Märchen


Lulu, die verwunschene Königstochter

Zeichnung: Renate Anna Becker

Lulu, die verwunschene Königstochter

In einem fernen Land, versteckt zwischen hohen Bergen und tiefen Seen, regierte ein alter König sein kleines Reich. Nur mühsam schaffte er es morgens noch, sich aus seinem Bett zu erheben und den Tag zu überstehen. Denn er war müde. Sehr müde.

Seine Untertanen liebten ihn, er war immer ein guter Herrscher gewesen, gerecht und freundlich zu jedem. Sie wünschten ihm einen ruhigen Lebensabend mit seinem geliebten Garten, den er selber angelegt, gehegt und gepflegt hatte in der wenigen Zeit, die ihm als König und oberster Richter im Land blieb.

Aber wer sollte dann das Reich regieren? Der König hatte keinen Sohn, der ihm auf den Thron folgen konnte, und auch sonst gab es niemanden.

Nur die kleine Prinzessin Lulu. Aber Lulu war nie gewachsen, sie war klein wie ein Kind geblieben. Auch, wenn sie schon fast zwanzig Lenze zählte.

Kurz vor ihrer Geburt war das Unglück über die Königsfamilie herein gebrochen. Ein großer, pechschwarzer Rabe war durch das offene Fenster geflogen, hatte sich auf den Bauch der Königin gehockt und sie mit glühenden Augen angesehen.

„Kennst du mich noch?“, hatte er gekrächzt, „du hast mich voriges Jahr verjagt, aus dem Reich getrieben, nur weil ich die kleine Meise getötet habe. Aber ich bin zurück gekommen und jetzt...“

In diesem Moment, gerade, als der Rabe seine Verwünschung ausstoßen wollte, war eine lichtblaue Libelle durchs Fenster auf ihn zu geschossen und hatte angefangen zu singen. Sie hatte ihn umschwirrt und verwirrt, ihn betäubt mit schweren Düften und hypnotischem Sirenengesang, bis er die Augen verdreht hatte und leblos zu Boden gefallen war.

Sofort hatte sie einen durchdringenden Pfiff ausgestoßen, und Hunderte von Libellen, Schmetterlingen und Singvögeln waren durch das Fenster geströmt und hatten die junge Königin, die vor Angst in Ohnmacht gefallen war, mit ihren zarten Flügeln gestreichelt, bis sie die Augen wieder aufgeschlagen hatte. Aber sie konnte sich nie mehr von ihrem Lager erheben und lag Jahr um Jahr wie erstarrt.

Bald darauf wurde das Kind geboren. Ein winziges, wunderschönes Baby.

Es hatte die lichtblauen Augen der Libelle, aber die nachtschwarzen Haaren des Raben. Seine Stimme zwitscherte wie die Vögel im Garten, und nach nur kurzer Zeit zeigte sich, dass der Kleinen noch eine ganz besondere Gabe geschenkt worden war: sie verstand nicht nur die Sprache der Menschen, sondern auch die der Vögel, der Tiere, der Blumen und sogar die des Windes. Sie alle wurden ihre Spielkameraden. Sie spielte mit ihnen Verstecken, sang mit den Vögeln um die Wette und ließ sich von den Blumen Geschichten erzählen. Und wenn sie müde wurde, legte sie sich im Schatten der alten Bäume ins Gras und hörte dem leisen Wispern des Windes zu.

So vergingen die Jahre.

Lulu war ein glückliches Kind und die Freude ihres Vaters. Wann immer er sie anschaute, ging ihm das Herz über vor Liebe. Sie war so wunderschön. Aber er sorgte sich auch.

Denn sie wurde nicht größer. Sie blieb winzig klein. Das Einzige an ihr, was wuchs, waren ihre schwarzen Haare. Sie kringelten sich in dichten Locken um ihr Gesichtchen und fielen dann herab bis zum Boden.

Als Lulu alt genug war, berief die inzwischen uralte, lichtblaue Libelle im Garten eine Versammlung ein. Alle Vögel und Tiere kamen, und die Pflanzen neigten ihre Köpfe, damit ihnen auch ja kein Wort entgehen konnte. Behutsam schlossen sie einen Kreis um Lulu, die wie eine kleine Blume auf einem Seerosenblatt mitten im Teich hockte.

Die Libelle fing an zu erzählen.

So erfuhr Lulu von dem schrecklichen Ereignis damals kurz vor ihrer Geburt.

„Ich kam gerade noch rechtzeitig, um zu verhindern, dass der böse Rabe den Fluch aussprechen konnte, aber ganz abwenden konnte ich ihn nicht mehr. Er war schon zu fest in seinem Willen. Und seitdem liegt deine Mama da wie tot, und du kannst nicht wachsen.“

Mit großen Augen hörte Lulu zu. So also war das. Sie hatte sich schon oft gefragt, warum sie so klein war, und warum sie sich mit allen Lebewesen im Garten unterhalten konnte. Und warum ihre Mama nicht richtig lebte. Der Papa schüttelte immer nur verzweifelt den Kopf, wenn sie fragte. Er wusste es nicht. Er hatte keinerlei Ahnung, denn er war ja nicht dabei gewesen, und die Libelle konnte es ihm nicht erzählen, weil er ihre Sprache nicht verstand.

„Eine Möglichkeit gibt es, allerdings nur eine einzige.“ Die alte Libelle seufzte tief, und die umstehenden Vögel nickten trübselig mit dem Kopf.

„Nur der Kuss eines Königskinds, das völlig rein ist im Herzen, kann den Fluch lösen.“

Lulu zwinkerte. „Aber, könnte denn nicht ich selber..., oder bin ich nicht rein genug...?“

Die Vögel lachten: „Nicht rein genug? Du? Kindchen, wenn es nur so einfach wäre!“

„Nein“, sagte die alte Libelle, „nein, das ist es nicht. Dann hätten wir es dir gleich gesagt, und alles wäre längst wieder gut. Nein. Du bist ja selber Teil des Fluchs. Du kannst ihn nicht lösen. Aber ein Kind von dir könnte es. Ein Königskind, rein im Herzen, so wie du.“ Die Libelle seufzte wieder.

„Aber wo sollen wir den Königssohn her nehmen, der dich heiraten könnte? Wir leben hier versteckt zwischen den hohen Bergen, kaum jemand auf der Welt kennt unser kleines Königreich. Und dazu bist du so winzig. Jeder außer uns muss dich für ein Kleinkind halten...“ Die Libelle ließ den Kopf hängen, und alle Vögel taten es ihr nach. Es war aussichtslos.

Plötzlich erhob sich der Wind, der bisher geschwiegen hatte.

„Ich werde suchen. Ich kenne die Welt bis in den kleinsten Winkel, ich kenne jeden Berg und jedes Tal. Ich kenne alle tiefen Seen und Ozeane. Ich bin überall zuhause. Weine nicht, kleine Lulu, ich finde und bringe dir einen Königssohn, der deiner wert ist, der dich liebt und heiratet. Und übers Jahr werdet ihr, deine Mama und du, befreit sein von dem Fluch, und ihr könnt glücklich leben bis ans Ende eurer Tage.“

Er erhob sich in die Lüfte, schlug zum Abschied noch einmal einen Purzelbaum, dass die Blätter der Bäume rauschten und die Blumen erzitterten, und dann war er weg. Der Himmel erstrahlte wieder in hellem Blau, und die Sonne schien zu zwinkern.

Lulu und ihre Freunde im Garten sahen sich wie erwachend an. Der Wind! Natürlich! Er war frei. Er konnte ihnen helfen. Dass sie daran nicht gedacht hatten! Sie fassten sich bei den Händen und tanzten glücklich lachend um Lulu herum.

Jeden Tag hielten sie Ausschau und warteten.

Die Eule hatte ihr Quartier hoch oben in die Zinnen des Schlosses verlegt. Von dort aus konnte sie die ganze Nacht das Tal beobachten und Wache halten.

Die alte Kastanie wuchs noch ein Stück in die Höhe, sodass sie weit übers Tor hinaus ins Tal schauen konnte.

Die Schwalben flogen weit über die Berge nach Süden, die Wildgänse nach Norden. Die Frösche übten einen Hochzeits-Chor ein, und die Spinnen webten schon fleißig an einem Hochzeitskleid.

Lulu selber lag stundenlang auf ihrem Seerosenblatt, ihrem Lieblingsort im Garten, und träumte. Wie mochte der Prinz aussehen? Wann würde er kommen? Würde er sich nicht daran stoßen, dass sie so winzig war?

Immer wieder schaute sie sehnsüchtig hinauf in den wolkenlosen, blauen Sommerhimmel. Kein Lufthauch war zu spüren. Der Wind war wohl noch unterwegs und suchte.

Lulu seufzte.

Nach drei langen, ereignislosen Wochen fegte ein Windstoß durch den Garten.

„Ich hab einen gefunden, Lulu, aber – ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ob das der Richtige für dich ist. Er ist unterwegs! Schau ihn dir an, und dann sag mir Bescheid. Ruf einfach nach mir. Ganz leise, ich höre dich, wo immer ich auch bin.“

Aufgeregt sprang Lulu auf, rief nach ihrem Schäfchen, sprang auf seinen Rücken und ließ sich eilends ins Schloss tragen, geradewegs in die Kammer, in der ihre Mutter reglos und starr auf ihrem Bett lag.

„Mama, Mama! Der Wind hat einen Königssohn gefunden, der uns erlösen kann. Er ist schon auf dem Weg hierher!“ Sie drückte ihrer Mutter einen dicken Kuss auf die Stirn und wirbelte herum zu ihrem Schäfchen.

„Los, jetzt zum Papa! Ich muss ihm doch auch die frohe Nachricht bringen. Bald ist es soweit. Dann kann er endlich die Krone ablegen, die ihm so schwer wird in letzter Zeit und sich nur noch um seinen Garten kümmern. Los, renn!“

Der alte König war überglücklich zu hören, dass Rettung in Sicht war. Wie freute er sich auf den Augenblick, in dem seine geliebte Frau wieder sie selbst sein würde. Und sein Kind! Seine geliebte Tochter, die endlich eine normale Frau sein würde. Groß und glücklich verheiratet mit einem Königssohn. So, wie andere Prinzessinnen auch. Und dann würde er endlich seine Krone übergeben und mit seiner Frau in seinem Garten leben. Glücklich und zufrieden.

Bereits am Abend desselben Tages klopfte es laut am Tor des Schlosses, und eine forsche Stimme befahl, augenblicklich zu öffnen. Lulu auf ihrem Schäfchen stürmte über die Zufahrt dem Tor entgegen. Sie konnte es kaum erwarten, ihren Prinzen zu sehen. Sie hatte sich in aller Eile umgezogen und ihre kleine, goldene Staatsrobe mit dem Diadem angelegt. Aufgeregt presste sie beide Hände auf ihr wild schlagendes Herz.

Das Tor ging auf.

Ein Tross von rund fünfzig Reitern, mit Lanzen und Speeren bewaffnet, drängte sich in den Burghof. Achtlos vorbei an Lulu auf ihrem Schäfchen, die erschrocken in eine Ecke zurück gewichen war, um nicht zertrampelt zu werden.

„Wo ist der König?“, tönte eine laute Stimme. „Hier kommt Richard, der Prinz von Bermuda, dem goldenen Reich.“

Langsam, mit würdevollen Schritten, kam der König die Freitreppe herab und verneigte sich vor seinem Gast:

„Seid mir willkommen, edler Herr. Wir sind glücklich, Euch und die Euren bei uns in unserem kleinen Königreich begrüßen zu können. Bitte, tretet näher.“

„Wir sind hungrig und müde. Ich hoffe, ihr habt genug Essen und Trinken, damit ich und meine Leute uns ordentlich stärken können. Und“, er hieb dem alten König auf die Schulter, dass der zusammen zuckte, „ich habe gehört, hier gibt es eine Königstochter, die unbedingt einen Mann braucht. Die will ich mir mal ansehen. Wer weiß, vielleicht? Ich bin auf der Suche nach einer passenden Braut. Wenn sie gut genug für mich ist, dann ist es durchaus möglich, dass ich hier demnächst die Krone tragen werde.“

Lulu schlug die Hände vor den Mund, lenkte ihr weißes Schäfchen vorsichtig tiefer in den Schatten der Freitreppe und von da aus in den Garten. Hier war sie in Sicherheit. Hier würde der arrogante, aufgeblasene Prinz sie nicht finden. Und Papa würde sie bestimmt nicht verraten. Nie und nimmer würde er sie so einem Menschen zur Frau geben. Selbst, wenn er der Einzige wäre, der die Verwünschung aufheben könnte.

„Habt ihr ihn gesehen und gehört?“, wisperte sie und erzählte. Die Blumen schüttelten leise ihre Köpfchen. Auch die vielen hundert Singvögel, Schmetterlinge und die alte Libelle waren im Garten geblieben und hatten nichts mitgekriegt. Jetzt aber erhoben sie sich wie auf Befehl, die Luft rauschte von ihrem Flügelschlagen, und sie schwärmten aus. Sie stießen auf den Prinzen hernieder, kreischten, wirbelten, pieselten und hackten in seine gelackten Haare. Der Prinz erschrak, schlug wild um sich und fuchtelte mit seinem Schwert, aber es nützte nichts. Je mehr er schrie und fluchte, desto heftiger bedrängten ihn die Vögel, bis er nur noch fliehen konnte. Sobald er die Zugbrücke hinter sich hatte, gab er seinem Pferd die Sporen und sprengte mit donnernden Hufen davon. Seine Leute standen mit weit offenem Mund. Sie schienen unschlüssig, machten aber keine Anstalten, ihrem Herrn zu folgen. Fragend schauten sie sich an, dann, so nach und nach, stieg einer nach dem anderen von seinem Pferd, legte seine Waffen auf den Boden und kniete vor dem alten König nieder. „Bitte, lass uns bleiben, wir wollen dem Prinzen nicht länger dienen.“

Im Garten hatte Lulu sich auf ihr Seerosenblatt gekauert. Sie zitterte am ganzen Leib. Sie hörte nur den Krach, aber sie hatte keine Ahnung, was dort vor sich ging.

„Lieber Wind“, flüsterte sie, „lieber Wind, komm geschwind, wir brauchen deine Hilfe!“

„Tut mir leid, Lulu, das war wohl der Falsche.“ Der Wind raschelte leise mit den Blättern. „Aber gib mir noch etwas Zeit, ich suche weiter. Irgendwo auf der weiten Welt gibt es den Königssohn mit dem reinen Herzen.“ Und er erhob sich und war weg.

Tag um Tag verging, der Sommer neigte sich, es wurde kühler und dunkler. Die Blumen froren, legten ihre Blüten ab und betteten sich tief in der Erde zur Ruhe. Auch die Seerosen tauchten ab ins tiefe Wasser. Die Bäume wurden kahl, und die Vögel suchten sich ein warmes Winterquartier in den dichten Hecken. Der eine oder andere verließ sogar den Garten, zwitscherte ein schnelles „Bis zum nächsten Jahr“ und flog von dannen.

Lulu mochte den Winter nicht. Sie hasste Kälte und Dunkelheit. Stundenlang hockte sie vor dem Kamin in der großen Halle und träumte vor sich hin. Wann mochte der Wind ihr den Königssohn bringen, der sie und ihre Mama erlösen konnte? Bei jedem Geräusch von draußen oder jedem Pochen am Tor fuhr sie auf und starrte erwartungsvoll zur Türe. Aber immer wieder wurde sie enttäuscht.

Am Weihnachtsmorgen schlich Lulu in aller Frühe auf ihrem Schäfchen durch eine kleine Türe im großen Tor, überquerte die Zugbrücke und ritt in das weite Tal. Sie hatte sich in einen dicken Poncho gehüllt, denn es war bitterkalt. Schnee bedeckte die Berge rings umher. Sogar in den Niederungen lagen noch Schneereste, und der Frost hatte bizarre Muster gemalt. Lulu zog sich die Mütze tiefer ins Gesicht und hauchte abwechselnd in ihre Hände, die schon blau gefroren waren. Sie wusste selber nicht, warum sie hier draußen umher streifte, statt zuhause in ihrem warmen Bett zu liegen. Aber irgendetwas trieb sie an.

Immer weiter trabte das weiße Schäfchen, mal geradeaus, mal nach rechts, mal nach links. Aber plötzlich stoppte das Tier abrupt und wandte den Kopf. Es blökte leise.

„Was ist denn?“, fragte Lulu. Sie schaute sich um. Da hinten, am Rand einer Wiese in einer verharschten Schneewehe lag irgendetwas. Mit dem Schäfchen am Zügel ging Lulu langsam darauf zu. Es schienen Stiefel zu sein, alte, verschrammte Stiefel, die dringend eine neue Sohle

brauchten.

Lulu zog daran, aber sie war zu schwach. Die Stiefel bewegten sich nicht.

„Schäfchen, hilf mir“, bat sie.

Das Schaf schnupperte und stupste seine Nase in die unförmigen, alten Schneemassen. Dann fing es an zu scharren, und plötzlich tauchte ein Gesicht darin auf. Weiß wie frisch gefallener Schnee. Lange, braune Locken hingen strähnig über geschlossenen Augen. Es schien ein junger Mann zu sein.

Rasch beugte sich Lulu herunter und tastete nach einem Puls unter der eisig kalten Haut. Der Mann lebte noch, aber er brauchte dringend Hilfe. Verzweifelt stand Lulu da. Wie sollte sie einen ausgewachsenen Mann zum Schloss schleppen? Sie war doch viel zu klein.

Sie kniete sich vor das weiße Gesicht und versuchte, es zu wärmen. Dabei flüsterte sie unentwegt:

„Lieber Wind, komm geschwind, ich brauche deine Hilfe!“

Plötzlich blökte das Schäfchen wieder leise. Lulu kam hoch, sprang auf seinen Rücken und schaute angestrengt in die Runde. Was hatte das Tier gesehen oder gehört? Dann sah sie es auch. In der Ferne tauchten Lichter auf, Laternen, die nach allen Seiten geschwungen wurden. Rufe wurden laut. Sie wurde gesucht. Hilfe nahte.

Glücklich klatschte Lulu in die Hände. Sie legte die Hände wie einen Trichter vor den Mund und stieß einen lauten Jubellaut aus. So schnell sie konnte, galoppierte sie mit ihrem Schäfchen den Reitern entgegen.

Nach zwei Tagen schlug der Fremde die Augen auf. Lulu, die nicht von seinem Bett gewichen war, biss sich auf die Lippen. Beinahe hätte sie einen Schrei ausgestoßen. Es war, als blickte sie in ihre eigenen Augen. Staunend schauten sie sich an. Vier strahlend hellblaue Augen.

„Ich bin Arnold“, sagte der Fremde. Dann wandte er langsam den Kopf und sah sich um. Er lag in einem bequemen Bett unter etlichen dicken Decken. Der Raum war ihm fremd. Aber dieses süße, kleine Gesicht mit den langen, schwarzen Locken und diese zwitschernde Stimme kamen ihm bekannt vor. Dabei war er sicher, dieses kleine Geschöpf noch nie zuvor gesehen zu haben. Aber trotzdem – irgendwie...

Langsam kam Arnold wieder zu Kräften. Auf einen knorrigen Stock gestützt, an seiner Seite die kleine Lulu, wanderte er durch den winterlichen Garten. Er kannte die Namen aller Bäume und Büsche und streichelte ihre borkigen Rinden. Nach und nach verlor er seine Scheu und fing an zu erzählen. Von seinem Garten, den er so geliebt hatte. Von seinem Reich hoch oben im Norden. Von seiner Familie, seinen Tieren.

Und so erfuhr Lulu fast nebenbei, dass er gar kein armer Wanderer war mit zerschlissenen Stiefeln und ohne Dach über dem Kopf, sondern ein Königssohn. Allerdings einer, der nichts mehr besaß. Alles, was ihm lieb und teuer gewesen war, war von einer gewaltigen Flutwelle zerstört worden. Ihm war nichts geblieben, nur das nackte Leben. Und so war er schweren Herzens aufgebrochen, eine neue Heimat zu finden.

„Bleib hier“, sagte Lulu, „bleib hier bei mir. Hier kannst du ein neues Leben beginnen.“

„Ach, Lulu“, seufzte Arnold und wischte sich über die Augen. „Wie gerne würde ich. Aber es geht nicht. Ich habe mich in dich verliebt, daher kann ich nicht länger bleiben.“

„Ist es, weil ich so klein bin?“, fragte Lulu bange.

Arnold lachte leise. „Nein, das hat nichts damit zu tun. Der Grund ist meine Armut. Ich besitze nichts mehr. Absolut nichts. Wie also könnte ich Anspruch auf dich und damit auf den Thron eures Landes erheben? Nein, ich muss gehen.“

„Aber ich liebe dich doch auch!“ Freudestrahlend zerrte Lulu an Arnolds Bein.

„Du bist genau der Richtige. Der Wind hat dich geschickt und mich zu dir geführt. Komm, nimm mich schnell auf den Arm. Ich muss dir unbedingt etwas erzählen.“

Der alte König war unendlich glücklich, als er die Neuigkeit erfuhr. Er hatte den jungen, bescheidenen Fremden längst in sein Herz geschlossen. Sofort ließ er die Hochzeit arrangieren, und schon nach wenigen Tagen feierten sie ein großes, ausgelassenes Fest mit all ihren Untertanen, Tieren, Vögeln und Pflanzen.

Nach Jahresfrist brachte Lulu ein kleines Mädchen zur Welt. Es hatte tiefschwarzes Haar und hellblaue Augen wie seine Eltern. Sie nannten es Angela.

Als Angela ein Jahr alt wurde, war der Zeitpunkt gekommen. Sie kleideten das Kind in sein schönstes Kleid und brachten es in die Kammer der starren Großmutter. Zitternd vor Aufregung legte Lulu ihre Tochter der alten Königin auf die Brust.

Aufmerksam betrachtete das Kind das starre Gesicht vor sich. Aber es schien sich wohl zu fühlen.

Es schmiegte sich enger an, hob eine Hand und streichelte die Augen, die Wangen und den Mund. Immer wieder.

„Gibst du Großmutter ein Küsschen?“, fragte Arnold.

Die Kleine lächelte, dann drückte sie der verwunschenen Königin einen Kuss auf die Lippen.

Im gleichen Moment schwebte die Libelle zum Fenster hinein, auf dem Fensterbrett drängten sich die Singvögel und stimmten ein vielstimmiges Konzert an.

Da schlug die Königin ihre Augen auf, entdeckte das kleine Kind und lächelte glücklich.

„Mein Kind!“ Sie drückte das Kind an ihre Brust, schwang die Beine aus dem Bett und stand auf.

Arnold schluckte, er hatte Tränen in den Augen. Er bückte sich, um seine Frau auf den Arm zu nehmen, sie zu drücken, seine Freude mit ihr zu teilen. Da schob sich eine weiche Hand in seine, und als er zur Seite sah, entdeckte er, dass sie aufrecht neben ihm stand, groß wie er selber und wunderschön.

So hatte das reine Herz einer Königstochter die Verwünschung aufgehoben, und sie lebten alle zusammen glücklich und zufrieden bis an ihr Ende.

 

Copyright: Christel Wismans

 

 

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Bumba, der kleine Elefant

Foto: Pixababy

Langsam trottete die Herde über die karge Steppe. Neun erwachsene Elefanten und ein Junges.

Schritt für Schritt, immer weiter, scheinbar ohne Ziel.

„Ich kann nicht mehr“, jammerte der kleine Elefant. „Wie lange gehen wir denn noch? Und Hunger hab ich auch ganz doll.“ Mit seinem kleinen Rüssel stupste er seiner Mutter gegen den Bauch.

„Still, Bumba“, schalt die Mutter, „du bist doch schon groß. Wir wandern zum Wasserloch. Wenn die Sonne untergeht, werden wir dort sein. Und wenn wir ganz viel Glück haben, sind wir früh genug, bevor all die anderen Tiere kommen. Dann können wir uns mal wieder so richtig schön abduschen. Ach, ich freu mich schon so darauf!“ Und sogleich schlug sie eine schnellere Gangart ein, als könne sie das Wasser schon riechen.

Verdutzt blieb der kleine Elefant stehen. „Duschen? Was ist das denn? Das hab ich ja noch nie gehört. Mama! Halt! Nun warte doch! Renn doch nicht so!“

„So komm schon!“ Die Elefantenkuh drehte sich im Laufen um: „Komm! Renn, mein Kleiner! Ich werde dir zeigen, wie du mit deinem Rüssel duschen kannst.“ Übermütig warf sie den Kopf zurück und trompetete laut. Wie auf Kommando rannte die ganze Herde los, wie ein Sturmwind flogen sie über die Steppe, dass der Boden unter ihren stampfenden Füßen dröhnte. Fassungslos starrte der kleine Elefant ihnen hinterher. Dann plumpste er auf sein Hinterteil. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Sie waren weg. Verschwunden.

Als auch die letzte Staubwolke am Horizont verschwunden war, erwachte der kleine Elefant aus seiner Erstarrung, rappelte sich auf und machte sich zögernd auf den Weg.

„Ich bin Bumba,ein großer, starker Elefant, ich bin tapfer und mutig und schlau. Ich bin Bumba, ein großer, starker Elefant, ...“ Bei jedem Schritt murmelte er leise beschwörend vor sich hin. Schon bald wurde sein Schritt fester, er hob den Kopf, wedelte mit dem Rüssel und fing laut an zu singen: „Hier kommt Bumba, der große, starke Elefant, ich bin tapfer und mutig und schlau.“

Aber je tiefer die Sonne sank, je länger die Schatten wurden, desto leiser wurde seine Stimme wieder. Er wedelte mit seinen großen Ohren und lauschte in alle Richtungen. Überall schien es zu rascheln, zu wispern. Er meinte sogar feurige Augen zu sehen, die ihn aus einem Gebüsch heraus beobachteten.

Bumbas Herz fing an zu rasen, er war in Versuchung, so schnell wie möglich weg zu rennen. Da plötzlich zwackte ihn etwas in den Vorderfuß, und eine helle, schnarrende Stimme zischte: „He, du grauer Dickmann, was ist los mit dir? Ich rieche Angst. Es kann doch wohl nicht sein, dass ein Riesentier wie du Angst hat?“

Erschrocken sah Bumba sich um. Wo kam bloß diese Stimme her? Wer war das?

„Hier unten, du Dussel! Kannst du mich vielleicht mal anschauen, wenn ich mit dir rede? Hast du keine Manieren? Nimm mich gefälligst mal auf deine lange Nase, damit wir auf Augenhöhe kommen.“

Bumba bückte sich, riss die Augen auf und schnappte nach Luft. Um seinen Fuß schlängelte sich eine dicke, fette Schlange, die mit ihrer gespaltenen Zunge ungeduldig zu ihm hoch zischelte. Entsetzt sprang Bumba mit allen Vieren in die Luft, versuchte, die Schlange abzuschütteln, aber sie hatte sich etliche Male fest um seinen Fuß gewickelt. „Hör auf, du Blödmann. Ich will dir doch nur helfen. Nun nimm mich schon endlich hoch!“ Die Schlange seufzte und glitt geschmeidig auf den Boden zurück. Was geb ich mich eigentlich mit diesem Riesenbaby ab? Ach, ich bin einfach zu gutmütig.

Die Schlange klopfte mit ihrem Kopf fest auf Bumbas Fuß: „So. Nochmal ganz von vorne. Also, ich bin Nona und du?“

„Bumba, der kleine Elefant. Ich hab meine Mutter und die Herde verloren. Ich bin ganz alleine.“ Verstohlen wischte Bumba sich über die Augen.

„Ja, ja, so was ähnliches habe ich mir schon gedacht“, Nona seufzte, „wie kann man bloß seine ganze Herde verlieren? Bist wohl ein kleiner Träumer, hm? Aber komm, ich werde dir helfen, dass du heil und gesund zum Wasserloch kommst, wo deine Leute wohl über Nacht bleiben werden.“

Die Schlange kringelte sich zusammen, dann schraubte sie sich hoch, lauschte und stieß einen schrillen Pfiff aus. Bumba stand und staunte.

„Würdest du mich jetzt - bitte - endlich mal hochnehmen, damit ich besser sehen und dirigieren kann?“ Wieder stupste Nona den kleinen Elefanten an.

„Entschuldige“, sagte Bumba, bückte sich und nahm die Schlange vorsichtig mit seinem Rüssel auf. „Wo willst du denn sitzen? Und was willst du denn dirigieren?“

„Setz mich einfach zwischen deinen Augen irgendwo ab. Und das mit dem Dirigieren wirst du schon sehen.“

Es dauerte nur wenige Minuten, und die Steppe wurde lebendig. Von überall her kamen Tiere, große, kleine und ganz kleine. Selbst geflügelte Tierchen in bunten Farben schwirrten um Bumba herum. Es war ein Zwitschern in der Luft, Keuchen, Heulen, Knurren und Brummen. Bumbas Augen wurden immer größer.

„Meine Freunde.“ Nona klopfte mit ihrem Schwanz auf den Rüssel, „aber sag mal, bist du eigentlich schon in der Schule und hast gelernt, wie man kämpft oder bist du noch so'n Baby? Hm? Was also kannst du? Zeig mal, wie du dich gegen einen angreifenden Tiger verteidigst. Oder was machst du, wenn sich Löwen anschleichen?“

„Schule? Was ist das denn? Was muss ich denn lernen? Ich bin doch groß, viel größer als die anderen Tiere. Da muss ich doch nichts lernen. Oder etwa doch? Davon hat mir die Mama nichts gesagt. Ich hau denen, die mir was tun wollen, einfach feste mit dem Fuß auf den Kopf. Oder mit meinem Rüssel. Was meinst du, was ich da für Kraft drin habe? Soll ich mal?“

Und schon hob Bumba den rechten Vorderfuß und holte aus. Gleichzeitig peitschte er wild mit dem Rüssel um sich, dass Nona sich festhalten musste, um nicht herunter zu fallen. „Halt! Stopp! Okay, okay! Du hast mich überzeugt. - Also, pass mal auf. Spitz deine Segelohren: Meine Freunde und ich müssen auf schnellstem Weg ins Zauberland. Meine Tochter will heiraten, und da muss ich doch dabei sein. Aber wie du dir wohl denken kannst, bin ich nicht die Schnellste. Hab halt keine Beine. Und da hab ich mir gedacht, du bist allein, du hast Angst, du brauchst Schutz, aber du bist auch schnell, groß, und verteidigen kannst du dich auch. Du wirst unser Taxi. Du nimmst all meine kleinen Freunde mit auf deinen großen Rücken, die größeren laufen in unserem Schutz dicht neben uns, und ich dirigiere dich, weil du ja den Weg nicht kennst. Einverstanden?“

„Aber ich bin doch noch ein Kind. Ich muss meine Herde suchen. Ich will zum Wasserloch.“ Und wieder wischte Bumba sich verstohlen mit dem Rüssel über die Augen.

„Ja, ja. Ich bringe dich hin. Das liegt auf unserem Weg. Und dann können wir meinetwegen auch deine Mutter fragen, ob du uns ins Zauberland bringen darfst.“

Bumba zwinkerte. Dann tat er einen tiefen Atemzug und reckte sich zu voller Größe auf. „Ja, dann - meinst du denn wirklich, ich bin schon groß genug für so ein Abenteuer? Dass ich das kann?“ Er schluckte aufgeregt.

„Klar“, sagte Nona, „du bist zwar noch ein Kind, aber immerhin ein großes. Also – einverstanden?“

Bumba nickte heftig, und Nona rutschte ein Stück am Rüssel runter. „Lass das! Muss ich erst runter fallen?“ Nona schlängelte sich wieder zwischen Bumbas Augen, dann stieß sie einen schrillen Pfiff aus, und alle ihre Freunde kletterten, sprangen, flogen, hüpften, schleimten und schlängelten sich an dem kleinen Elefanten hoch. Zwei Kudus sprangen an Bumbas rechte und linke Seite, zwei junge Impalas stellten sich vor die kleine Karawane.

Nona klopfte Bumba mit ihrem Schwanz fest auf die Nase: „Das heißt geradeaus. Rechts und links wirst du dann schon erkennen. Also – alles bereit? Haltet euch gut fest! - Auf mein Kommando: los, Bumba, lauf! Lauf!“

 

Der kleine Elefant hob vorsichtig den Rüssel und trompetete laut. „Töröhhh! Aus dem Weg! Zauberland, wir kommen!“ Und schon stampfte er mit seinen neuen Freunden über die kahle Steppe, dass der Boden bebte.

 

 Copyright: Christel Wismans

 

 

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Abenteuer am Amazonas

                                                                                                  Zeichnung: Renate Anna Becker

 

 Juan war ein kleiner Junge mit brauner Haut und schwarzen  Haaren. Mit seinen fünf Jahren war er der jüngste seiner Familie, ein echter Wildfang, der weder Furcht noch Gefahr kannte. Er lebte mit seiner Mutter und den Geschwistern in dem kleinen Urwalddorf Boca da Valeria am großen Fluss. Sein Vater war kurz nach seiner Geburt bei der Jagd getötet worden, als ihn versehentlich ein Pfeil getroffen hatte, der mit Curare getränkt war. Curare, hatten seine Brüder ihm schon sehr früh beigebracht, Curare ist ein sehr gefährliches, tödliches Nervengift, das nur der Medizinmann aus bestimmten Blättern und Rinden  herstellen kann. Deshalb durften Jungs zwar schon sehr früh den Umgang  mit Pfeil und Bogen üben, aber niemals mit den Giftspitzen daran. Zu gerne wäre Juan trotzdem wie ein richtiger Mann mit auf die Jagd gegangen. Einmal war er den Männern hinterher geschlichen, leise wie ein Schatten.

   Seine nackten Füße tappten lautlos über den Moosboden, fast unhörbar durchs Unterholz, doch der Älteste hatte ein gutes Gehör. Wie ein Jaguar sprang er mit einem gewaltigen Satz zurück und ragte wie ein Baum vor dem Jungen auf. Er packte ihn im Genick und schüttelte ihn wie einen nassen Hund. Seine Augen sprühten vor Zorn: „Wie kannst du es wagen?“, schimpfte er. „Weißt du nicht, dass die Jagd kein Spiel ist? Sie ist gefährlich! Nur Männer können jagen. Du bist ein dummer Junge! Zur Strafe bleibst du eine Woche bei den Frauen und Mädchen und lässt dich schmücken wie ein Mädchen, wenn ein großes Schiff anlegt und die Fremden kommen, um uns zu sehen.“

   Beschämt schlich Juan zurück. Aber er wählte den Weg, der durch den dichten Dschungel am Dorf vorbei zum Fluss führte. Er liebte den Amazonas, das schlammig-braune Wasser, das träge wie ein riesiger Wal da lag, unendlich groß und breit. Ab und an trug er ein großes, weißes Schiff ans Ufer. Dann strömten hellhäutige Menschen in seltsamen Kleidern an Land. Sobald die Kinder solch ein Schiff von weitem sahen, rannten sie ins Dorf, laut schreiend: Sie kommen!

  Dann ging es hopplahopp. Die Männer, die nicht auf der Jagd waren, bemalten sich mit grellen Kriegsfarben, schmückten sich mit ihren schönsten Federn und stellten sich mit Pfeil und Bogen stolz in Positur. Auch die Mädchen wurden von ihren Müttern  mit ihren besten Kostümen geschmückt aufgestellt. Die anderen Kinder mussten einfach ihre Hände bittend ausstrecken, lächeln und sagen: One Dollar.

   Bisher hatte Juan es immer geschafft, sich zu drücken. Er war ein Mann, ein Krieger und Kämpfer, ein stolzer Jäger. Und jetzt hatte der Älteste gesagt, er müsse sich wie ein Mädchen schmücken lassen, wenn die Fremden kommen. Nie, niemals würde er das können. Vor lauter Elend und Verzweiflung warf er sich auf den Strand und hämmerte mit seinen Fäusten ins Wasser, dass es platschte.

   „Tschilp, tschilp, was hast du denn?“ Ein Pulk grüner Schwalben landete dicht neben Juan auf dem Sand. Kleine, schwarze Knopfaugen blickten besorgt. „Was ist los? Sollen wir für dich singen? Oder Fangen spielen? Das magst du doch. Komm, lach doch wieder und spiel mit uns.“

Aber Juan schüttelte den Kopf: „Ihr könnt mir nicht helfen. Heute nicht. Ich war ungehorsam und werde bestraft. Wie ein Mädchen. Ich schäme mich so.  Ach, wenn ihr mich doch mitnehmen könntet! Weit weg. In die große Stadt, oder ans Meer...“

„Nein, tschilp, tschilp, das geht nicht. -  Aber, warte! Ich habe eine Idee! Ich weiß, wer dir helfen kann. Kommt, Freunde, wir müssen suchen. Am besten teilen wir uns auf. Tschilp, tschilp! Lauf nicht weg, Juanito, wir sind gleich wieder da. Bleib hier sitzen! Tschilp, tschilp!“   

   Aber die Zeit verging, und Juan döste träge vor sich hin. Irgendwann vernahm er weit entferntes Rufen. Suchten sie ihn etwa schon? Sollte er sich vielleicht besser verstecken? Aber er hatte ja versprochen, hier zu bleiben, und er wollte nicht schon wieder ungehorsam sein und ein Versprechen brechen. Er buddelte sich tiefer in den feuchten Sand und versuchte, die Bilder aus seinem Kopf zu verscheuchen, die ihn immer wieder als Mädchen verkleidet, angemalt und mit bunten Federn geschmückt vor den Fremden zeigte. Niemals würde das passieren, schwor er sich wieder und wieder.

   „Tschilp, tschilp, Juanito, wir sind wieder da!. Wir mussten ganz schön suchen, aber schau mal, wen wir dir mitgebracht haben!“ Ausgelassen tobten die grünen Amazonen um den Jungen herum. Mühselig buddelte Juan sich aus dem nassen Sand, rieb sich die Augen und sah sich suchend um. „Was – wen – wo...?“ !

„Na, da! Siehst du nicht? Tschilp, tschilp!“ Die Amazonen flogen kurz auf den Fluss und kehrten zurück. „Da! Dein Freund Wally!“

Tatsächlich. Juan hatte den breiten, grauen Rücken vor der tiefstehenden Sonne gar nicht gesehen. Aber jetzt bewegte sich ein Wal geschmeidig auf den Strand zu, blies eine hohe Fontäne und zwinkerte Juan mit einem Auge zu.

„Wally! Mein Freund! Mein Freund! Du bist meine Rettung! Oh Mann, ihr lieben Vögel, ihr habt Wally gesucht und ihm von meiner Not erzählt! Das werde ich euch nie vergessen. Nie im Leben! Danke!“

„Tschilp, tschilp, amigo, mach's gut. Und denke daran, auch, wenn wir dir jetzt geholfen haben, du bist noch ein Kind. Und Kinder müssen den Alten gehorchen. Im Dschungel herrschen strenge Gesetze, die muss jeder befolgen. Auch du, Juan! Das ist bei uns Vögeln nichts anderes. - Aber - wir müssen jetzt los, die Nacht kommt schnell. Tschilp, tschilp! Bis bald, dann spielen wir wieder Fangen!“

   Juan sah ihnen nachdenklich nach, wie sie sich im grünen Pulk steil in die Luft erhoben und in der einbrechenden Dämmerung verschwanden.

   „Gute Freunde hast du, mein kleiner Freund.“ Der Wal rieb sein Maul mit den langen Borsten vorsichtig an den nackten Beinen des Jungen. „Komm, steig auf, wir drehen eine Runde, bevor es ganz dunkel ist und du nach Hause musst.“

Juan kletterte flink auf den Rücken, der so breit war wie ein Floß, legte sich auf den Bauch und schlang beide Arme fest um den Kopf seines Freundes.

   „Alles klar da oben?“, fragte Wally, „dann wollen wir mal.“ Langsam und  behutsam, um seine Fracht nicht zu verlieren, glitt der alte Wal auf die Strommitte zu, vorbei an Sandinseln, pinkfarbenen Amazonas-Delphinen und mächtigen Kaimanen.  Immer der untergehenden Sonne entgegen. Der kleine Junge seufzte glücklich. Langsam wurde er ruhig. Alle Sorgen und bitteren Gefühle fielen von ihm ab.

    „Noch einmal pusten, Wally, bitte, und dann drehen wir um. Ich muss nach Hause. Die Mama wartet.“

   

 

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Berti, der kleine Tollpatsch

                                              Foto: Pixababy

 

Im Zaubergarten der kleinen Fee Lillibelle wohnten viele Vögel. Kleine, größere, bunte, schwarze, aber auch unscheinbare. Lillibelle liebte sie alle und kannte sie beim Namen.

An diesem kalten Januarmorgen war sie schon früh auf den Beinen. Es war noch sehr dunkel. Aber Lillibelle konnte mit ihren Sternenaugen auch in der schwärzesten Finsternis gut sehen. Sie trug einen Krug mit weichem Rosenwasser und füllte nacheinander sämtliche Gefäße, die verteilt im Garten standen. Denn Lillibelle wusste, dass ihre kleinen Freunde nicht nur Hunger, sondern auch Durst hatten.

„Nanu, ihr Beiden, ihr seid schon wach?“ Vier Knopfaugen lugten über den Rand des Nests und verfolgten Lillibelles Tun. Zwei verschlafene und zwei hellwache.

„Der Berti hat mich einfach geweckt“, maulte die kleine Blaumeise und schaute vorwurfsvoll zur Seite.

„Moin, Lillibelle! - Wenn die alte Schlafmütze doch nicht von selber wach wird, kann ich ruhig ein bisschen nachhelfen. Oder? Es ist doch schon bald Tag, und ich hab große Lust, Karussell zu fahren. Hast du es aufgefüllt? Gestern Abend war es schon ziemlich geräubert. Die frechen Spatzen haben gefressen, als gäbe es heute nichts mehr. Für unsereins bleibt da nicht mehr viel, wenn die zulangen.“

Die Fee lachte leise: „Es ist genug für alle da. Der Garten ist doch groß. Ihr findet überall Futter.“

„Ich will aber Karussell fahren.“

„Das Karussell ist auch neu aufgefüllt. Also, ihr Beiden, dann mal los, bevor alle anderen wach sind.“

Das ließen sich die beiden Blaumeisen nicht zweimal sagen. Vorsichtig, um die anderen nicht zu wecken, hüpften sie auf den Nestrand, breiteten ihre Flügel aus und flogen quer durch den Garten.

„Vorsichtig, Berti, sei doch nicht so wild. Sonst stürzt du wieder …“

Aber schon war es passiert. Kaum, dass Berti mit Karacho gelandet war, setzte sich das Futterkarussell in Bewegung und schwang rasend schnell im Kreis. Unsanft wurde Berti heruntergeschleudert. Nicht mal die Flügel konnte er schnell genug ausbreiten, um den Sturz abzufangen. Er fiel wie ein Stein. Mitten auf frische, weiche Erde.

„Tschirp, tschirp!“ Er bemühte sich aus Leibeskräften, seine Füße aus der feuchten Erde zu befreien.

„Also, sag mal,“ brummte es empört neben ihm, „kannst du nicht aufpassen, du Zwerg? Beinahe hätte ich dich erwischt. Du weißt doch, dass ich nicht sehen kann. Muss ich mich schon am frühen Morgen aufregen?“

Zwischen großen Schaufelhänden tauchte ein braunes, pelziges Gesicht mit einer rosigen, langen Schnauze auf.

„Oh je, der grantige Maulwurf“, wisperte Jenny erschrocken und flog zu ihrem Bruder hinunter. „Lass uns schnell verschwinden. Mit dem ist nicht gut Kirschen essen, wenn man ihn stört.“

Aber Bert hatte sich schon aufgerappelt und seine Federn ausgeschüttelt. „Entschuldigen Sie bitte vielmals die Störung, alter Herr, war keine Absicht. Schönen Tag noch.“

Schleunigst flogen die beiden Meisen von dannen.

„Gerade noch mal gut gegangen“, rief Jenny, „du bist aber auch ein Tollpatsch. Immer und überall passieren dir solche Dinge. Wird Zeit, dass du endlich vernünftig wirst.“ Aber Bert grinste nur und drehte im Flug eine übermütige Pirouette.

 Inzwischen wurde es langsam heller. Die Schwärze der langen Nacht wich der ersten fahlen Morgendämmerung. Die Fee schwebte bereits durch den Garten und löschte nach und nach alle Lichter.

Plötzlich donnerte eine laute Stimme: „Hubertus! Wo steckst du wieder? Komm sofort nach Hause. Und bring deine Schwester mit.“

„Hubertus. Ach, du lieber Himmel. Papa. Und ganz schön sauer, wie es scheint. Ich glaub, wir warten lieber noch ein paar Minuten, bis er gefrühstückt hat. Dann wird er wohl hoffentlich bessere Laune haben. Komm, wir verstecken uns hier im Apfelbaums.“

Auf einem dünnen Zweig ganz weit oben kuschelten sie sich dicht aneinander. Plötzlich richtete Berti sich auf und stieß Jenny mit seinem Flügel in die Seite.

„Guck mal schnell, da unten, was ist das denn für einer?“

„Wer? Wo?“ fragte Jenny und beugte sich vor.

„Na, der schwarze Fettsack, der da unten am Zaun hängt und von unserer Futterstange frisst. Das ist doch keiner von uns. Mit so einem langen Schwanz …?“

In dem Moment kletterte das Wesen flink am Draht des Zauns herunter und huschte ins Unterholz. Weg war es.

Die beiden Blaumeisen guckten sich ratlos an. „Ob die Anderen den kennen? Wir müssen doch mal fragen. Vielleicht ist der gefährlich? Wenn der schon unser Futter frisst, dann frisst der vielleicht auch uns? Immerhin sind wir neben den Zaunkönigen die Kleinsten hier im Garten. Und der da ist schon mächtig groß.“

„Ach, Quatsch, Schwesterchen, du brauchst keine Angst haben. Ich bin doch bei dir. Dein großer Bruder beschützt dich.“ Stürmisch beugte sich Bert zu Jenny.

„Vorsicht! Pass auf …!“

Zu spät.

Durch die kahlen Äste stürzte Bert hinunter auf den Boden. Einen Moment lang blieb er benommen liegen. Doch als er von oben das Kichern seiner Schwester hörte, rappelte er sich schnell auf. Wie peinlich! Er war schon wieder abgestürzt.

„Komm hoch, mein großer Beschützer“, zwitscherte Jenny, „komm, aber ganz vorsichtig. Die Sonne geht gerade auf. Sie ist riesig und feuerrot heute Morgen. Du solltest sie nicht verpassen.“

„Oh je, so spät schon? Kein Wunder, dass Papa ruft.“

„Er ist bestimmt sauer, weil wir heute früh einfach so abgehauen sind.“

„Dann müssen wir ihn ablenken. Am besten fragen wir ihn gleich nach dem komischen Tier mit dem langen Schwanz. Dann vergisst er zu schimpfen. Und wir sind fein raus. Los, komm jetzt. Und pass auf!“

Der Plan ging auf.

Noch bevor der Papa den Schnabel öffnen konnte, überfielen ihn die beiden Kleinen mit einem aufgeregten Wortschwall. Der Papa riss die Augen auf: „Kann das eine Katze gewesen sein? Ich habe davon gehört, dass es in der Welt der Menschen solche Tiere geben soll. Sie machen Jagd auf uns Vögel. Und klettern können sie auch. Erzählt noch mal, wie groß war das Wesen? War es überhaupt ein Tier? Und wie ist es wieder verschwunden? Durch die Löcher des Zauns nach draußen, sagt ihr? Hm.“ Vater Meise schüttelte den Kopf, „hm, ich werde die Fee fragen. Vielleicht kennt sie so ein Tier.“ Er wippte auf und ab und dachte angestrengt nach. Die Strafpredigt hatte er vergessen.

Die beiden kleinen Blaumeisen schauten sich verstohlen an. „Dann können wir jetzt gehen, Papa?“  Und schon waren sie weg. „Das ist ja nochmal glimpflich abgegangen. Schnell weg. Komm.  Und pass jetzt um Himmelswillen besser auf, Berti!“

Schon von weitem hörten sie die Spatzen. Sie hocken wie üblich alle zusammen im Holunder und besprachen lautstark ihren Tag.

„Eigentlich ist jetzt eine gute Gelegenheit, Futter zu picken. Noch keine Konkurrenz da von den frechen Braunen“, sagte Berti.

„Aber nicht wieder ins Karussell!“

„Nein, lass uns in den Tannenbaum fliegen.“

„Aber der piekst so!“

„Jetzt stell dich nicht so mädchenhaftig an. Wir steuern direkt auf einen der Knödel zu und hängen uns daran, dann kommst du mit den Nadeln überhaupt nicht in Berührung. Guck mal, ich mach es dir vor.“

Natürlich hatte Berti zu viel Schwung und landete ein ganzes Stück über dem Knödel. Und jetzt? Er legte den Kopf schief und überlegte. Sollte er es mit einem Kopfstand probieren, wie er das schon so oft bei den Spatzen bewundert hatte?  Einfach mit den Füßen festkrallen und dann kopfüber runter beugen und fressen. Das hatte immer ganz einfach ausgesehen. Und wenn plumpe Spatzen das können, dann sollte das für eine zierliche, kleine Blaumeise doch wohl kein Problem sein.

Berti hüpfte näher: „Jenny, guck mal, wie ich das mache!“

„Pass auf!“

Er holte tief Luft, beugte sich vorsichtig vor und ….

Schneller, als Berti fiepen konnte, verlor er den Halt, prallte mit dem Gesicht auf den Knödel, rutschte ab und landete unsanft zwischen pieksenden Tannenzweigen. Noch während er sich mühsam aufrappelte, hörte er eine tiefe Stimme: „Kinder, schaut gut hin. Habt ihr den Tollpatsch gesehen? So geht es nicht. Das ist auch der Grund, warum wir schlauen Amseln die Knödel nicht direkt anfliegen, sondern das fressen, was unten auf dem Boden liegt. Die kleinen Piepmätze lassen immer mehr als genug fallen. So, Kinder, kommt, und jetzt gehen wir baden.“

Baden? Berti glaubte, sich verhört zu haben. Die wollten doch wohl nicht wirklich im kalten Januar baden? Im eisigen Wasser? Er stieß einen kurzen Ruf aus: Jenny, komm runter, hier gibt es was zu sehen.

„Was ist denn?“, fragte Jenny mit vollem Schnabel, als sie neben ihrem Bruder landete.

„Du glaubst es nicht, die Amseln wollen baden gehen. Das muss ich sehen. Komm.“

Sie hockten sich auf die kleine Hecke, von der aus sie einen guten Überblick hatten. Vater Amsel stakste bereits vorsichtig in die Wasserschale, die auf dem Mäuerchen stand. Er schüttelte sich kurz, dann tauchte er, hüpfte, planschte und spritzte, dass das Wasser in alle Richtungen flog.

Das sah irgendwie sehr verlockend aus. Trotz der Kälte. Und die Amsel schien einen Heidenspaß zu haben.

Berti zappelte. Am liebsten würde er auch … sollte er …? Ja …?

Mit einem Satz hüpfte er runter auf den Rand der Badewanne. „Yippie!“, schrie er und wollte sich kopfüber ins Wasser stürzen. Aber er hatte nicht mit der Amsel gerechnet. Ungläubig starrte sie die winzige Meise an, die in ihrem Wasser plantschen wollte, senkte den Kopf und drängte sie mit einem einzigen Satz aus der Wanne. „Du Zwerg, du Wicht, du wagst es, mich beim Baden zu stören? Du, du … bist du nicht dieser Chaoten-Vogel? Man sollte dir eine Warnweste verpassen, mit Glocke, damit alle Tiere hier im Zaubergarten vor dir gewarnt werden, du tollpatschiges Dings, du.“

Noch ein letzter vernichtender Blick in Bertis Gesicht, dann stakste die Amsel hochmütig zurück in ihr Bad. Zurück blieb ein ziemlich bedripster Bert. Was hatte er denn getan?

Jenny tat das Herz weh vor Mitleid mit ihrem Bruder. Sie hüpfte auf den Boden und schmiegte sich ganz dicht an Bert. „Lass doch die olle Amsel. Mach dir nichts draus. Die ist ja nur neidisch, weil du so hübsch und zierlich bist und sie nur dieses langweilige, schwarze Kleid hat.“

Leise, nach und nach, tauchten Spatzen und Kohlmeisen auf, dann der Buntspecht, das Rotkehlchen, die Zaunkönige, alle, alle kamen sie und hockten sich im Kreis um die beiden kleinen Blaumeisen. „Nicht traurig sein, Kleiner“, versuchten sie zu trösten. „Mach dir nichts draus. Die Amseln sind nun mal ein bisschen hochmütig. Sie meinen, weil sie so schön singen können, sind sie etwas Besonderes. Aber die Fee liebt uns alle, so, wie wir sind. Sogar die fette Ratte von nebenan, die immer wieder versucht, uns unser Fressen zu klauen. Oder den Maulwurf mit seinen Riesenhänden. Oder die Katze, die sich ab und an zu uns hereinschleicht, zum uns zu jagen.“

Da meldete sich ein struppiger Spatz: „Berti, du bist vielleicht ein Tollpatsch, aber doch kein Chaot, du bist einfach nur noch nicht erwachsen. Du bist noch übermütig und wild. Das ist doch nichts Schlimmes. – So, und jetzt Leute, was haltet ihr davon, wenn wir alle zusammen ein großes Fest feiern? Nur wir Kleinen? Ja? Dann trommelt mal eure Freunde zusammen.“

Und so kam es, dass dieser Tag, der so holprig begonnen hatte, im Kreise von Freunden mit Lachen und Singen endete.

 

 

 Copyright: Christel Wismans

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Die kleine Meise

Abenteuer im Wunderland

                                                                                Foto: pixababy

 

„Ihh, Mama, was ist das für ein fieses, weißes Zeug? Ich krieg kalte Füße davon. Was ist das?“Die kleine Meise versuchte, sich näher bei der Mutter anzukuscheln, aber die schlug ärgerlich mit dem Flügel:

„Weg, du bist doch schon groß. Was soll das Gezicke? Bist du eine starke Kohlmeise oder was? Das ist Schnee. Eigentlich solltest du das wissen. So was hat man in den Genen. Und jetzt hör auf zu heulen und flieg los und guck, wo unsere Menschen Futter ausgebracht haben. Achte auf runde Knödel oder längliche Fettpfannen. Meistens hängen sie im Flieder oder in der Magnolie – wie, du weißt nicht, welcher Baum welcher ist? Hab ich dir das nicht im August beigebracht? Hast du alles wieder vergessen? Nee, nee, was mach ich nur mit so einer Trantüte!“
„Aber Mama, alles sieht so gleich aus“, jammerte die kleine Meise, „ich hab auch schreckliche Angst, dass ich untergehe und dann finde ich dich nie mehr wieder.“
Wir können darauf laufen“, die alte Kohlmeise hüpfte demonstrativ auf der weißen, weichen Matte auf und ab. „Siehst du? Wir gehen nicht unter. Du kannst höchstens bis zum Knöchel einsinken, das ist alles. Aber Tante Soffie, die alte Krähe, und die eingebildeten Amseln, die uns im Sommer nie Platz machen und uns nicht die Laus am Stamm gönnen, die können schon einsinken! Hihihi! Die schon! Du hast doch bestimmt gesehen, wie dick vermummt die rumlaufen. Überhaupt keine Taille mehr. Also ich, ich würd mich ja schämen! Die sind so was von empfindlich! -
Aber was ich sagen wollte, Kind, flieg einfach los und schau in jeden Baum. Aber vielleicht sind unsere Menschen ja auch noch gar nicht so weit, dass sie an Winterfutter für unsereins denken. Manchmal sind die schon sehr verschnarcht. Aber andererseits, kam ja auch echt früh und überraschend dieses Jahr, der verdammte Winter. – Also los, Kind, und - Halt! noch was Wichtiges! Nimm dich in Acht vor dem Buntspecht. Ich habe ihn gestern gehört, der scheint sich diesen Winter in unserem Revier einzunisten. Dieser Vielfraß geht immer an unsere Knödel und frisst uns alles vor der Nase weg. Mit dem ist nicht zu spaßen. Also, aufpassen!“

 Die kleine Meise flog los und nahm Kurs auf den Sommergarten, in dem sie geboren worden war. Nur sah der heute völlig anders aus. Alles voll von diesem komischen Schnee. Da sollte sich noch einer auskennen.

 

„Hallo? – hallo?“ Leise rief sie in die weiße Stille hinein.
Unter dem großen Lorbeer schauten zwei dicke, schwarz vermummte Amseln heraus: „Hau ab! Ist noch kein Futter da.“
„Doch, die Alte hat das nur noch nicht mitgekriegt", piepste ein kleines Stimmchen. "Der muss man das Futter auf dem Silbertablett servieren, bevor die was merkt. Komm her, hier im Flieder sind wir alle.“
Aus dem weißen Puderbaum hörte der kleine Vogel leise Stimmen, und als er sich vorsichtig auf das kalte Weiß setzte, sah er durch die Zweige in die Gesichter seiner Freunde und Verwandten. „He, was ist los? Wieso seid ihr alle zusammen hier?“
„Na, um zu fressen, natürlich. Du wirst dich noch wundern, wen du demnächst alles hier im Garten sehen wirst. Sie kommen von nah und fern, wenn sie Kohldampf haben. Da sind Kameraden dabei, die hast du noch nie im Leben gesehen, in allen Farben, sag ich dir!“
Die keine Meise näherte sich dem pendelnden Knödel, aus dem es verführerisch duftete. „Geh mal weg!“ piepste sie, „lass mich auch mal! Ich hab so was noch nie gefressen.“
Aber in dem Moment, als sie sich in das grüne, klebrige Netz krallte und den Schnabel spitzte, ertönte ein Schrei: „Der Specht! Der Specht! Bringt euch in Sicherheit!“
„Aber der tut doch nix“, beruhigte die tiefe Stimme einer Amsel, die unten auf dem Schneeboden nach Krümeln suchte, „der tut nix. Allerdings," ein klein wenig Gehässigkeit schlich sich in ihre Stimme: „ solltet ihr ihm schleunigst Platz machen. Der versteht keinen Spaß, wenn er da so einen kleinen Wicht an seinem Knödel hängen sieht. Hohoho! Also, - zischt ab!“

Im Nu hatten sich die kleinen Vögel versteckt. Ein bisschen Angst hatten sie schon, denn die meisten von ihnen hatten noch nie von einem Specht gehört, geschweige denn, ihn gesehen. „Da, guckt mal, da kommt er! Boah, ist der riesig!“
„Und so schön bunt“, leiser Neid klang aus der Stimme des etwas unscheinbaren Finks.
Fasziniert schauten die kleinen Vögel auf den großen. Wie gewandt der sich an den kleinen Meisenknödel hängte! Und mit welcher Kraft der zuhackte! Dass der Knödel dabei nicht abriss! Dann würden die Amseln sich kaputt lachen. Und mit Sicherheit würden auch die ollen Krähen und die frechen Elstern ratzfatz auf der Matte stehen und sich um die besten Brocken reißen. Das durfte nicht passieren. Ganz fest drückten sie ihre kleinen Krallen aneinander.
Plötzlich schob sich neben dem Baum eine Balkontüre auf, ganz leise und vorsichtig, und ein kleiner Fotoapparat blinkte in der fahlen Mittagssonne. Augenblicklich schwang sich der Buntspecht in die Luft, und die kleinen Vögel duckten sich hinter den Schneehauben. So was mochten sie überhaupt nicht. Nicht, dass sie wirklich Angst hatten vor ihren Menschen, aber so ein bisschen schüchtern waren sie schon. Nur die dicken Amseln pickten weiterhin in aller Seelenruhe die heruntergefallenen Körner. Abhauen? Sie? Nie im Leben. Das hier war ihr Garten, und die Menschen durften froh sein, wenn sie geduldet wurden.

Die kleine Meise platzte fast vor lauter neuen Eindrücken. Das musste sie der Mutter erzählen. Eilig verabschiedete sie sich von ihren Freunden und flog heim.

Heim. Heim? Ähm, wo war noch mal das neue Winter-Zuhause? Hier lang oder doch dorthin?“

 

Copyright:  Christel Wismans

 

 

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Die Weihnachtsmärchen stelle ich erst zur nächsten Adventszeit ein