, die ihm immer irgendetwas vorzuwerfen schien, wurden Karlchens Schritte langsamer. Er schlich durch die langen Schatten auf dem Platz, die Augen resigniert auf den Eisenbahnzug gerichtet, der an der Kopfseite quer zum Altmetall stand. Hier wohnten sie. Wenn die Sonne schien, strahlte der Zug in freundlichem Silber. Aber jetzt war es schon früh dämmrig, bedrohlich schien er da zu stehen und auf ihn zu warten. Und in ihm die Großmutter.

Drinnen brannte ein trübes Licht. Karlchen tastete sich an die Fenster heran und zog sich etwas hoch. Ob die Mutter schon zuhause war?

In der Küche hockte die Großmutter und schnipselte Steckrüben in einen gusseisernen Kessel. Steckrüben! Och, ne, schon wieder! Immer diese blöden Steckrüben!

 

Die Mutter war offensichtlich noch nicht zurück. Vielleicht hatte sie ja einen Bauern entdeckt, der ihr etwas Milch eintauschen würde. Für Weihnachten. Oder ein paar Eier!

Bei dem Gedanken an heiße, gekochte Eier musste Karlchen schlucken, und das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Er beschloss, draußen auf seine Mutter zu warten.

 

Der Junge drückte sich in eine Nische zwischen Metall und Zug, scheuchte eine Ratte beiseite und zupfte gewohnheitsmäßig an den Rändern seiner kurzen Hose. Immer, wenn er sich hinhockte, rutschte sie hoch und gab ein Stück blanke Haut frei zwischen den braunen Wollstrümpfen und seiner fadenscheinigen Hose. Es war kalt, er schauerte und wünschte sich, dass seine Mutter bald käme und er mit ihr zusammen rein gehen könnte.

 

Seine Mutter hieß Elsa. Fräulein Elsa Guss. Sie war schön, so weich und warm. Er liebte sie sehr. Wenn er bei ihr sein konnte, war alles gut. Ihr konnte er alles sagen, sie alles fragen, was er nicht verstand und was ihn bedrückte. Allerdings kam es nur sehr selten vor, dass sie abends eng aneinander gekuschelt in der Dunkelheit ihres Waggons leise miteinander flüsterten.

Warum bin ich so braun? hatte er eines Tages gefragt. Und warum seh ich so anders aus als die anderen Kinder? - Und warum - warum habe ich keinen Vater?

Aber du hast einen Vater“, hatte sie gesagt. Heftig. „Natürlich hast du einen Vater. Einen sehr lieben sogar. Und er ist auch braun. Sogar noch mehr als du, - nur, - der ist nicht da. Der ist in Amerika. Ganz weit weg. Sieh mal“, sie hatte gestockt und dann irgendwie lahm geschlossen: „dein Großvater ist ja auch nicht da. Der ist im Krieg geblieben. Und dein Vater musste eben nach Amerika zurück. Aber er kommt uns bestimmt bald holen.“ Sie drückte den kleinen Kerl an sich und wiegte ihn beinahe heftig: „Ganz bestimmt. Du wirst sehen.“

 

 

+++++++++

 

 

Karlchen! Karlchen! Wo steckst du? Bist du hier irgendwo?“ Mutters Stimme hallte über den Platz. „Komm, schau her, was ich erstanden habe!“

Karlchen rieb sich die Augen, war er etwa eingedöst? Vorsichtig kroch er zwischen dem Gerümpel hindurch auf den inzwischen fast dunklen Platz.

Da stand die Mutter und zog hinter ihrem Rücken ein kleines Tannenbäumchen hervor:

 

Komm her, mein Schatz", rief sie und ihre Stimme klang beinahe übermütig, "komm! Schau, was ich gekriegt habe! Ist das nicht wunderbar?"

 

Sie hielt ihrem Sohn das Bäumchen hin, dann lehnte sie es gegen eine rußgeschwärzte, vorstehende Kante, schwang Karlchen auf ihre Arme und drückte ihm einen herzhaften Kuss auf die Nase:

 

 

"Fröhliche Weihnachten, mein Sohn!" 

Copyright: Christel Wismans

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Aus und vorbei

Er wollte alles.

Die Sterne vom Himmel.

Je größer, desto besser.

ALLES


Doch was letztendlich von seinen Träumen blieb, passte  in ein Schnapsglas.

 

Er sah klasse aus, damals.
Die Mädchen drehten sich nach ihm um und tuschelten. Kicherten, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Südländisch sah er aus. Nicht besonders groß, aber schlank und verwegen, dunkle Augen mit mädchenhaft langen Wimpern unter verwegener, schwarzer Haartolle.
Und frech war er auch. Er konnte jede kriegen. Und nahm sie auch.
Er wollte hoch hinaus, raus aus der Kleinstadt, der Enge, dem Mief.
Er wollte fliegen, sich den Himmel untertan machen, mit den Elementen um die Wette toben.

Raus, raus. Er wollte mehr.                                    

Er wollte alles.

Er schmiss den sicheren, erlernten Beruf.

Ein paar Jahre lang lief es gut. Sein Traum ging in Erfüllung. Er flog alles, was sich fliegen lässt und beherrschte seine Maschinen mit dem sicheren Gefühl für die vielschichtigen Vorgänge. An guten Tagen war er eins mit sich und der Maschine, eins mit dem Himmel, den Elementen und der Technik. Er liebte sich und sein Leben. Er war der Größte dort oben. Alles gehorchte seinem Kommando, seinem Knopfdruck, seinen Entscheidungen.

Oben war alles gut. Oben war er der King.
Unten war alles grau, öde, langweilig, dröge.
Seine Familie? Seine Frau? Klein kariert, langweilig. Und die ständigen Alltagsprobleme mit den Kids.? Mein Gott, musste er sich mit so was befassen, wenn er zuhause war?
ER?

Der Wandel kam schleichend auf leisen Sohlen.

Hier mal ein Glas, gerne auch mal zwei, drei. Immer öfter auch mal nur so zur Entspannung mit den alten Kumpeln von früher abhängen und einen drauf machen. Zeigen, dass man kein Intelligenz Pinkel ist, sondern ein ganzer Kerl.
Ich bin der Größte, ich kann schwere Maschinen fliegen, ich habe mich völlig in der Gewalt. So ein Schluck ab und zu tut gut. Dann ist auch die Qualmerei nicht so trocken.
Bald traf man ihn in seiner Freizeit nur noch mit der Zigarette in der einen und einem Glas in der anderen Hand.

Beim Fliegen trank er natürlich nicht.
Aber vorher. Wenn die Hände nicht ruhig wurden und zitterten.

Eine Weile ging es gut. Keine gravierenden Probleme, er schaffte den Spagat zwischen fast nüchtern und fast besoffen.
Seine Kumpel deckten ihn.
Seine Familie auch.

Aber dann kam der Tag der Wahrheit.
Er schaffte es noch gerade so eben, heil auf den Boden zu kommen. Die Maschine konnte repariert werden. Aber für ihn war Schluss. Endgültig Schluss.

Er wurde entlassen.
Und war auf perfide Weise irgendwie glücklich darüber.
Keine Verantwortung mehr. Aus. Vorbei.
Er konnte leben, wie er wollte. Trinken, wie und wann er wollte.
Wie viel er wollte. Nie mehr nur halb besoffen.

Er sackte schneller ab, als ein Ertrinkender versinkt.
Seine Familie sagte sich irgendwann von ihm los.
Es war ihm egal. So was von egal.
Er hatte seine Flaschen, seine treuen Begleiter, seine einzigen Freunde. Und seine Zigaretten.

**********************

Ab und zu landet er mit Blaulicht im Krankenhaus, in der Notaufnahme. Wird künstlich beatmet, Schläuche stecken in seinem Körper, führen aus ihm heraus.
Egal. Alles egal.
Er geht weiter seinen Weg.
Entschlossen.
Endgültig.
Bis zum bitteren Ende.

 

 

AUS und VORBEI 

 

Copyright: Christel Wismans

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Ready for take off

Oma im Cockpit

 

Ich bin ja schon öfters im Cockpit mitgeflogen,
aber noch nie, nie auf dem linken Pilotensitz...

 

Dunkelheit senkte sich langsam über Frankfurt, als ich mich vorsichtig durch das enge Cockpit schlängelte.
Meine Hände zitterten heftig, und ich hatte eine Heidenangst, irgendwo anzuecken und aus Versehen irgendeinen Schalter irgendwie zu berühren und zu verschieben. Oder mit meinem Fahrgestell das Fahrgestell der Maschine negativ zu beeinflussen. Ich kenne mich ja, und bei den tausend und drei Hebelchen und Knöpfen, die wie eine Armada von Glühwürmchen um mich herum leuchteten, konnte einem schon der Schweiß ausbrechen.
Wie auf rohen Eiern näherte ich mich dem linken Pilotensitz und ließ mich behutsam nieder.

Vor mir lag die Startbahn, schwarzer Abrieb von tausenden Reifen, die hier bei der Landung entlang geschrubbt waren, konzentrierte sich ziemlich zentral in der Mitte.
Flughafengebäude, geparkte Maschinen, Tankwagen, einer rollte auf uns zu, erste Sterne, die langsam im immer dichter werdenden Dunkel des Himmels aufblinkten.

Ich schnallte mich an.
Oma war „ready for take off”

Mein Begleiter auf dem rechten Pilotensitz programmierte den Computer.
Er - der Pilot auf Übungsschicht, ich - Gast .
Aber- er rechts! Ich – Oma- links!

Wir flogen mehrere Platzrunden, Steilkurven und andere Sachen, die für mich wie Flugchinesisch klangen.
Der Himmel über/neben mir hob und senkte sich, kippte über die Seite weg und entschwand manchmal ins Irgendwo. Ich wurde in den Sitz gepresst, die Maschine stieg steil hoch und war plötzlich wieder in der Geraden, landete und startete wieder durch. Himmel und Erde, Horizont und Nirwana. Mir schwirrte der Kopf, was meiner Begeisterung allerdings keinen Abbruch tat.

Schon bald musste ich kleine Aufgaben übernehmen: Fahrwerk ausfahren, einfahren, Checkliste vorlesen.
Oh Gott, kann ich das?
Ich kann!
Und ich will!
Oma war ready for take off!

Dann kam  dicker Nebel mit heftigem Seitenwind von links. Landung nach Instrumenten. Unheimlich. Unheimlich ohne Ende. Erst im letzten Augenblick hatten wir Sicht auf die Landebahn. Dazu der schräge Anflug, weil wir fast Windstärke 7 hatten und gegensteuern mussten, um den Abtrieb auszugleichen.
Meine Augen hingen wie gebannt an der Landebahn links von uns.
Rüber, rüber - wir mussten rüber…!

Wir kamen gut runter: ich las von der Checkliste am Steuerhorn ab:
„ gear“? –

„gear down 4 green“!
„Spoiles“? –

„Spoiles armed“
„Flaps“? –

„Flaps 25“
25? War die Klappenstellung 25? Ich weiß es schon nicht mehr. Es war alles viel zu aufregend für mich.
Für Oma eben.

Dann kam die Frage: “willst du auch mal fliegen?“
Ich?
Wollte ich?
Ich schluckte einmal und sagte dann tapfer: „ICH WILL!“
Und ob ich wollte!

„Ok, nimm das Steuerhorn und fliege eine Rechtskurve. Langsam. Mit Gefühl.“

Ich mache immer alles mit Gefühl!

Mein Herz hoppelte einen Doppelaxel, ich schluckte einmal kräftig, und dann flog ich ganz behutsam eine weiche Rechtskurve. Einfach so.

„Nase etwas höher! Höher, höher!
„Pass auf den Horizont auf!“
Tu ich doch!
Oder nicht?
Offensichtlich nicht.

„Hallo! Ich bin’s doch! Oma Crissy! Ich kann weder ordentlich einparken noch unser Auto gerade in die Garage fahren. Ich bin immer und überall schief! Und da soll ich so ein Riesenteil von Flugzeug fliegen können? Ich kann nur schief!“


Zwar konnte ich inzwischen wunderbar die „gears“ auf Kommando bedienen und die Spoiler armieren. Aber Fliegen ist doch etwas anderes.

„Jetzt machen wir einen Landeanflug und starten dann wieder durch!“
Ich versuchte gleichzeitig mit dem Lenken den Leitstrahl auf dem Instrument vor mir zu finden, sozusagen die Anzeige, wo ich hin muss und die, wo ich wirklich gerade bin.
Upps! Besser nicht. Ich war versucht, das Steuer rum zu reißen so wie beim Auto, wenn man beinahe die Ausfahrt auf der Autobahn verpasst hätte.
Aber- geht nicht. Immer wieder vergaß ich die Trägheit der Riesenmaschine.

Bei dreien meiner Landeversuche wurde mir der erste abgenommen- sonst hätte ich die Maschine hoffnungslos zersemmelt.
Wo ist denn hier die Bremse?

Aber die anderen beiden Landungen waren gar nicht mal so schlecht. Ich habe die Maschine, die immerhin ein bisschen größer ist als unser Mazda, einigermaßen ordentlich auf den Boden gebracht. Na ja, vielleicht ein paar Landungsfeuer umgenietet, aber sonst?
Sanft gelandet. Da, wo der Abrieb auf der Landebahn ist. Fast da. Na ja, vielleicht ein bisschen rechts davon. Aber immerhin.

Dann sollte ich die Maschine einparken. Zwischen die anderen dicken Brummer.
Hilfe!!
Wo denn? Wie denn? Da? Wie komm ich denn dahin?
„Dreh das Rändelrad da links von deinem Sitz!“

„Wo? Wie? Hier? – Nee? Da?? Wo denn????????“
Ich geriet in Panik. Die Maschine musste runter von der Landebahn!

Endlich fand ich das Rad zum Drehen im Stand, also zum Einparken.
Ich hasse Einparken. Ich konnte noch nie gescheit einparken. Auto wohlgemerkt. Und die Riesenmaschine sollte ich jetzt übers Flugfeld rollen und einparken?
Ich?
Ich drehte hektisch am Rad. Es ratschte und kratzte, schrappte und wimmerte, das Flugzeug torkelte wie ein besoffener Seemann.
OGottttogooooooottttttttt!

„Ruhig, mit Gefühl, langsam!“

Als die Nase meines Flugzeugs endlich sauber ausgerichtet zwischen den anderen Maschinen geparkt stand, war ich fix und fertig, aber auch stolz wie Oskar.

Ich kletterte aus der Machine, schaute noch einmal zurück und konnte es nicht fassen, wie klein doch letztendlich so ein Simulator ist. Er sah so harmlos aus wie er so still da stand auf seinen hohen Stelzen und den dicken Kabelsträngen rundum.
Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich schwören können, gerade aus einem echten Cockpit, allerdings ohne Flugzeug hintendran, ausgestiegen zu sein.

Wunder der Technik. 

Copyright: Christel Wismans

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Röslein auf der Heide

Die zwei Frauen, eine alte und eine jüngere, treten zögernd in das Krankenzimmer auf der Inneren. Die alte Frau stützt sich schwerfällig auf ihren Stock. Sie geht langsam, so, als müsse sie sich zwingen. Das Krankenzimmer ist fast leer, nur ein Bett steht darin, der restliche Raum ist kahl und unfreundlich.
Die alte Frau hat mit einem Blick das ganze trostlose Zimmer erfasst, und ihr Gang wird noch schwerer.

Dann endlich, über die Breite des Zimmers hinweg, wagt sie einen Blick auf die Frau, die regungslos auf einem Stuhl neben dem Bett am Fenster sitzt und leise vor sich hin pfeift.

Grete. Ihre Schwester. Ihre jüngere Schwester Grete.

Die ungekämmten, grauen Haare erinnern ein bisschen an Einstein. Ihr magerer Körper steckt in einem blauen Jogginganzug, und das weiße T-Shirt darunter ist fleckig. Nackte Füße in gesunden Schuhen.

Jetzt hebt sie den Kopf und schaut aufmerksam zur Türe. Leise fängt sie an zu singen. Sie hat eine wunderschöne, klare, helle Stimme: "sah ein Knab ein Röslein steh'n, Röslein auf der Heide..."
Dann verstummt sie, und ein glückliches Lächeln huscht in ihre Augen:

"Anna!"

Anna beugt sich schwerfällig über ihre Schwester, streichelt ihre Haare und sagt: "Grete, was machst du nur für Sachen."

"Ich bin in England". Ein bisschen unsicher, als könne sie es selber nicht glauben, deutet Grete mit der Hand einen kleinen Bogen an, "siehst du ja!"

Anna fährt zurück, und die jüngere Frau legt ihr die Hand auf den Arm: "Mutter!"
Anna kann und will nicht begreifen, dass das Gehirn ihrer Schwester nicht mehr funktioniert. Schon seit Jahren will sie sie aufrütteln, sie zum Spielen animieren, zum Denken, Bilder zu gucken oder Musik zu hören. Man muss doch dagegen an kämpfen!

Anna hat sich wieder gefasst. Grete lächelt vage an ihr vorbei.
Dann: "Weißt du eigentlich, wo ich hier bin?" und mit einem Blick aus dem Fenster: "guck mal, da ist das Schwesternwohnheim!"

"Du bist gefallen", sagt Anna, "du musstest ins Krankenhaus."

"Was gibt es Neues?"

"Nichts Neues."

"Wie geht es Oma?" Wieder schnappt Anna nach Luft. "Oma ist doch schon seit 30 Jahren tot!"

"Und Willi?"
Diesmal antwortet die jüngere Frau: "Papa ist auch schon sehr lange tot."

"Was gibt's Neues?"

"Nichts Neues."

"Ich bin in England. - -
Ich weiß gar nicht, - wie bin ich eigentlich hierhin gekommen ...?" Ihr Blick heftete sich prüfend und plötzlich klar in die Augen der Nichte. - "Ich war aber schon mal in England, nicht?"

"Ja, zur Hochzeit. Mit dem großen Schiff. Und dein Walter war auch noch mit dabei. - Weißt du noch? - Was ihr für einen Spaß gehabt habt? Wie ihr gelacht habt?"

"Wie geht's Papa? Was macht Oma? -
Ich will nach Hause. Was soll ich denn hier? Ich bin doch gesund. Mir fehlt nichts. Und Walter kommt auch nicht. Ist der bei euch die ganze Zeit? Ich weiß gar nicht, warum der nicht mehr kommt..."

"Aber Grete, Grete! - Walter ist doch.... und du bist doch im Krankenhaus, weil du untersucht werden musst. Und die sind doch bestimmt alle lieb und nett hier. Noch dreimal schlafen, und du kannst wieder nach Hause. - Mein Gott, wie bei einem Kind..."
Anna stützt sich schwer auf ihren Stock. Die schwärzlichen Adern winden sich wie dicke Schlangen über ihren Handrücken. Anna keucht. Auch sie ist krank. Sehr krank sogar. Aber anders krank.

Unbeteiligt schaut Grete an Anna vorbei wieder aus dem Fenster: "Da ist das Schwesternwohnheim."

"Ja, Grete."

"Die sind alle richtig stur hier, find ich. Die sind nicht nett. -
Aber ich versteh ja sowieso nicht, was die sagen..."

"Wieso verstehst du die nicht?"

Gretes Blick fliegt zur Türe, und sie senkt die Stimme: "die sprechen doch alle englisch! - Meinst du, ich kann Englisch?"

Es wird Zeit zu gehen. Anna kann nicht mehr. Es nimmt sie zu sehr mit. Sie legt ihrer Schwester zum Abschied noch einmal die Hand auf die Schulter und zupft unwillkürlich an der Joggingjacke, um die dicksten Flecken auf dem Shirt zu verdecken.

Grete schmiegt sich an Annas Hand und fängt wieder leise an zu singen.
Sie sind schon fast an der Türe, als Grete ruft: "und viele Grüße an Willi und Oma! Und sag Walter, er soll endlich nach Hause kommen. Der soll nicht immer so lange bei euch bleiben!"

..."Röslein au-hauf der Heide..."

 

Foto: Lutz Stallknecht, pixelio.de

 

Copyright: Christel Wismans

Kommentare: 1
  • #1

    Milla Dümichen (Freitag, 24 Februar 2017 21:22)

    Ich hatte Zeit und Lust deine Startseite anzuschauen. Und habe mich in deine Geschichte "Röslein auf der Heide" verliebt. Ganz traurig, aber so authentisch! Weiter viel Erfolg, liebe Christel!


Bumba, der kleine Elefant

Langsam trottete die Herde über die karge Steppe. Neun erwachsene Elefanten und ein Junges.

Schritt für Schritt, immer weiter, scheinbar ohne Ziel.

„Ich kann nicht mehr“, jammerte der kleine Elefant. „Wie lange gehen wir denn noch? Und Hunger hab ich auch ganz doll.“ Mit seinem kleinen Rüssel stupste er seiner Mutter gegen den Bauch.

„Still, Bumba“, schalt die Mutter, „du bist doch schon groß. Wir wandern zum Wasserloch. Wenn die Sonne untergeht, werden wir dort sein. Und wenn wir ganz viel Glück haben, sind wir früh genug, bevor all die anderen Tiere kommen. Dann können wir uns mal wieder so richtig schön abduschen. Ach, ich freu mich schon so darauf!“ Und sogleich schlug sie eine schnellere Gangart ein, als könne sie das Wasser schon riechen.

Verdutzt blieb der kleine Elefant stehen. „Duschen? Was ist das denn? Das hab ich ja noch nie gehört. Mama! Halt! Nun warte doch! Renn doch nicht so!“

„So komm schon!“ Die Elefantenkuh drehte sich im Laufen um: „Komm! Renn, mein Kleiner! Ich werde dir zeigen, wie du mit deinem Rüssel duschen kannst.“ Übermütig warf sie den Kopf zurück und trompetete laut. Wie auf Kommando rannte die ganze Herde los, wie ein Sturmwind flogen sie über die Steppe, dass der Boden unter ihren stampfenden Füßen dröhnte. Fassungslos starrte der kleine Elefant ihnen hinterher. Dann plumpste er auf sein Hinterteil. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Sie waren weg. Verschwunden.

Als auch die letzte Staubwolke am Horizont verschwunden war, erwachte der kleine Elefant aus seiner Erstarrung, rappelte sich auf und machte sich zögernd auf den Weg.

„Ich bin Bumba,ein großer, starker Elefant, ich bin tapfer und mutig und schlau. Ich bin Bumba, ein großer, starker Elefant, ...“ Bei jedem Schritt murmelte er leise beschwörend vor sich hin. Schon bald wurde sein Schritt fester, er hob den Kopf, wedelte mit dem Rüssel und fing laut an zu singen: „Hier kommt Bumba, der große, starke Elefant, ich bin tapfer und mutig und schlau.“

Aber je tiefer die Sonne sank, je länger die Schatten wurden, desto leiser wurde seine Stimme wieder. Er wedelte mit seinen großen Ohren und lauschte in alle Richtungen. Überall schien es zu rascheln, zu wispern. Er meinte sogar feurige Augen zu sehen, die ihn aus einem Gebüsch heraus beobachteten.

Bumbas Herz fing an zu rasen, er war in Versuchung, so schnell wie möglich weg zu rennen. Da plötzlich zwackte ihn etwas in den Vorderfuß, und eine helle, schnarrende Stimme zischte: „He, du grauer Dickmann, was ist los mit dir? Ich rieche Angst. Es kann doch wohl nicht sein, dass ein Riesentier wie du Angst hat?“

Erschrocken sah Bumba sich um. Wo kam bloß diese Stimme her? Wer war das?

„Hier unten, du Dussel! Kannst du mich vielleicht mal anschauen, wenn ich mit dir rede? Hast du keine Manieren? Nimm mich gefälligst mal auf deine lange Nase, damit wir auf Augenhöhe kommen.“

Bumba bückte sich, riss die Augen auf und schnappte nach Luft. Um seinen Fuß schlängelte sich eine dicke, fette Schlange, die mit ihrer gespaltenen Zunge ungeduldig zu ihm hoch zischelte. Entsetzt sprang Bumba mit allen Vieren in die Luft, versuchte, die Schlange abzuschütteln, aber sie hatte sich etliche Male fest um seinen Fuß gewickelt. „Hör auf, du Blödmann. Ich will dir doch nur helfen. Nun nimm mich schon endlich hoch!“ Die Schlange seufzte und glitt geschmeidig auf den Boden zurück. Was geb ich mich eigentlich mit diesem Riesenbaby ab? Ach, ich bin einfach zu gutmütig.

Die Schlange klopfte mit ihrem Kopf fest auf Bumbas Fuß: „So. Nochmal ganz von vorne. Also, ich bin Nona und du?“

„Bumba, der kleine Elefant. Ich hab meine Mutter und die Herde verloren. Ich bin ganz alleine.“ Verstohlen wischte Bumba sich über die Augen.

„Ja, ja, so was ähnliches habe ich mir schon gedacht“, Nona seufzte, „wie kann man bloß seine ganze Herde verlieren? Bist wohl ein kleiner Träumer, hm? Aber komm, ich werde dir helfen, dass du heil und gesund zum Wasserloch kommst, wo deine Leute wohl über Nacht bleiben werden.“

Die Schlange kringelte sich zusammen, dann schraubte sie sich hoch, lauschte und stieß einen schrillen Pfiff aus. Bumba stand und staunte.

„Würdest du mich jetzt - bitte - endlich mal hochnehmen, damit ich besser sehen und dirigieren kann?“ Wieder stupste Nona den kleinen Elefanten an.

„Entschuldige“, sagte Bumba, bückte sich und nahm die Schlange vorsichtig mit seinem Rüssel auf. „Wo willst du denn sitzen? Und was willst du denn dirigieren?“

„Setz mich einfach zwischen deinen Augen irgendwo ab. Und das mit dem Dirigieren wirst du schon sehen.“

Es dauerte nur wenige Minuten, und die Steppe wurde lebendig. Von überall her kamen Tiere, große, kleine und ganz kleine. Selbst geflügelte Tierchen in bunten Farben schwirrten um Bumba herum. Es war ein Zwitschern in der Luft, Keuchen, Heulen, Knurren und Brummen. Bumbas Augen wurden immer größer.

„Meine Freunde.“ Nona klopfte mit ihrem Schwanz auf den Rüssel, „aber sag mal, bist du eigentlich schon in der Schule und hast gelernt, wie man kämpft oder bist du noch so'n Baby? Hm? Was also kannst du? Zeig mal, wie du dich gegen einen angreifenden Tiger verteidigst. Oder was machst du, wenn sich Löwen anschleichen?“

„Schule? Was ist das denn? Was muss ich denn lernen? Ich bin doch groß, viel größer als die anderen Tiere. Da muss ich doch nichts lernen. Oder etwa doch? Davon hat mir die Mama nichts gesagt. Ich hau denen, die mir was tun wollen, einfach feste mit dem Fuß auf den Kopf. Oder mit meinem Rüssel. Was meinst du, was ich da für Kraft drin habe? Soll ich mal?“

Und schon hob Bumba den rechten Vorderfuß und holte aus. Gleichzeitig peitschte er wild mit dem Rüssel um sich, dass Nona sich festhalten musste, um nicht herunter zu fallen. „Halt! Stopp! Okay, okay! Du hast mich überzeugt. - Also, pass mal auf. Spitz deine Segelohren: Meine Freunde und ich müssen auf schnellstem Weg ins Zauberland. Meine Tochter will heiraten, und da muss ich doch dabei sein. Aber wie du dir wohl denken kannst, bin ich nicht die Schnellste. Hab halt keine Beine. Und da hab ich mir gedacht, du bist allein, du hast Angst, du brauchst Schutz, aber du bist auch schnell, groß, und verteidigen kannst du dich auch. Du wirst unser Taxi. Du nimmst all meine kleinen Freunde mit auf deinen großen Rücken, die größeren laufen in unserem Schutz dicht neben uns, und ich dirigiere dich, weil du ja den Weg nicht kennst. Einverstanden?“

„Aber ich bin doch noch ein Kind. Ich muss meine Herde suchen. Ich will zum Wasserloch.“ Und wieder wischte Bumba sich verstohlen mit dem Rüssel über die Augen.

„Ja, ja. Ich bringe dich hin. Das liegt auf unserem Weg. Und dann können wir meinetwegen auch deine Mutter fragen, ob du uns ins Zauberland bringen darfst.“

Bumba zwinkerte. Dann tat er einen tiefen Atemzug und reckte sich zu voller Größe auf. „Ja, dann - meinst du denn wirklich, ich bin schon groß genug für so ein Abenteuer? Dass ich das kann?“ Er schluckte aufgeregt.

„Klar“, sagte Nona, „du bist zwar noch ein Kind, aber immerhin ein großes. Also – einverstanden?“

Bumba nickte heftig, und Nona rutschte ein Stück am Rüssel runter. „Lass das! Muss ich erst runter fallen?“ Nona schlängelte sich wieder zwischen Bumbas Augen, dann stieß sie einen schrillen Pfiff aus, und alle ihre Freunde kletterten, sprangen, flogen, hüpften, schleimten und schlängelten sich an dem kleinen Elefanten hoch. Zwei Kudus sprangen an Bumbas rechte und linke Seite, zwei junge Impalas stellten sich vor die kleine Karawane.

Nona klopfte Bumba mit ihrem Schwanz fest auf die Nase: „Das heißt geradeaus. Rechts und links wirst du dann schon erkennen. Also – alles bereit? Haltet euch gut fest! - Auf mein Kommando: los, Bumba, lauf! Lauf!“

 

Der kleine Elefant hob vorsichtig den Rüssel und trompetete laut. „Töröhhh! Aus dem Weg! Zauberland, wir kommen!“ Und schon stampfte er mit seinen neuen Freunden über die kahle Steppe, dass der Boden bebte.

 

 

 

Copyright: Christel Wismans

 

 

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Hochzeit in Edinburgh - auf High Heels

   Vor einigen Jahren waren wir zur Hochzeit der besten Freundin unserer Tochter nach Edinburgh eingeladen zu einer typisch schottischen Hochzeit. Es war von jeher der Traum der Braut, dort oben im Schloss in der 1000 Jahre alten St.Margaret's Chapel zu heiraten. Da passen gerade mal 18 Leute rein, rechts zehn und links acht. Das bedeutete, dass die meisten Hochzeitsgäste draußen im scharfen Wind ausharren mussten. Wir nicht, wir durften mit rein, weil wir ja ihre German parents sind.

 

Es war ein einmaliges Erlebnis. Allein der Anblick der Herren im Kilt und vollem Ornat. Das hat schon was. Ein Dudelsackspieler geleitete uns. Gefeiert wurde später in einem uralten Gewölbe in den Katakomben unterhalb der Stadt. Mit schottischer Musik und schottischen Volkstänzen. Mit nichts hier bei uns zu vergleichen. Eine völlig andere Kultur. Ich kann es gar nicht beschreiben. Und ich hätte es unendlich genossen, wenn...

…wenn ich nicht in der Nacht vor unserem Flug eine Vision gehabt hätte: ich sah mich im Kleid mit High Heels zur Hochzeit schreiten. Also habe ich morgens noch schnell ein paar äußerst elegante, echt hochhackige Pumps gekauft, das ursprünglich geplante Hosen-Outfit ad acta gelegt und ein Kleid eingepackt...

Was soll ich sagen: Unser unkaputtbarer, alter Travel-Chaos war wieder mit uns.

Ganz Edinburgh war aufgeklappt und wurde eben zu dieser Zeit straßenmäßig erneuert. Unser Taxi, das uns zum Schloss hoch bringen sollte, lud uns schon mindestens einen Kilometer vorher aus. Dabei ist der Weg zum Schloss hoch  mindestens so steil und steinig wie der Weg in den Himmel. Oder gefühlsmäßig eher in die Hölle, jedenfalls, wenn man mit Arthrose Füßen auf High Heels bergan staksen muss. Hätte ich die Qualen auch  nur ansatzweise vorher geahnt, ich hätte glatt meine alten Treter angezogen.

So aber bohrte ich Halt suchend dicke Dellen in den Arm meines armen Mannes und eierte  inmitten von Hunderten Japanern und anderen Touris mit Kameras im Anschlag mit schmerzverzerrtem Gesicht Richtung Schloss. Um uns herum klickten die Digis und fingen begeistert die neuen, unerwarteten Motive ein, die wir Vier ihnen in unserem Hochzeits-Outfit lieferten. Schon sehr bald  wusste ich vor lauter Schmerzen nicht mehr, warum ich auf dem Weg zur Kapelle unbedingt über Canossa gehen musste. Und niemand wollte mich tragen.

Ich  jammerte, fluchte und drohte mit Enterbung, aber ich musste selber Schritt für Schritt laufen. Ich litt mindestens so sehr wie damals Aschenputtels Schwestern mit den abgehackten Zehen.

Als wir endlich oben im Schloss ankamen und ich erleichtert aufatmen wollte, entdeckte ich zu meinem Entsetzen, dass die kleine Kapelle noch etliche Kopfsteinpflaster- Serpentinen höher lag und meine Qual noch längst nicht beendet war. Und noch immer wollte mich niemand tragen...

 

Die Trauung war eine Erleichterung für meine Füße, raus aus den Schuhen, und wenn es nur für eine halbe Stunde war. Aber dann war aus Carol Mrs. Cooke geworden, und ich musste meine gequälten Füße wieder zurück in ihr elegantes Gefängnis zwängen.

Der Rückweg in die Stadt war noch heftiger, weil es jetzt auch noch bergab ging. Ich wollte tapfer sein und die Schmerzen bis zum Hotel heldenhaft ertragen, aber zu meinem Entsetzen steuerten wir erst noch einen weitläufigen Park an für die Fotosession. Irgendwann wollte ich mich einfach fallen lassen und nur noch sterben.

Aber ich durfte nicht.

Als wir dann irgendwann endlich, vor Hunger und Durst ganz schwach, von meinen Schmerzen ganz zu schweigen, in dem Lokal ankamen, begann nach einem Glas Champagner (ich hatte zwei!) eine Sightseeing Tour durch die unterirdischen Gewölbe der Stadt.

Edinburgh von unten? Wieder laufen? Und dann noch durch die bestimmt nicht mit weichem Gras bewachsenen Katakomben? Leise trat ich den Rückwärtsgang an. Aber dann hallte die Stimme des Führers durch die nur notdürftig beleuchteten Gewölbe. Er warnte die Pumps-Damen vor dem unebenen Lehmboden.

Halleluja! Das war mein Stichwort. Er hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, da hatte ich die Schuhe schon in der Hand. Auf Strümpfen (einer unkaputtbaren Stützstrumpfhose aus dem Nachlass meiner Mutter) tapperte ich glückselig durch die eisigen Gruften, dankbar für die Kälte an meinen Füßen. So konnte ich diesen Hochzeitstag nach vielen qualvollen Stunden endlich unbeschwert genießen.

 

Auch später blieben meine hübschen neuen Schuhe unter dem Stuhl stehen. Den ganzen Abend lang. Nachts bin sogar auf Strümpfen zurück ins Hotel. Denn es wollte mich ja keiner tragen...

Copyright: Christel Wismans

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