Mit dem Traumschiff MS AMADEA unterwegs zum Amazonas und weiter, immer weiter


Ich will Meer - Mehr?- Meer!

So lange schon, seit  dem 8. November 2012 sind wir schon wieder an Land.  Den ganzen langen vorletzten Winter über habe ich gejammert:

Ich will zurück an Bord! Ich will Wärme!

Ich will  das Meer sehen, spüren ... Ich will Decksplanken unter meinen Füßen haben ... Ich will fremde Ufer sehen, erkunden ...

Ich will Meer!

Zu schön sind die Erinnerungen an die endlos lange Kreuzfahrt

von Bremerhaven aus ...

Ach ja ... 

Aber bald, ganz bald, geht es wieder los. Ins östliche Mittelmeer und rund ums Schwarze Meer!

 

 

Mit der MS AMADEA zum Amazonas und weiter,

immer weiter…

 

Vor eineinhalb Jahren hatten wir gebucht. Wir wussten, die Reise liegt irgendwo im Nebel der Zukunft. In ganz weiter Ferne. Und irgendwie blieb das so. So lange, dass ich nachher, als wir kurz vor dem Urlaub standen, regelrecht in Stress geriet. So viel noch zu tun, zu bedenken, zu arrangieren, zu packen. Oh Gott, das Packen! Ich hasse es! Dreimal Koffer voll, Klamotten rein, Klamotten wieder raus, wiegen, selektieren, neu packen, wiegen, umpacken...…

 

Unser Traumschiff diesmal lag in Bremerhaven. Noch bevor wir ein Bein an Bord setzen konnten, hatten wir schon ein Glas Sekt in der Hand und wurden ganz persönlich herzlich begrüßt. Keine Fließband-Abfertigung diesmal wie auf der MS MARCO POLO vor drei Jahren, kein kaputter Fahrstuhl wie dort, alles war vom Feinsten. Ich merkte sofort, dass der Stress von mir abfiel und legte meinen inneren Schalter voller Freude um auf Urlaub.

 

Auf dem Achterdeck war Party angesagt: Willkommen! Beginn der Reise! Abschied von Bremerhaven!

Zum ersten Mal ertönte die Abschiedsmelodie, die wir noch oft hören würden.

Auch der Himmel war offensichtlich mit engagiert worden. Er bot uns ein Spektakel der besonderen Art. Geradezu film reif versank die Sonne in einem blutroten Feuerball, während links davon, höchstens zwei Kilometer weiter, sich pechschwarze Gewitterwolken übereinander türmten und schier explodieren wollten.

Und um das Ganze noch spektakulärer zu gestalten, tuckerte ein Boot vor der Sonne hindurch mit einer sprühenden Wasserfontäne. Das schien uns ein gelungener Auftakt für die bevorstehenden sechs Wochen auf der MS AMADEA zu sein.

 

In den ersten Tagen passierte nicht viel. Während wir das Schiff erkundeten, schipperte die AMADEA über die Nordsee. Wenige ganz Mutige trotzten dem kalten Wind, hüllten sich in schottenkarierte Decken und träumten auf einer Liege der Wärme entgegen. Ich auch.

Je weiter wir fuhren, desto freundlicher wurde das Wetter. Im Ärmelkanal war Hochbetrieb. An diesem Sonntagnachmittag brach der Himmel auf, die Sonne lugte immer öfter aus großen, blauen Lücken, und selbst die kabbelige See beruhigte sich. Die weißen Klippen von Dover schienen zum Greifen nahe. Auf der anderen Seite die Küste Frankreichs. Oder vielleicht die Kanalinseln? Ich winkte Richtung England: Hallo, mein Kind!

Der Kreuzfahrtdirektor hatte einen Frühschoppen mit Fischbuffet angesetzt. Wir konnten tatsächlich fast ohne zu frieren an Deck sitzen und in der Sonne lecker essen und trinken. Später mussten wir natürlich alles wieder abwalken, sonst hätten wir wahrscheinlich abends den Reißverschluss in unserem etwas feinerem Outfit zum Captain’s Empfang nicht mehr zu gekriegt…

 


 

 

Der lange Weg nach Brasilien  - Biscaya, Lissabon 

 

Die Biscaya war diesmal so glatt wie eine Badewanne voller Olivenöl. Vor knapp vier Jahren hatte sie uns mit hochhaushohen Wellen tagelang an der Durchfahrt gehindert.

Montagvormittag tuckerten wir auf der Höhe von Compostella Lissabon entgegen. Wir überlegten: Sollten wir wirklich noch einmal einen Ausflug durch die Stadt mitmachen? Auch wenn die Stadt echt mehr als sehenswert ist, wir hatten uns hier doch schon zweimal die Schuhsohlen durchgelaufen.

Wir entschieden uns für den Park der Nationen, das noch recht neue Expo-Gelände von 1998 mit dem größten Aquarium Europas, in dem sich auch Haie, Rochen, Thunfische und alle anderen Arten von Meerestieren in riesigen Becken tummeln.

Es war Dienstagmorgen, der 2. Oktober 2012. Die Stadt leuchtete uns unter der warmen Sonne einladend entgegen. Fast tat es mir doch schon wieder leid, dass wir uns für den neuen Stadtteil entschieden hatten. Aber wir wurden nicht enttäuscht. Dieses ehemals heruntergekommene Stadtgebiet am Tejo ist inzwischen, auch dank des Oceanário, ein sehenswertes Stück Lissabon geworden. Es gibt entlang des Ufers sogar eine Seilbahn!

 

Nachmittags hieß es dann schon wieder: Leinen los mit Abschiedsparty. Während sich die AMADEA langsam rückwärts unter der Ponte 25 de Abril hindurch Richtung Atlantik schob, standen wir alle mit einem Glas Sekt in der Hand an der Reling und lauschten der Abschiedsmelodie, die diesmal nicht wie sonst vom Band kam, sondern von einem Trompeter auf dem Pooldeck achtern live gespielt wurde.

Schon wieder eine Etappe vorbei. Wieder ein Schritt näher zum Amazonas.

 

Inzwischen fühlten wir uns auf der AMADEA heimisch. Wir kannten uns aus, na ja, so einigermaßen jedenfalls, wussten, auf welchen Decks die Restaurants sind, wo Sportdeck, Bars, Pool, Golf und Wellness mit Fitnessraum, wo man am besten walken kann und wo die große Lounge mit dem Abendprogramm ist. Schon bald hatten wir unseren Lieblingstisch in unserem Lieblingsrestaurant „Vier Jahreszeiten“ mit unseren Lieblingskellnern. Es waren überwiegend junge Männer von den Philippinen.

Unsere Kellner waren die Besten. Immer gut gelaunt, singend, lachend, sehr aufmerksam, formvollendet und flott. Wir wurden so liebevoll umsorgt, dass wir alles daran setzten, immer unseren Tisch und damit unsere Kellner zu bekommen, was bei freier Tischwahl gar nicht so einfach war. Schon nach relativ kurzer Zeit wurde ich von Rodel, dem Ober, adoptiert. Aus Madame wurde Mommy, und sagte uns der Nachtisch nicht zu, brachte er uns Eis. Er kannte genau unsere Vorlieben. Und mit einem verschmitzten Lachen brachte er mir mit Vorliebe zweimal Eis.

 

Über den schlichtweg ungenießbaren Kaffee morgens, der in Warmhaltekannen vor sich hinschmorte, kamen wir über eine gemeinsame Beschwerde zu neuen Bekannten. Zwei Freundinnen, Globetrotter alle beide, Gerda und Heike. Sie und Wir: das passte. Auch zu unserem Tisch. Von da an waren wir unzertrennlich. Drei ganze Wochen lang.


 

Kanarische Inseln - Gran Canaria und El Hiero

 

Für Gran Canaria hatten wir Strand gebucht. Der Bus karrte uns über die Insel bis fast auf den glühenden Sand von Maspalomas. Erinnerungen wurden wach. Wie oft waren wir damals vor vielen Jahren am Strand von Playa del Ingles bis hier nach Maspalomas gelaufen. Und durch die Dünen geklettert, lachend, schreiend, bis zu den Waden versunken im kochendheißen Sand.…

Wir platschten durchs Wasser. Sooo viel hatte sich nicht verändert. Es gab noch immer die Sonnenanbeter, die sich oben auf den Dünen wie Statuen mit ausgebreiteten Armen langsam mit der Sonne drehten. Die Strecke mit den Homosexuellen schien sich gegenüber früher deutlich ausgedehnt zu haben. „Coming out“ war damals noch ein Fremdwort. Da  blieben sie meistens noch unter sich und versteckten sich lieber  in den Dünen.

An diesen langen Strand kommt man aber nicht nur hin, um zu baden. Manche wollen einfach gesehen werden oder gar provozieren. Wie zum Beispiel einer, der nackt mit dem weit offenen Hinterteil zum Strand im Vierfüßlerstand hockte und unter seinem Körper hindurch die Leute beobachtete, die vorbei liefen. Ob sie auch guckten und wenn, wie. Seine Partnerin neben ihm öffnete bei ihren akrobatischen Übungen Einblicke in andere Körperteile.…

 

Nix wie weg! Schnell weiter!

 

In Las Palmas kamen noch hundert neue Passagiere an Bord. Das gefiel uns gar nicht, denn wir hatten noch sehr schlechte Erinnerungen im Hinterstübchen an die übervolle MARCO POLO damals, wo es danach weder Stühle, geschweige denn noch Liegen gab. Aber unsere AMADEA hatte auch weiterhin reichlich Platz für uns alle.

Eine englische Sängerin kam an Bord, Charlotte Cavelle, eine fantastische Rothaarige mit einer tollen, gut ausgebildeten Stimme. Sie war eine echte Bereicherung für die Abendshows. Leider, leider hatte sie nicht allzu viele Auftritte. Leider blieb sie auch nicht allzu lange.  Aber sie meinte, als wir uns irgendwann zufällig auf der Treppe begegneten, dass wir super toll tanzen.…

 

Freitag, am 5.10.12, lagen wir morgens vor El Hiero.

Zerklüftetes, vulkanisches Felsgestein türmt sich in-und aufeinander. Windräder drehen sich hoch oben in friedlichem Miteinander. Davor das Meer, seegrün und leuchtend meerblau. Ein Katamaran, der den Fährdienst zwischen den Inseln leistet, zog elegant mit schäumender Bugwelle an uns vorbei in den Hafen. Schön wie auf einer kitschigen Postkarte.

 

Ich war so glücklich, dass dieses Schiff ein mobilphone-Empfangs-Dingsbums hatte, so eine Art Antenne, sag ich jetzt mal einfach so als technisch-versierte Omma, jedenfalls, ich konnte während der ganzen Reise mit unseren Kindern in Kontakt bleiben. Mein Handy konnte SMS schreiben, die auch wirklich raus gingen, ich konnte SMS empfangen (während das Handy von meinem lieben Mann nicht mal auch nur irgendwo Empfang hatte!). Ich konnte von der Kabine aus übers Fernsehen, das auch ein verkleideter Computer war, E-Mails schreiben und empfangen, ach, war das schön!


Mindelo und Praia auf den Kapverden

 

In der Nacht wurden die Uhren wieder eine Stunde zurück gestellt, wir waren jetzt zwei Stunden hinter der MEZ zurück. Der Samstag war Seetag. Ich mag Seetage. Sie sind entspannend und man kann sich erholen!!!  Von all dem Stress mit den Ausflügen.

Nein, echt, ich genieße das: oben auf Deck 11 in der wunderbar warmen Sonne liegen, lesen, dösen, sich beim Essen verwöhnen lassen, anstandshalber entweder die 100 Stufen von der Kabine bis auf Deck 11 hochlaufen oder zehn Runden walken.

Oder auch nicht. Wenn es zu heiß war. Denn es war schon mächtig heiß. Wir kamen ja immer weiter südlich. Der Äquator war gar nicht soooo weit entfernt.

Wir hörten uns den Dia-Vortrag von Reiseleiter Thomas über die Ausflüge von Belem bis Manaus an. Thomas ist Kult. Er ist nur dem Namen nach ein Thomas, aber er macht keinen Hehl daraus. Es ist der reine Wahnsinn, ihm zuzuhören. Er ist einfach klasse.

 

Abends tanzten wir an Deck in der lauen Sternennacht. Leider habe ich irgendwo in den weichen Decksfugen die Absätze meiner Pumps verloren. Die konnte ich schon mal nicht mehr anziehen. Meine  elegantesten Schuhe. Dunkelgrünes Wildleder von Ebay-Prada :-)

Die anderen, überall brauchbaren schwarzen Pumps, waren irgendwie eingelaufen. Genau wie meine Ringe. Irgendwie war alles eingelaufen, was ich anziehen wollte.…

Nachts hatten wir schon wieder eine Zeitgrenze überschritten. Wir steuerten geradewegs auf die Kapverden zu. Diese Inselgruppe liegt so in etwa auf der Höhe des Senegals. Trotz ihres vulkanischen Ursprungs ist sie sehr karg und trocken. Aber trotzdem hat sie phantastische Strände und grandiose Berglandschaften. Und schon subtropisches Klima.

 

Sonntag, 7.10.12, erreichten wir gegen Mittag Mindelo auf Sao Vicente. Zu Fuß schlenderten wir mit unseren beiden Girlies Gerda und Heike durch die Stadt. Sie schien in der Mittagssonne zu schlafen, selbst die streunenden Hunde und Katzen dösten regungslos vor sich hin. Mindelo ist noch nicht auf Tourismus eingestellt. Wir Weißen wurden neugierig beguckt. Neugierig und sehr freundlich. „Hey, where you come from? – Oh, Germany? – Wiey geyt es ihnen?

Ein kleines Städtchen mit freundlichen Menschen, ein netter, kleiner Stadtstrand – aber dort Urlaub machen? Zwei Wochen? Vielleicht irgendwo anders auf der Insel.  Aber hier haben wir nicht mal gebadet, nachdem wir gesehen hatten, wie ein Einheimischer sein großes Geschäft vom Steg aus direkt runter ins Wasser machte. Und dann die tiefen, unterirdischen Abwasserkloaken, aus denen es tierisch stank und gluckerte. Nee, so idyllisch dieses Städtchen auch ist, für uns Hygiene verwöhnte Europäer nicht unbedingt der Urlaubsort. Es sei denn, man will ganz bewusst eintauchen in das Leben der Einheimischen und ihre Gewohnheiten.

Wenn man sich also darauf einstellt, sich umstellt und nicht anstellt, dann wird es bestimmt ein unvergessener Urlaub.

 

Wir waren gespannt auf Praia/ Sao Tiago. Auf den berühmten Markt.

Die MS AMADEA hatte schon früh angelegt. Also marschierten wir sogleich nach dem Frühstück los. Es sollten 32° werden, gefühlte 39°. Die Wassertemperatur betrug schon früh morgens 29°! Im Atlantik! Also: je früher, desto besser.

Mit sechs Leuten nahmen wir uns für 10,--€ zwei Taxen ins Zentrum. Unser Fahrer war begeistert. Er erzählte, dass sie hier nur 2.-- € Stundenlohn haben und etwa 300,--€ im Monat verdienen. Dabei kostet allein die Miete für eine 2-Zimmer-Wohnung schon rund 200,--€. Aber eigentlich arbeiten hier nur die wenigsten  Männer. Hier ist es normal, dass die Frauen arbeiten und die Familie unterhalten. Sie tragen enorme Lasten auf dem Kopf, laufen kilometerweit, um ihre Waren oder ihr bisschen sonst was auf dem Markt zu verkaufen. Die Babys tragen sie auf dem Rücken mit sich herum, und wenn sie auf dem Markt verkaufen, liegen die Kleinen und Allerkleinsten friedlich schlafend mitten im Krach und Gewusel.

 

Der Taxifahrer verfolgte uns anscheinend, nachdem er uns beim Markt abgesetzt hatte. Wo immer wir gingen oder eine Straße überquerten, bog er um die Ecke, hupte und winkte.

Der Markt war überwältigend mit allen Sorten Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch und vor allem duftenden Kräutern und Essenzen. Aber auch dieser tropische Krimskrams, der immer und überall gleich angeboten wird, türmte sich auf den Holztischen.

Es war klaustrophobisch eng. Dazu diese überwältigende Geräuschkulisse. Und die Düfte! Oder vielmehr- Gerüche! Von Fisch bis Zimt alles kunterbunt durcheinander. Ein exotisches El Dorado.

 

Wir stöberten durch die Stadt, aber gestern die sonntägliche Ruhe in Mindelo hatte uns besser gefallen.


Übern großen Teich nach Belem in Brasilien

Die MS AMADEA machte sich auf den Weg, den restlichen Atlantik zu überqueren.

 

Es war schon sehr heiß. Morgens um halb sieben ging die Sonne auf, ballerte zwölf Stunden nonstop und tauchte dann majestätisch in den Weiten des Meeres unter. Filmreif.

Die Schattenplätze an Deck waren meist ausgebucht. Aber ich wollte auch gar nicht in den Schatten. Die Hitze tut mir und meinen morschen Knochen einfach nur gut. Ich genieße sie. Auch, wenn ich schwitze und meine Haut im Wasser schwimmt. Das einzig Unangenehme dabei ist, dass auch die spärlichen Klamotten ständig pitschenass sind. Aber ein bisschen Verschnitt hat man ja immer.

 

Der Atlantik war so glatt wie ein sanftes Binnengewässer. Kein Schaukeln, kein Schwanken, kein Wind, nichts, was die Überfahrt gestört hätte. Ich nutzte die ruhige Zeit, um den ersten Waschtag einzulegen. Mein lieber Mann zog eine kurze Auszeit mit Magen-Darm  und Hexenschuss vor.

Allerdings wählte er (unbeabsichtigt) den falschen Termin. Denn als er mit Tee und Zwieback in der Kabine lag und seiner Gesundheit  entgegenfieberte, war ein Galaabend mit 10-Gang-Menue angesetzt.

Ich stehe nicht so auf Zwieback, also habe ich meinen lieben Mann  ausführlich bedauert, mich selber feingemacht und bin mit unseren neuen Bekannten zur Gala gegangen. Oh Mannomann, das Essen war absolut  fantastisch, jeder einzelne der zehn Gänge. Das heißt, wie der letzte süße Gang schmeckte, - keine Ahnung. Ich hatte schon gepasst. Nix ging mehr.

 

Mittwoch, am 10. Oktober, war der Himmel bedeckt und es fiel ein leichter, warmer Regen. Trotzdem legte die Sonne auch an diesem Abend einen Sonnenuntergang vom Allerfeinsten hin. Wir waren schon ziemlich dicht am Äquator, nur noch rund 6° entfernt.

Ob sie hier auf diesem Schiff die Äquatortaufe auch mit soviel Getöse und Sauerei feiern würden? Wir waren schon gespannt.

 

Freitag, 12.10. 2012, war wieder ein sehr heißer Seetag und abends Äquatorüberquerung mit einer etwas anderen, etwas langweiligen Version der Taufe. Fanden wir jedenfalls. Nicht zu vergleichen mit der verpassten Taufe damals auf der MS ASTOR. Nichtsdestotrotz haben wir mitgefeiert.  Weit ab zwar, oben auf Deck 11, aber immerhin.…

 

Samstag früh endlich Land in Sicht. Langsam zog die MS AMADEA die Küste entlang auf Belem/ Brasilien, zu. Hochhäuser über Hochhäuser. Was war das hier? Die Skyline von Manhattan? Wir waren schlichtweg überrascht. Das hatten wir nun echt nicht erwartet.

Wir tenderten in einiger Entfernung von Belem in der Bucht von Marajó. Oder war es vielleicht noch die Mündung des Rio Guamá oder die des Rio Pará, die dort zusammenfließen in der Bucht?

 

Wir wussten von unserem Kreuzfahrtdirektor, dass alljährlich genau an diesem zweiten Wochenende im Oktober das größte, hochheilige Fest in Belem und ganz Brasilien gefeiert wird. Irgendwann, heute oder morgen, würde ein Schiffskorso mit Hunderten von Booten und Schiffen stattfinden, die die Madonna übers Wasser nach Belem bringen sollten. Dann könnten natürlich unsere Tenderboote nicht mitten dazwischen pendeln. Dann wäre alles gesperrt. Wir hatten nur zwei Möglichkeiten, in die Stadt zu kommen: entweder morgens um neun oder nachmittags um vierzehn Uhr.

Wir entschieden uns zusammen mit unseren Golden Girls Gerda und Heike, gleich nach dem Frühstück rüber zu fahren. Besser morgens, bevor es zu heiß wird...

 

Nach gut zwanzig Minuten Überfahrt spuckte uns der Tender in einen brodelnden Hexenkessel. Was wir nicht wussten war, dass an diesem Wochenende zum Cirio de Nossa Senhora de Nazaré zusätzlich zu den eigenen gut zwei Millionen Einwohnern immer nochmals gut zwei Millionen Menschen in die Stadt kommen, um dieses Fest mitzufeiern. Und mittendrin WIR, Manfred und Christel aus Klein-Emmerich...

 

Noch ahnungslos schlenderten wir durch die Menschenmassen auf den unzähligen Märkten, fast erschlagen von den kunterbunten Farben, dem Höllenlärm und den verschiedensten Gerüchen. Riesige Müllberge überall, Musik, Tanz, Gestank. Unglaublich. Es gab fast nichts, was es nicht gab: sämtliche Sorten Gemüse, Obst, Handwerkliches, Fische, Fleisch, Nüsse, Amulette, alles, alles. Aber nirgendwo Fliegen. Nicht auf dem Frischfleisch, nicht auf den hässlichen Fischen, die uns mit toten Augen anklagend anstarrten. Nirgendwo auch nur eine einzige Fliege.

Wir ließen uns treiben, raus aus der Hafengegend mit ihren Märkten. Wir schlenderten in der stehenden Hitze durch die Stadt, an der Kathedrale vorbei, durch eine abartig stinkende Straße mit halsbrecherischem Belag und Nutten in einem Hauseingang und durch kleine Parks mit schwer behängten Mangobäumen.

Der Fischereihafen bohrt sich mitten in die Stadt hinein. Alte, morsche Fischerboote und ebenso alte, aber noch aktive Hängemattenboote lagen inmitten von unerträglich stinkenden Abfällen. Das Wasser zugemüllt mit allem, was verwest und weg muss. Wir sprangen im Zickzack zwischen hochbeladenen Eselskarren über rappelvolle Straßen. Hupen schrillten. Wachmänner mit Trillerpfeifen achteten darauf, dass niemand querbeet latschte oder sonstigen Unfug anstellte.

 

  Irgendwann landeten wir am Fort, direkt unten am Wasser, direkt in der allerersten Reihe, gerade zu der Zeit, als der Schiffskorso sich auf dem Strom zusammenballte. Schiffe, Boote, Bötchen, Einbäume, Kanus, dazwischen im Zickzack flitzende kleine Motorboote und Jet Skies, alle bunt durcheinander, alle wunderschön mit Bändern und Kränzen in leuchtenden Farben geschmückt. Ohrenbetäubender Lärm, Jubel, Hupen, Singen und Lachen. Der Himmel barst im Gewitter eines gigantischen Feuerwerks. Hin und her pendelten die Boote, immer direkt vor unserer Nase. Und dann entdeckten wir dasjenige, welche. Es war besonders geschmückt, ganz, ganz fantastisch, und vorne am Bug thronte die Statue der Madonna. Sie kehrte heim nach Belem.


Belem/ Brasilien

Und plötzlich war der ganze Spuk wieder vorbei. Die Stille, so kam uns der normale Lärm vor, dröhnte in unseren Ohren, und wir schüttelten den Kopf, um ihn wieder frei zu kriegen. Was wir da gerade erlebt hatten, war unglaublich. Und das nicht mal geplant von der Reiseleitung, es war schlicht und einfach Zufall, dass wir gerade an diesem Samstag hier in Belem angekommen waren. Und- dass wir gleich morgens und nicht erst mittags rüber gefahren waren.

Langsam trotteten wir zurück. Es war schon fast Zeit für den Tender. Aber die Stadt war verstopft, wir kamen nicht vor und nicht zurück. Eingekesselt in eine Menschenmasse von ich- weiß- nicht- wie- vielen- Menschen, konnten wir nur dastehen, die Luft anhalten und warten, bis die Prozession, die sich wie ein unendlicher Bandwurm durch die Stadt wälzte, an uns vorbeigezogen war. Wie ich später im Netz nachgelesen habe (sehen konnten wir es ja nicht), wird die Statue der Madonna in einer Sänfte getragen. Ein etwa vierhundert Meter langes, starkes Seil, das damit verbunden ist, vergibt demjenigen, der es greifen kann, seine Sünden. Dass es heiß umkämpft wird, ist ja wohl klar.

 

Irgendwann schafften wir es, die Anlegestelle zu erreichen. Aber da lag jetzt ein riesiger Katamaran, der den ganzen Platz einnahm. Und der wich und wankte nicht.

Unser Tenderboot dümpelte inzwischen ohne Anlegemöglichkeit direkt vor unserer Nase unentschlossen hin und her. Ein Offizier der AMADEA, der auch zurück zum Schiff musste, ging  fragen, ob und wann der Katamaran denn gedenke,...… schließlich wollten auch wir...

Es hieß, er gedenke bald.

Aber er tat es nicht. Vielleicht manana? Als die Schmerzgrenze erreicht war, kletterte einer der Tenderfahrer aufs Dach, duckte sich, hob beim langsamen Schleichen des Bootes die dicken Stahltrosse des Katamarans hoch, der Tender tuckerte darunter hinweg, klemmte sich in eine spärliche Ecke und machte fest.

Wir konnten an Bord!

Zurück zu unserem schönen, zivilisierten Schiff.

Zum leckeren Mittags-Menue im klimatisierten Speisesaal mit unseren freundlichen Kellnern.

 

Nachmittags war Siesta angesagt vor der nunmehr ruhigen Skyline von Belem.


Auf zum Amazonas

Samstagabend, am 13.10.2012, lichtete die AMADEA wieder die Anker Richtung Amazonas.

Eigentlich brauchte sie nur kurz zurück und dann mit einem Schlenker links rein ins Delta (das übrigens rund 200! km groß ist!). Aber wir hatten extremes Niedrigwasser. War nix mit kleinem Schlenker. Wir mussten in einem großen Bogen über den Atlantik, bevor wir genug Wasser unterm Kiel hatten, um in das Amazonas Delta einzubiegen.

 

Sonntag also auch noch Seetag. Wir hatten das Gefühl, wir fahren immer noch auf dem Atlantik. Keine Ufer in Sicht, rechts nichts, links nichts. Dabei tuckerten wir längst durch das Delta. Aber nur am schlammig-braunen Wasser konnten wir erkennen, dass wir wirklich schon auf dem Amazonas waren.

Das Thermometer zeigte 35°, gefühlte 46°. Die Luft wurde immer schwerer und feuchter. Leuchtend grüne Amazonen, ähnlich unseren Schwalben, nur größer und grün halt, tobten laut kreischend im Verband über unserem Schiff.

Wir standen oft an der Reling und suchten das Wasser ab. Sonst war ja nichts. Der Himmel war leer und einfach nur blau, abgesehen von der allgegenwärtigen Sonne. Ufer gab es nicht, und auch sonst nichts. Das einzige Leben außer uns selber war also im Wasser zu finden. Einmal entdeckte ich einen Wal. Allerdings war er ziemlich weit vom Schiff entfernt. Aber als er aus dem Wasser schoss und wie zum Gruß eine hohe Fontäne in die Luft blies, waren wir ganz sicher, dass es ein Wal war.

Delfine tauchten öfters mal auf, ebenso die fliegenden Fische.

 

Abends gab es gleich zwei Highlights von der Reiseleitung. Erst in der Lounge eine echt tolle Crazy-Show mit dem Bord-Ensemble und hinterher – eine Ladies Night.

Männer hatten natürlich keinen Zutritt. Sie wurden mit zwei Freibier in einer der Bars ruhig gestellt. Aber WIR – hatten Spaß ohne Ende. Fünf der Kellner, kaum zu erkennen ohne ihre übliche Uniform, tanzten lasziv mit schwingenden Hüften, nur mit schwarzer Hose, Schlips und Sonnenbrille bekleidet, zu aufreizender Musik in unsere rappelvolle Lady’s Bar hinein.

Hundert oder mehr Frauen kreischten wie auf Kommando los (ich natürlich nicht!). und ab ging die Post.

Das reicht. Keine Details.

Aber schön war’s!

 

Montag, 15.10.2012, noch immer Seetag. Aber nach und nach tauchten jetzt  ab und zu bergige Ufer auf. Oft waren es auch nur schwimmende Inseln mitten im Strom, die so aussahen wie Ufer. Und überall Nebenflüsse, die in den Moloch Amazonas münden und ihn mit ihrem Wasser und ihren überall abgetragenen Erdmassen weiter verstärken.

Leider wurden mehrere Ausflüge gecancelt, weil sie wegen des extremen Niedrigwassers einfach nicht durchzuführen waren.

Ich hatte mich so sehr auf die abendliche Fahrt im kleinen Boot auf dem Amazonas gefreut. Dann, wenn es dämmert und die Luft erfüllt ist vom Blinken tausender, riesiger Glühwürmchen. Dann, wenn die Vögel nach Hause kehren und ihre Schlafplätze aufsuchen, und die Frösche ihr Konzert anstimmen. Es war geplant gewesen, mit einem Flussboot den Rio Negro zu überqueren und dann am Lago January zur Pirschfahrt in Kanus umzusteigen. Und die Wahrscheinlichkeit, mal einen kleinen Caiman im Arm zu halten, den der Bootsführer mit der Hand gefangen hat.

Das war schade. Sehr, sehr schade.

Auch die Bootsfahrt auf dem Maicasee konnte auf der Bergfahrt nicht stattfinden. Aber- wir würden ja auf der Talfahrt auch noch an Bord sein. Vielleicht konnten wir dann.

 

Jedenfalls hatten wir Zeit ohne Ende. Trotzdem kam nie Langeweile auf, und manchmal waren wir überrascht, wie spät am Nachmittag es schon wieder war. Spätestens zum Sun Downer hockten wir auf dem Pooldeck zusammen mit unseren Golden Girls, tranken ein Erfrischungsbier, hatten Spaß ohne Ende und lachten, bis die Tränen kullerten. Wir hatten festgestellt, dass Gerda unheimlich viel Ähnlichkeit mit meiner verstorbenen Mutter hat, eins gab das andere, und wir kamen aus dem Gelache nicht mehr heraus. Als Heike, eine original Hamburger Deern, noch unbefangen die Geschichte von einer Reise-Heimkehr und dem gähnend leeren Kühlschrank erzählte, aus dem nur Frau Sorge heraus guckte, war alles aus. Die Vorstellung, dass meine Mutter, die ja Frau Sorge hieß,  in dem Kühlschrank hockt und vorwurfsvoll raus guckt, bescherte meinem Mann und mir Bauchweh vor Lachen. Dabei ist das ein ganz normaler Hamburger Schnack, sagte Heike.

Derweil verfärbte sich der Himmel in voller Breite. Die untergehende Sonne flutete die Wolken zu rosig-flauschigen Wattebällchen und sank dann majestätisch in die Fluten des Amazonas.

Wir saßen da mit den Beinen an der Reling, in der Hand ein kaltes Bier und genossen einfach die Schönheit des Augenblicks. Noch war es hell, aber die Dunkelheit fiel rasch ein. Nur - kühler wurde es nicht.

 

Unsere erste Anlaufstelle war Santarem. Bis wir da mal angedockt hatten – am VEB Kranbau Eberswalde! Es war schon fast Abend, als endlich die Trosse befestigt und die AMADEA längsseits an der Pier lag. Trotzdem wollten die meisten Passagiere tatsächlich noch an Land, in die Stadt, obwohl es sich von der Zeit her kaum noch lohnte.

Fliegende  Händler hatten in aller Eile ihre kleinen, bunten Stände aufgebaut. Aber die Shuttlebusse fuhren einen anderen Weg, nachdem sie endlich kamen.

Hunderte von Passagieren knubbelten sich an der Pier, warteten und warteten. Irgendwann kam  dann nach mehr als einer Stunde der erste Bus. Aber es dauerte und dauerte ewig, bis alle Passagiere endlich verladen waren und abgekarrt wurden. Die Händler schrien ihren Frust lautstark hinaus und schwenken die Fäuste. Aber die Busse fuhren trotzdem nicht bei ihnen vorbei.

Was hatten wir es dagegen gut! Wir hockten auf warmen Stühlen mit den Beinen hoch an der Reling, genossen den Sonnenuntergang und schlürften eine eiskalte Caipirina. Konnte es schöner sein?

Abends spät legte die AMADEA wieder ab. Nachts wurden die Uhren wieder um eine Stunde zurückgestellt. Inzwischen hatten wir sechs Stunden hinter MEZ, die Zeit von New York

 

 


Im Urwalddorf Boca da Valeria und weiter auf dem unendlichen Fluss

Dienstag, am 16.10.2012, erreichten wir morgens das winzige Urwalddorf Boca da Valeria.

Vor vielen Jahren, als das erste Kreuzfahrtschiff hier vor Anker ging, soll nur eine einzige Frau hier gelebt haben. Ihr Name Valeria steht seitdem für den Fluss, der hier in den Amazonas fließt und das Dorf selber.

Wenn das so stimmt und kein Märchen ist, kann sie aber nicht allzu lange alleine gelebt haben, denn inzwischen ist die Zahl der Cabolos (Leute vom Fluss) auf etwa 75 angestiegen.

 

Die Behausungen der Indianer stehen auf hohen Stelzen, weil der Amazonas locker auf zehn Meter ansteigen kann. Im Rücken der Urwald, vor sich das Wasser. Viel Platz bleibt ihnen nicht. Da ist jede Ablenkung herzlich willkommen. Sobald ein Kreuzfahrtschiff festmacht, malen sie sich an, schmücken sich mit bunten Federn und Perlen und präsentieren sich den Besuchern stolz in der vollen Pracht ihrer alten Traditionen. Aber- alles für one Dollar!

 

Die Kleinen kommen gleich angerannt, schieben ihre braunen Händchen in deine und schauen dich vertrauensvoll an: one Dollar! Sie präsentieren dir ihre Tiere und lächeln. One Dollar.

Es mutet uns schon etwas merkwürdig an, wenn Mütter ihre kleinen Kinder voll geschminkt und geschmückt den Fremden präsentieren und sie fotografieren lassen. Aber was tut man nicht alles für einen Dollar, wenn es sonst nichts gibt?

Aber so winzig dieses Dorf auch ist, es hat eine Kirche und eine Schule, ein öffentliches Urwald-Klo und eine Outdoor-Kneipe, wo die Fremden ihren Durst löschen können. Kaum zu glauben, aber schon saßen die ersten Leute mit einer Dose Bier in der Hand auf der Veranda. Hoffentlich war das nicht das Einzige, was sie von hier an Eindrücken mitgenommen haben.

 

Die meisten Häuser konnte man locker im Vorbeigehen besichtigen, denn sie waren ja offen. Das letzte  allerdings stand  versteckt schon fast  im Urwald.  Aber man durfte  hinein. Natürlich- für one Dollar.

 

Ich bin ja nicht neugierig, also tapste ich über die dicken Wurzeln, durch dorniges Gestrüpp und kletterte die Stufen hoch zur Türe, vielmehr zu der Öffnung. Vorsichtshalber rief ich laut, bevor ich mich in die Hütte traute.

Am gegenüberliegenden Ende hockte auf  den Stufen ein Indianer und kaute auf irgendwas herum. Ich fragte höflich, ob ich mich umgucken und fotografieren dürfte und  reichte ihm den Dollar. Er nickte gleichgültig.

Trotzdem war mir nicht ganz wohl bei der Sache. Der einzige große Raum mit den beiden Öffnungen vorne und hinten, schien sowohl Küche als auch Schlafraum zu sein. In einer Ecke blubberte ein Topf auf einem kleinen Herd vor sich hin, jedes winzige Fleckchen war belegt mit Klamotten, Ausrüstungsgegenständen, Geschirr und allem, was man dort so braucht. Nahm ich jedenfalls an, denn es war recht dunkel in der Hütte, die ja auch inmitten von riesigen Urwaldbäumen stand. Irgendwo dazwischen entdeckte ich noch die aufgerollten Hängematten für nachts. In aller Eile schoss ich ein paar Fotos, ohne groß auf die Einstellung zu achten.

 

In einem winzigen Nebenraum saß die Hausherrin und löffelte Suppe. Sie grinste mich freundlich an, und ich fragte mit Gesten, ob ich sie fotografieren dürfe. Ich durfte.

Kleine Papageien oder große Wellensittiche, die normalen Haustiere hier, krabbelten über den Boden und die Wand. Ich krabbelte auch.

Schnell wieder über die halsbrecherisch-steile Treppe nach draußen.

Schon sehr urig hier in diesem Indianerdorf.

Zurück auf dem Schiff entdeckten wir, dass wir anscheinend beobachtet wurden. Nicht von Feinden, nein. Von Delfinen. Pinkfarbene Amazonas-Flussdelfine sprangen neugierig ums Schiff herum. Aber sie meinten wohl doch nicht uns.  Unser Lektor wusste auch die Erklärung: Unser Schiff und auch die Tenderboote hatten das Wasser aufgewirbelt und damit die fliegenden Fische aufgescheucht. Beute! Reiche, leicht zu fangende Beute für die Delfine. Wir hatten für einen gedeckten Tisch gesorgt.

 

Der Amazonas führte extremes Niedrigwasser. Aber nicht nur das erschwerte die Fahrt auf dem Fluss. Auch die wandernden Sandbänke, bei denen man nie wusste, wo sie wann gerade trieben, waren für die Schifffahrt eine permanente Gefahr.

Für uns bedeutete das, nach Möglichkeit immer schön mittig bleiben. Wir fühlten uns nicht viel anders als zuvor die ganzen Tage auf der Weite des Atlantiks. Nur halt, dass der Amazonas im Gegensatz zum Ozean schlammbraun ist.

Selten sahen wir mal Land, Ufer, bewohntes Indioland mit ein paar Hütten auf Stelzen. Oder all die Flüsse, die von überall her den riesigen Strom speisen und verbreitern, jetzt aber kaum als Wasserläufe zu erkennen waren.

In der Regenzeit muss die Wasserfläche geradezu überwältigend sein. Selbst jetzt bei dem extremen Niedrigwasser sah man nur Wasser, unendlich, ohne Anfang oder Ende. Nur Wasser, Wasser, Wasser.

Geplante Ausflüge in die Seitenarme mussten abgesagt werden, weil sich halt keine Ausflugsboote mehr in die Gewässer rechts und links trauen konnten, die fast nur noch aus wandernden Sandbänken bestanden mit einem bisschen Wasser darüber. Sehr schade, denn gerade von diesen Ausflügen mit kleinen Booten, vor allem am Abend in der Dämmerung, hatten wir uns so viel erhofft : kleine Dörfer, riesige Glühwürmchen, vielfältiges Froschkonzert, bunte, exotische Vögel, die ihre Schlafplätze aufsuchen, vielleicht mal einen kleinen Caiman halten.…

 

Es war ein merkwürdiges Gefühl, hoch oben an der Reling eines hochtechnisierten Luxusliners zu stehen und zu schauen. Irgendwo hinter diesem Wasser liegt der riesige Urwald. Manchmal konnten wir das grüne Dickicht sehen. Kaum vorstellbar, dass dort tief drinnen noch Menschen leben wie vor tausend Jahren. Fernab jeglicher Zivilisation. Unberührt von der Weiterentwicklung der Menschheit und ihren technischen Errungenschaften. Indios, die heute noch mit Pfeil und Bogen jagen. Jagen gehen müssen, um leben zu können. Die noch nie von Aldi und Co gehört haben, die weder Kühlschrank noch T-Shirt kennen. Deren Medizinmann noch selber aus bestimmten Blättern und Rinden das tödliche Curare braut, mit dem die Speerspitzen für die Jagd getränkt werden. Menschen, die seit Anbeginn in diesem Urwald leben. Menschen, die nur diesen Wald mit seinen Tieren und Pflanzen und den riesigen Fluss kennen.

Unvorstellbar.

 

Und hier auf diesem Schiff, wie auf all den vielen anderen Kreuzfahrtschiffen, werden täglich, wochenlang, sechshundert und mehr Passagiere verwöhnt und bedient. Wer will, kann sechsmal täglich die feinsten Dinge essen und trinken. Ohne, dass man auch nur einen Finger dafür rühren muss.

Wir konnten die modernste Technik nutzen. Wir sind modern. Lichtjahre entfernt von dem ursprünglichen Leben dort.

So nah und doch so unendlich fern...

 

Die Indios, die nahe am Fluss in kleinsten Dörfchen wohnen,  haben die Zivilisation schon ansatzweise kennen gelernt , aber sie nutzt ihnen nichts. Viele von ihnen sind arm, sehr arm und leben von einem Tag auf den nächsten. Von der Hand in den Mund. Sie wissen oft nicht, wie sie ihre Kinder groß kriegen sollen. Für diese Menschen ist eine Bootsfahrt in die nächste Stadt fast unbezahlbar.

Aber manchmal muss es sein, dass sie ihr Dorf verlassen.  Vielleicht, um Arbeit zu suchen und nicht zu verhungern. Oder weil sie in die Klinik müssen,  aus welch wichtigem Grund auch immer.  Dann nehmen sie ihre Kinder und ihre Hängematte, ihr Bett also, mit an Bord der Amazonas-Fähren, die nicht nur Transport, sondern gleichzeitig auch Versorgungsschiffe sind.

Straßen gibt es nicht. Keine Möglichkeit, keine Anbindung. Es gibt nur den Urwald und den Fluss.

Den Amazonas.

 

Das alles kriegten wir aber nicht zu sehen, höchstens mal ein paar Stelzenhütten dort, wo man Ufer vermutete. Aber durch die vielen, teils sehr großen Inseln im Fluss konnte man nie sicher sein, wo der Fluss aufhört oder halt nur unterbrochen wird. Leider haben wir keine Fotos von oben, auf denen man die unendlichen Wasser anschaulich im Überblick sieht.

 

Wenn man nicht weiß, was sich alles verbirgt auf und neben dem Fluss, ist es eher langweilig, darauf herumzuschippern. Denn, wie gesagt, man sieht kaum etwas.

Gut, dass es die faszinierenden Reportagen im Fernsehen gibt, sonst hätten wir, obwohl wir selber dort waren,  keine Ahnung vom Leben am Fluss und im Regenwald.


Parintins am Amazonas

 

Am 17. Oktober 2012 tenderten wir vor Parintins und ließen uns an Land bringen.

Diese Stadt unterscheidet sich eigentlich kaum von den anderen brasilianischen Städten am Amazonas: Laut, bunt, lärmend, voll, kaputt, Abwässerrinnen neben dem Bürgersteig. Und freundliche, lachende Menschen.

 

Parintins ist die Hauptstadt der Folklore in Brasilien. Hier tanzen je über hundert Tänzer der zwei miteinander konkurrierenden Boi-Bumba-Theater in phantastischen Kostümen um die Gunst der Zuschauer. Die Blauen gegen die Roten. Im Juni zum Kulturwettbewerb kommen sie sogar aus ganz Brasilien hierhin.

Die Gäste werden mit so reichlich Caipirinha in Stimmung gebracht, dass sie die Vorstellung im Leben nicht mehr vergessen. Auch nicht, wie sie wieder nach Hause beziehungsweise aufs Schiff gekommen sind.…

 

Wir hatten uns fürs Dreiradfahren durch die Stadt entschieden.

Etliche Dreiräder, mit Bändern und Blumen bunt geschmückt, warteten auf ihre Fahrgäste.

Wir enterten eins der Gefährte. Aber die Sitzbank war fast mittig. Sie schien für richtig dicke, nach hinten ausladende Hinterteile gemacht zu sein. Nee, also echt, so konnten wir nicht sitzen. Wir haben auch so schon genug Rücken.

Unser Fahrer kam rum und winkte: ich mach schon.

Mein lieber Mann räumte seinen Sitz, - und schon kippte unsere Rikscha. Ich auch. Das Fahrrad hinten kippte ebenfalls. Ein anderer Fahrer packte geistesgegenwärtig zu und verhinderte den Worst Case. Nachdem unser Fahrer die Sitzbank nach hinten verrückt hatte und wir wieder einsteigen konnten - war Travel-Chaos wieder bei uns …? - rasselten wir beim Einsteigen voll mit den Köpfen aneinander. Es dauerte also, bis unsere Rikscha fahrbereit war und sich in die Schlange der anderen Gefährte mit einreihen konnte.

 

Die Dreiräder sausten durch die Stadt, mitten durch den Verkehr, nebeneinander, hintereinander, kunterbunt durcheinander, die Autos mussten weichen. Die meisten taten es auch, aber längst nicht alle. Und wir Touris saßen vorne wie Galionsfiguren.  Aber wir lachten nur, wenn wir nicht gerade nach Luft schnappten, denn zum Ängstigen war es eh zu spät.

Tiefe, diagonale Querrinnen für die Abwässer durchteilen die Straßen. Aber die Fahrer kennen das ja, sie nahmen die Hürden elegant mit Schräglenkung. Schwupps, machte es, und wir flogen darüber hinweg.

Das meiste von der Stadt kriegten wir im Fahrtwind zu sehen. Aber wir hielten auch am Freiheitsplatz mit seinen eingemeißelten Bildern rund um die Zeit und konnten die größte Kirche Nordbrasiliens besichtigen, die Nossa Senhora de Carmo mit ihren wunderschönen Bodenfliesen. Verblüfft lauschten wir den Vögeln, die laut und sehr deutlich durch das Kirchenschiff zwitscherten. Waren sie draußen? Hier drinnen? Möglich wäre es ja, denn alles war offen. Schließlich entdeckten wir sie hoch oben im Dach, wo sie sich anscheinend nestlich niedergelassen hatten.

 

Kurz darauf spuckten uns die dreirädrigen Taxen an der Anlegestelle wieder aus. Unser Fahrer, dünn, aber mit dicken Waden wie auch seine Kollegen, strahlte übers ganze Gesicht, als wir ihm das echt erstrampelte Trinkgeld in die Hand drückten.

 

Ein paar Stände waren in aller Eile aufgebaut worden. Handarbeiten, typisch einheimische Kleinigkeiten wie Ohrringe, Ketten, Taschen und Ähnliches wurden angeboten. Ich hatte noch etwas Geld übrig und kaufte mir für 10 $ eine hübsche Handtasche (die im Nachhinein sogar das Wohlgefallen meines Finanzministers fand!).

 

Noch während wir auf den Tender warteten, und auch noch, als er längst angelegt hatte, standen wir fasziniert am Geländer und beobachteten mit all den anderen Passagieren die Delphine. Hier waren es nicht die pinkfarbenen, sondern die schlichtgrauen Brüder und Schwestern. Einzeln, zu zweit, viert oder sechst sprangen sie hoch, tauchten gemeinsam wieder ins Wasser, spielten und boten uns eine perfekte Show.

Für mich und meine Kamera waren sie zu gut. Zu schnell. Sie hatten Platz, ich nicht. Ich hatte ja nur den kleinen Sucherausschnitt unserer Kamera. Immer, wenn ein kollektives DAAAAAAAAA durch die Menge ging, rotierte ich mit der Canon, sah nichts, riss sie mir vom Gesicht, suchte mit bloßem Auge durch die Gleitsichtbrille. Ich hielt den Auslöser fast durchgedrückt, aber das Einzige, was ich von ihnen erwischen konnte, war eine Schwanzflosse kurz vorm Eintauchen. Pech.


Manaus und die Wasserfälle

Am Donnerstag, 18. 10.2012, erreichten wir bei gnadenloser Hitze Manaus am Ufer des Rio Negro, nur wenige Kilometer vor dem Zusammenfluss mit dem Amazonas.

Die AMADEA  dockte im Containerhafen an, direkt vor den Toren der Stadt, die unter einer dicken, grauen Dunstglocke lag. Emsiges Treiben um uns herum. Bananen wurden von Hand verladen und von dem Frachtschiff auf LKW geschmissen. Stundenlang.

  Eine Art dreigeteilte Rampe führte vom Kai hoch durch die Container-Straßen hindurch zum Terminal und von da aus zur Stadt. Jedes Mal, wenn ein Bus darüber rumpelte, knallten die Metallplatten der Rampe mit Getöse gegeneinander. Und die Busse fuhren ständig darüber: Ausflugsbusse, Taxen und Shuttlebusse. Denn es war nicht erlaubt, zu Fuß dort herum zu laufen.

 

Abends prasselte urplötzlich ein gewaltiger Regenschauer aus dem Dunst, und es gewitterte leicht. Verwundert sahen wir uns an: REGEN? Wir wussten schon gar nicht mehr, was das war.…

Es war der letzte Abend zusammen mit unseren Golden Girls. Sie gingen in Manaus von Bord und flogen heim. Wie es sich gehört, haben wir selbstverständlich einen gebührenden Abschied gefeiert.

 

Am nächsten Morgen fuhren wir beide also allein und etwas betrübt mit dem Shuttlebus bis zur Stadt. Kaum heraus aus dem Terminal, tauchten wir unvermittelt ein in den bunten Lärm und die typischen Gerüche der Stadt. Straßenmarkt, Stände an Stände, dunkelhäutige Menschen, das kunterbunte Angebot, fast überall das Gleiche. Ob wirklich irgendjemand hier diesen Ramsch kauft? Und doch, es wimmelte von Menschen hier. Einheimischen.

Wir schlenderten hierhin und dorthin, immer mit eingezogenen Schultern und Armen, denn es war so eng und voll wie auf der Emmericher Kirmes bei gutem Wetter.

Einen Mann beobachteten wir, wie er sich eine kleine Flasche Wasser hinten in seine Hose kippte. Also schwitzen die Einheimischen genauso wie wir bleichen Europäer!

 

Manaus war früher die Metropole der Kautschuk-Barone, allen voran der Deutsche Waldemar Scholz. Geld war kein Thema, sie wussten nicht, wohin damit. Sie bauten sich Paläste und ließen ein original-englisches Zollhaus in sämtliche Einzelheiten zerlegt über den Ozean und den Amazonas schaffen und hier in Manaus wieder aufbauen. Ebenso die Markthallen, die an die französischen Les Halles  erinnerten.

Oder das Opernhaus. Wer hätte noch nicht von dem legendären Opernhaus mitten in einer Urwaldmetropole gehört?

Doch der Reichtum verging, die Paläste verfielen, und an der Oper muss ständig gebaut werden, um sie zu erhalten. Denn das Klima frisst unbarmherzig an seiner Substanz.

 

Seit allerdings Manaus zur Freihandelszone erklärt wurde, geht es stetig wieder bergauf. Die Stadt boomt und platzt aus allen Nähten. Zwei Millionen Menschen wohnen im Stadtgebiet, weitere zweihunderttausend in den Randgebieten. Alt und Neu, moderne Hochhäuser neben Ruinen, stinkende Slums Seite an Seite mit Kultur und großartigen Neubauten wie dem Fußballstadion für die nächste WM, die Brasilien ausrichtet.

Manaus, die Urwald-Metropole am Rio Negro.

 

Am nächsten Tag hatten wir einen Ausflug zu den Wasserfällen weit hinter Manaus im Urwald gebucht. Der Bus karrte uns über die einzige Straße, die es gibt. Sie führt aus Manaus heraus nach Norden bis nach Venezuela. Diese eine Straße, oder Flieger oder Amazonas. Mehr gibt es nicht. Das sind die einzigen Möglichkeiten, nach Manaus zu kommen, oder, wenn man schon mal da ist, wieder herauszukommen.

 

Unser Bus war ein Luxusbus mit Plastik-Schonbezügen auf den Sitzen und Klimaanlage. Innerhalb kürzester Zeit glitschten unsere Hosen  über die  Plastikseen, die sich augenblicklich beim Hinsetzen gebildet  hatten. Aber von oben hatten wir es schön kalt. Die Klimaanlage blies uns so etwa 4° minus um die Ohren. Wir hüllten uns in alles, was verfügbar war.

 

Gut zweihundert Kilometer hinter Manaus kommt man auf dieser Straße durch ein Indianerreservat. Diese Indios sind irgendwann hierhin ausgesiedelt worden, weil die Stadt sich ausbreitete und Platz brauchte. Es heißt, sie sind großzügig dafür entschädigt worden. Aber trotzdem. Sie mussten weg. Sie mussten weichen für Menschen, die nicht schon seit Anbeginn der Zeit wie sie selber hier gelebt hatten. Ihre Jagdgebiete wurden gerodet, ihre alte Heimat von Baggern platt gemacht, heilige Bäume brutal gemordet.

Jeder, der heute den Straßenabschnitt ihres neuen Landes passiert, muss dafür bezahlen.

Sie kassieren Maut und erlauben nur, dass die Straße innerhalb einer von ihnen bestimmten Tageszeit befahren werden darf. Wenn ich mich recht entsinne, ist es zwischen acht und achtzehn Uhr. Wer sich nicht daran hält oder gar die Straße verlässt, muss damit rechnen, dass er nicht mehr heil und gesund nach Hause kommt.

So hat uns der einheimische Guide erzählt.

 

Aber zum Glück wollten wir ja nicht so weit. Nur gut hundert Kilometer hinter die Stadtgrenze.

Eine Stunde verging, zwei Stunden- und wir waren immer noch nicht am Ziel. Wir hielten in einem riesigen Naturschutzgebiet mit einem Doppelwasserfall. Wanderwege führen durch grandiose Natur über Holzstege und Naturpfade. Und alles mitten im Urwald. Aber Tiere haben wir  leider nicht entdecken können. Keinen Affen, keine Schlange, nicht mal einen Vogel, der uns begrüßte oder beschimpfte.

 

Irgendwo im Niemandsland war in einem kleinen Städtchen  der Mittagstisch für uns gedeckt in einem an allen Seiten offenen Lokal. Sehr einfach und urig. Wir saßen mit Einheimischen an langen Holztischen auf wackligen Stühlen. Sie hatten ein Buffet aufgebaut, das uns ebenfalls sehr fremd anmutete. Aber - der Fisch war absolut göttlich!!!

 

Nach einer weiteren halben Stunde im Bus erreichten wir endlich unser Ziel: die Urubui Stromschnellen. Der Bus spuckte uns aus, und wir mussten laufen. Über Stock und Stein, immer schön mit Blick auf den Boden. Ein Hans-Guck-In-Die-Luft kommt hier nicht mit heilen Knochen heraus. Es ist schließlich richtiger Dschungel, das darf man nicht vergessen.

 

Unser Guide zeigte uns ein riesiges Ameisennest, das an einem Baumstamm klebte. Auch so was kriegt man hier in unseren Wäldern nicht zu sehen. Schließlich ging der Weg über in Holzstege, die sich vor den Felsen zu einem Nadelöhr verengten. Die Öffnung im Fels war so schmal, dass ich meine Tasche vor den Bauch nehmen musste, sonst hätte ich nicht mehr durch gepasst. Und gleichzeitig ging es auch noch wahnsinnig steil abwärts über grob behauene, unregelmäßige Stufen. Ich glaube, ich habe die Luft angehalten, bis ich unten wieder in Sicherheit war. Puhhh…

 

Riesige, vorsintflutliche Felshöhlen zeugten von endloser Zeit. Wie alt mochten sie sein? Fledermäuse hingen schlafend unter den Decken, Liebespaare hatten ihre Initialen in das rötliche Gestein geritzt. Ich fand die Höhlen einfach nur grauslich, bedrohlich irgendwie. Sie verursachten mir Gänsehaut im Nacken.

 

Durch das Laub der Bäume konnten wir unten schon den Wasserfall sehen, ebenso das seichte, ablaufende Wasser, das sich braun-schäumend über Felsplatten zu einem See vereinte. Wir waren nicht die Einzigen, die hier baden wollten. Etliche andere, Einheimische, plantschten bereits im Wasser.

 

Das schäumende Wasser lockte mit seinem Getose, es hörte sich kühl und erfrischend an. Und das war genau, was wir nach den Stunden im Bus brauchten. Etwas Klares, Sauberes.

Rasch hatten wir unsere versifften Kleider über Büsche und Felsen gehängt und strebten dem Wasserfall entgegen. Der Weg dahin durchs Wasser war schon sehr, sehr gefährlich. Überall unterschiedliche Felsplatten, Brocken, von denen man leicht abglitschte. Ständig stolperte ich von einem Stein über den nächsten, jedes Abrutschen stauchte mir den Rücken zusammen. Ich hielt durch, bis ich ins tiefere Wasser kam und vielleicht hätte schwimmen können. Aber auch hier stieß ich mich ständig an den Felsen. Und wann immer ich mich eben hinstellen und jaulen wollte, hatte ich keinen Grund mehr. Und das mir, der Antiwasserratte!

Eben noch mit den Beinen über die Steine geschrabbt, dann fast abgesoffen. Tiefe Spalten wie Höhlen klafften unsichtbar im Wasser.

 


An den Urubui-Stromschnellen und - zurück auf dem Amazonas

Mein lieber Mann hatte es irgendwie geschafft, locker wie ein Fisch einfach so über all diese heimtückischen Fallen hinweg zu schwimmen. Er hatte den Wasserfall bereits erreicht und riss triumphierend die Arme hoch.

Bähhh! Angeber!!!

 

Mir war mein Leben lieb, und ich zog die Reißleine. Weg hier, nix wie raus aus diesem Gewässer! Sollte mein Mann sich ruhig überströmen lassen von dem Wasserfall und es genießen. Ich würde ihn auch gerne dabei  fotografieren. Von weitem. Wir hatten ja eine Kamera mit einem guten Zoom.

Aber ich selber? Nein danke.

 

Ich hockte mich in sicherer Entfernung auf einen Felsblock und sah dem Treiben zu. Da saß doch wirklich ein junges Paar samt seinem Baby jenseits des bösartigen Gewässers am Rande der strömenden Wassermassen. Wie waren die nur mit dem Baby dahin gekommen? Ich konnte es nicht fassen.

 

Unser brasilianischer Guide kniete mit einem anderen Einheimischen am Rand des tieferen Wassers, schaute, mit der Nase fast im Wasser, gestikulierte, diskutierte und nickte schließlich immer wieder zustimmend mit dem Kopf.

Ich bin ja nicht neugierig.

Also hockte ich mich dazu. „Was gibt’s? Irgendwas Besonderes?“

„Si“

Es gab hier offenbar diese ganz besonderen Fische, die sonst eigentlich nur im Amazonas zu finden sind und erst lebendig werden, wenn ein Mann reinpinkelt. Unser Guide war sich sicher, sie entdeckt zu haben. Wie er uns ernsthaft zeigte, gibt es diese urinhochspringenden Ungeheuer in allen möglichen Größen.

Ich packte meinen Mann, der mittlerweile auch neugierig dazu gekommen war: „ Du hast doch wohl nicht???“

Gefahr gebannt.

 

Nach zweieinhalb Stunden Rückfahrt erreichten wir unser Schiff zusammen mit all den Bleichgesichtern, die gerade vom Flughafen neu angekommen waren.

NEUE! Was mochten das für welche sein? Wer mochte zu uns an unseren Tisch kommen? Wir hatten fest vor, ihn zu verteidigen gegen alle, die nicht zu uns passten.

 

Abends gab es auf dem Sonnendeck um 21 Uhr zur Entschädigung für die „Alten“, die schon ewig und noch immer an Bord waren, Caipirinhas. Wollten sie uns einlullen? Waren mehr Neue gekommen als Alte gegangen? Wurde es eng? Was stand uns bevor?

 

Samstagabend, am 20. Oktober 2012, lief die MS AMADEA wieder aus.

Wir hatten den Tag mit Gammeln im Schatten verbracht. Die allgegenwärtige brasilianische Sauna lief wie immer auf Hochtouren.

Adeus, Manaus! Wir machten uns wieder auf den Rückweg.


Alter do Chao, der Strand nahe Santarem

Bei den Mahlzeiten fühlten wir uns ohne unsere Girls fast wie verlassene Waisenkinder. Wehe, wenn da irgendwelche unkompatiblen Neuen versuchen würden, sie zu ersetzen.

Ein lauter Angeber mit seiner verhuschten Frau wurde gnadenlos von uns ignoriert. Die nicht.

Die nächste, eine sehr schüchterne Schweizerin, wie sie sich selber einstufte, quatschte uns mit ihrem Endlosmonolog sofort Risse ins Nervenkostüm. Die auch nicht. Die schon gar nicht. Wie sich sehr schnell herausstellte, eine gute Entscheidung. Auch, wenn sie es immer wieder versuchte. NO. NICHT BEI UNS!

Doch dann kamen sie. Zwei Ehepaare. Und wir waren wieder komplett! Wir verstanden uns auf Anhieb, hatten denselben Humor. Das passte! Wir hatten Spaß ohne Ende und vergaßen vor lauter Lachen oft das Essen.

 

Unser Halt am nächsten Tag mittags in Parintins reizte uns nicht. War ja auch eher für die Neuen gedacht, die es noch nicht kannten. Wir blieben an Bord und machten es uns auf dem Pooldeck gemütlich.

Abends sahen wir zum ersten Mal unsere schüchterne Schweizerin in Aktion. Sobald sie Musik hörte, fing sie an zu zucken, zu tänzeln, und nach spätestens dreißig Sekunden schoss sie los wie ein aufgedrehter Irrwisch auf Schlittschuhen. Mit weit ausholenden Schritten und wehenden Armen. Immer. Drei Wochen lang. Zum Spaß der anderen Passagiere. Spätestens nach zwei Tagen war sie als Hupfdohle auf dem ganzen Pott bekannt wie ein bunter Hund.

Und sie wollte immer noch zu uns an den Tisch. Sie versuchte es immer wieder. Obwohl sie gesehen haben musste, dass wir zu sechst waren, blockierte sie oft einen Platz an unserem Sechsertisch. Sie bestand auf ihrem Recht auf freie Tischwahl. Die schüchterne Frau.

 

Nachts mussten wir unsere Uhren wieder vorstellen. Inzwischen lagen wir fünf Stunden hinter unserer normalen MEZ zurück.

 

Montagmorgens, am 22.10.2012, ankerten wir vor Alter Do Chao am Rio Tapajos, einem der größten Nebenflüsse des Amazonas. Ein wunderbarer Naturstrand lud mit weißem Sand und knallwarmem Wasser zum Baden ein. Aber nicht nur das! Es gab ein Picknick! Schon abends vorher hatten die Männer von der Crew emsig Tische und Bänke durchs Schiff geschleppt, die morgens mit dem ersten Tender samt Grill, Geschirr, Getränken und Grillgut an Land gekarrt wurden. Und als wir rüber kamen, brutzelten bereits Würstchen, Koteletts, Mais und andere Leckereien auf dem großen Gasgrill.

 

Wir suchten uns ein schattiges Plätzchen unter den hohen Bäumen, die im Rücken der Bucht wuchsen. Oberhalb schien der Ort zu sein. Wir blieben aber unten und ließen uns in der hellgrünen Badewanne namens Rio Tapajos treiben. Keine Abkühlung, aber schön, schön, schön. Meine morschen Knochen, die kein kaltes Wasser vertragen, stöhnten vor lauter Glückseligkeit.

Und dann die Muscheln! Riesig groß und bizarr geformt! Wie gerne hätte ich sie mitgenommen! Aber- verboten! Alles, was mal gelebt hat, darf nicht ausgeführt werden. Und so ehrlich und harmlos, wie wir aussehen, hätten sie uns bei der Ausreisekontrolle mit absoluter Sicherheit aus der Reihe gefischt: Öffnen Sie doch mal ihre Koffer.

Ich kenne uns ja. Und unser Travel-Chaos auch.

 

Dieser Strand von Alter Do Chao ist das Wochenendparadies der Einwohner von Santarém. Nur rund dreißig Kilometer von der Stadt entfernt bietet es Erholung und Entspannung. Die Karibik im Amazonas- Gebiet.


Auf dem Maicasee

Diesmal, wo wir von der anderen Seite her kamen, ging das Anlegen in Santarem weniger umständlich als vor ein paar Tagen.

Wir freuten uns auf den Nachmittag. Auf die Fahrt auf dem Maicasee. Anscheinend gab es jetzt etwas mehr Wasser als vor ein paar Tagen, sodass der Ausflug diesmal stattfinden konnte. Wir stiegen um auf eines dieser typischen Amazonasboote. Allerdings ohne Hängematten. Wir wollten ja nicht übernachten.

 

Wir waren gespannt. Wir hatten soviel gehört über die verschiedenen Flüsse mit ihren unterschiedlichen Farben, die sich nicht miteinander vermischen. Jetzt würden wir sie selber endlich sehen. Wir steuerten auf die Stelle zu, wo sich der Weißwasserfluss Amazonas (auch, wenn er schlammig braun ist) mit dem Klarwasserfluss Rio Tapajós trifft. Wegen der unterschiedlichen Sedimente und Temperaturen vertragen sie sich nicht und fließen viele Kilometer verschiedenfarbig nebeneinander her, ohne sich zu vermischen.

 

Durch einen Seitenarm des Amazonas gelangten wir zum Maicasee. Fischer in kleinen Kanus angelten dicke Fische, zeigten uns stolz ihre Beute. Die Ufer waren abgerissen von dem Wasser, das zurzeit nicht vorhanden war. Ab und an kleine, offene Hütten auf Stelzen, Hühner, magere Kühe und einmal sogar Pferde. Kleine Kinder, die am Ufer spielten, flatternde Wäsche.

An der Einmündung in den See tummeln sich jede Menge Amazonas-Delphine, hieß es. Aber die waren offensichtlich nicht neugierig auf uns.

 

Die Delphine sind aber nicht die Einzigen, die hier in diesen Gewässern zuhause sind. Wie der Guide uns erzählte, wimmelt es hier auch von Piranhas und bis zu zehn Meter langen Anakondas. Unwillkürlich schnappten wir nach Luft und zogen das neugierige Gesicht hastig wieder ins Boot zurück.

Die Piranhas, so erzählte er weiter, sind gar nicht so schlimm. Eigentlich leben sie ganz friedlich so vor sich hin. Bis irgendwer Krach macht oder blutet. Und die kleinen Kinder, die hier am Rande oft baden, sind laut. Kinder eben. Kinder können nicht leise. Dann kann es  gefährlich werden.

Und was die Schlangen betrifft...…

Es braucht nicht viel Fantasie, um in dem Moment eine dicke Gänsehaut zu kriegen.

Wir schipperten gerade sorglos in einem ollen, wackligen Amazonas-Boot über zehn Meter lange, dicke, gefräßige Schlangen und nervöse Piranhas hinweg. Bei extremem Niedrigwasser!

Aber die Menschen, die hier an und mit und auf diesem See leben, haben offensichtlich keine große Angst vor ihnen. Respekt ja, mit Sicherheit sogar, aber Angst wohl nicht. Sie leben seit Urzeiten miteinander.

 

Am nächsten Morgen ging es weiter nach Almerim. Alle ursprünglichen Pläne waren platt, alles hing vom Wasserstand ab. Die Reiseleitung improvisierte von Tag zu Tag neu.

 

Nachmittags wollten wir nach Gurupa, aber selbst der Tender konnte nicht anlegen. Also weiter.

Donnerstagvormittag, am 25.10.2012, wollten wir in Macapá / Santana anlegen. Aber hier dasselbe. Der Hafenmeister verweigerte uns die Einfahrt. Es sei denn, wir würden mit der Tide reinkommen und bis zum Freitag bleiben, weil erst dann am Vormittag wieder Hochwasser sein würde. Das würde aber die Pläne mit der Teufelsinsel auf Französisch Guayana über den Haufen werfen. Das Hickhack ging über Stunden zwischen Hafenmeister und Kapitän. Irgendwann hörten wir, dass sich draußen ein Minister und das Fernsehen eingeschaltet hätten. Hat aber alles nichts genützt. Der Hafenmeister, ein neuer übrigens, hätte sein Gesicht verloren, wenn er jetzt nachgegeben hätte. Er blieb stur bei seinem  nao.

Keiner durfte von Bord. Zum Trost gab es eine Stunde lang Freibier und dann hieß es wieder:

Leinen los!


Teufelsinsel / französisch Guayana - Papillon und auf dem Orinoko/Venezuela

Bevor wir uns endgültig vom Amazonas verabschiedeten, hatte ich mir noch schnell ein Souvenir eingefangen: eine dicke Erkältung mit Fieber und allem, was zu einem anständigen Infekt dazugehört. Notgedrungen verkroch ich mich in mein Bett und zog mir zähneklappernd die Decke über die Ohren.

 

Freitags, am 26.10.2012, steuerte die MS Amadea aus dem rund 200 Kilometer breiten Amazonas-Delta auf die Teufelsinsel/ Französisch-Guayana, zu. Oh, Mann, wie hatte ich mich gerade darauf gefreut! Die berühmt-berüchtigte Teufelsinsel, die vor allem durch den Roman Papillon von Henri Charrière und den gleichnamigen Film bekannt geworden ist. Angeblich war die Insel ein absolut sicheres Gefängnis, aus dem niemand fliehen konnte. Rundum eine gefährliche Strömung und die See voll von gefräßigen Haien.…

 

Aber ich lag platt. Mein lieber Mann brachte mir das Essen auf die Kabine, denn leider gehörte Appetitlosigkeit nicht zu den Symptomen, die mich quälten.

Unser Kabinensteward Ronel zeigte sich sehr besorgt: Madame immer noch krank? Nicht saubermachen? Nur Bad?

Dann klopfte es und Rodel erschien, unser lieber Kellner. Er hatte mitgekriegt, dass mein Mann mir ein Tablett fertigmachen wollte und ließ es sich nicht nehmen, es mir selber auf die Kabine zu bringen.

 

Samstag früh um sieben Uhr gingen wir vor Anker. Irgendwo hatte ich gelesen, dass in Französisch-Guayana mit Malariamücken zu rechnen sei. Daher öffnete ich kurz die Augen, als mein Mann sich bereit machte und bestand darauf, dass er trotz der Hitze lange Hosen und langärmeliges Hemd anzog und sich komplett einsprühte. Wahrscheinlich würde er im glühenden Tender damit zerfließen, aber das war jetzt nicht wichtig. Man muss Prioritäten setzen.

Irgendwann erschien Rodel wieder mit einer Zusatzkanne voller Tee. Und irgendwann kam auch mein Mann von der Insel zurück.

Ich sah ihn an und brach in Tränen aus.

Lachtränen. Ich lachte, dass mir der dröhnende Schädel fast wegplatzte. Seine helle Hose bestand nur noch aus großen, pitschenassen Flecken. Er sah aus wie ein gefleckter Gepard auf zwei Beinen. Dazu das triefende Hemd, der ganze Mann  zum Auswringen. Fast rechnete ich damit, dass er beim Laufen Pfützen hinterließ. Vor lauter Lachen und Neugier vergaß ich, wieder einzuschlafen.

Das war der Wendepunkt. Es stimmt, was man sagt: Lachen ist gesund. Nachdem mir Rodel mittags auch noch eine doppelte Portion Eis mit auf die Kabine gegeben hatte, beschloss ich nachmittags, wieder gesund zu sein. Ich duschte und erschien als neuer Mensch. Na, ja. Als fast neuer.

 

Mittags ging es weiter Richtung Curiopa/ Venezuela. Mein Mann erzählte von der Papillon-Insel, den verfallenen Gebäuden, in denen damals die Gefangenen gehalten wurden. Von den Schönheiten der Vegetation. Dass es dort im Meer doch keine Haie gibt. Auch keine (!) Malariamücken.

An Land allerdings, rund 13 Kilometer entfernt, da soll es welche geben.

Dort herrscht zur Zeit auch Anarchie. Brasilianische Banden und Plünderer sollen das Regiment übernommen haben. Das Militär scheint hilflos. 

 

Sonntag, 28. Oktober 2012, Seetag. Wir waren langsam unterwegs zum Orinoko-Delta.

So ganz war ich immer noch nicht auf dem Damm. Ich wackelte auf Puddingbeinen wie ein Schluck Wasser in der Kurve, wenn der eklige Husten mich bis in die Grundfesten erschütterte. Außerdem hatte ich Rücken vom Liegen. Aber das war im Moment nicht so schlimm, weil wir ja nur auf See waren und ich mich oft hinlegen konnte. Zum besseren Verständnis: langes Liegen macht "Rücken", kurzes Liegen entspannt.

Bei mir jedenfalls.

 

Montag, am 29. 10.2012, hatten wir das Orinoko-Delta erreicht. Wegen der Unruhen wurden die ursprünglichen Pläne auf und am Orinoko gecancelt. Wir mussten an Bord bleiben und kreuzten lediglich im Delta.

 

Der Orinoko ist schön.

Schöner als der unendliche Amazonas. Fanden wir jedenfalls. Irgendwie ähnlich sind sich die beiden Ströme natürlich schon. Aber hier ist alles kleiner, normaler. Von der Strömung abgerissene, braune Ufer auch hier, kleine Dörfchen mit kleinen Kirchen, Urwald. Aber halt alles näher. Wirklicher.

 

An der Lotsenstation Curiopa kamen Offizielle samt Taucher an Bord. Die Uniformierten machten es sich bequem für die nächsten Stunden, fragten nach Getränken und Speisekarte, während die Taucher von unten her das Schiff absuchten.

Wonach? Keine Ahnung. Drogen vielleicht? Immerhin ist Venezuela Drogenhochburg. Aber was auch immer sie gesucht haben, sie kamen mit leeren Händen wieder zurück.

 

Inzwischen hatten die Dorfbewohner aus der Gegend mitgekriegt, dass wieder ein Kreuzfahrtschiff im Strom lag. Flugs hatten sie ihre ganzen Familien in die Boote gepackt. „Los, Kinder, dalli, ab in die Kanus! Vergesst die Oma nicht!“

Und schon paddelten acht, neun, zehn oder mehr Kanus rund um die AMADEA. Braune Mamas schützten ihre Babys mit Mullwindeln gegen die gleißende Sonne. Kleine Kinder krabbelten auf allen Vieren durch die schmalen Kanus, größere turnten auf der allerletzten Kante im Bug herum, winkten, schrien, lachten.…

Trauben von Passagieren hingen über der Reling, winkten ebenfalls, warfen Kusshände und Phoenix-Taschen, Klamotten und Obst. Zwischen all den Kindern entbrannte ein Wettstreit, wer es schaffte, sich eine der Trophäen zu ergattern. Aber keiner missgönnte dem anderen Irgendetwas. Hatte ich jedenfalls den Eindruck. Es schien eher ein sportlicher Wettbewerb: Feiertag, Kirmes und Olympia zugleich.

Ein paar schnittige, kleine Boote mit jungen Leuten an Bord kreuzten ebenfalls, allerdings in weiterem Abstand zu unserem Schiff. Die waren nicht auf Almosen aus, sie hatten alle Fotohandys, i-pads, oder -pods in der Hand und schicke Klamotten an.

 

Abends in der Lounge gab es eins der eher seltenen Highlights auf dem Show-Parkett: die Crazy Show. Wir lachten uns halb schlapp. (Lachen macht gesund!)

Unsere Tischnachbarn trugen auch ein Gutteil bei zu meiner Genesung. Barbara und Roland aus der Oberpfalz und Hedwig mit ihrem Theo aus der Kölner Ecke. Bei jeder Mahlzeit kamen wir irgendwann zwischen Vorspeise und Nachtisch an den Punkt, dass wir lachten, bis uns die Tränen herunter kullerten.

 

Wir waren unterwegs in die Karibik.


Karibik - Tobago und Carriacou/ Grenadinen

Dienstagmorgens, am 30.10.2012, hatten wir die erste Karibikinsel erreicht, die auf unserem Plan stand. Wir ankerten unmittelbar vor der Stadt Scarborough / Tobago. Für mittags hatten wir einen Bustransfer zu einem Strand gebucht. Aber vorher musste ich kurz noch mal eben durch die Gegend schnuppern.

Hafengebiete auf der anderen Seite der Welt sind fast überall gleich, laut und dreckig, nicht gerade als Aushängeschild geeignet. Trotzdem wollte ich es sehen. Und natürlich fotografieren.

 

Mittags klapperte uns der Bus über die Insel zu einem typischen Karibikstrand: blendend weißer Sandstrand mit Schatten spendenden Palmen und leuchtendgrünes Wasser. Traumhaft schön!

Wir nahmen uns zwei Liegen, weil ich mit meiner Hexe nicht auf dem Sand liegen wollte. Angeblich sollten sie so gut wie nichts kosten. Dummerweise waren gerade eben die Preise verdoppelt worden, zufällig genau in dem Moment, als wir aus dem Bus stiegen. Aber das war natürlich reiner Zufall.

 

Wir ließen es langsam angehen, wir hatten ja Stunden Zeit. Pelikane zogen ihre Bahnen übers Wasser, die Sonne spiegelte sich auf dem Grund wider und wärmte das Meer auf Badewannentemperatur. Wir lagen im Schatten unter hohen Palmen und ließen uns wohlig von der Wärme verwöhnen. Es war einfach nur herrlich!

Ganze zehn Minuten lang.

Dann war Schluss mit lustig. Urplötzlich verfinsterte sich der Himmel und öffnete seine Schleusen. Wir konnten gar nicht so schnell rennen und unsere Siebensachen in Sicherheit bringen, wie es schüttete.

Leider war es kein typisch karibischer Regenguss, der nach einer halben Stunde weiter zieht und wieder Platz macht für die Sonne. Nein, an diesem Nachmittag nicht. Eine riesige, regenschwere, schwarze Wolke hängte sich genau über unseren Strand und hielt Siesta. Stundenlang.

Aber wir trugen es mit Fassung. Was blieb uns auch anderes übrig? Wasser ist Wasser, egal ob von oben oder von unten. Hauptsache warm. Und da wir sowieso schon nass waren,  konnten wir auch schwimmen gehen.

 

Eine Handvoll von dem nassem Sand wanderte klumpig in eine ausrangierte Tempotuchhülle und ist heute bei uns zuhause in einem Dekoglas das Bett für ein Teelicht.

 

Passend zum Ende unseres Strandaufenthalts beendete auch die dicke Wolke ihren Schönheitsschlaf und wanderte ab aufs offene Meer. Ich hatte fast das Gefühl, ihr Kichern zu hören. Kichert die Sonne? Oder war es doch vielleicht eher unser alter Travel-Chaos?

Wie auch immer.

Wir kletterten in den klapprigen Bus und meine Hexe jaulte augenblicklich auf, als sie ihn wiedererkannte. Aber es nützte ja nichts, wir mussten zurück zum Schiff.

Abends war Leisetreten angesagt.

Aber auch das half nicht. Auch die 800er Ibos nicht. Auch Reiki nicht. Eigentlich hätte ich zum Doc gemusst. Der Schiffsarzt war sogar ein Orthopäde. Aber da mich meiner zuhause bereits aufgegeben hatte, wollte ich nicht.

 

Am nächsten Morgen gegen acht Uhr ankerten wir auf Reede vor Carriacou, das zu den Grenadinen gehört. Eines von mehreren kleinen Inselchen, das wie seine Kollegen dicht bewaldet ist bis auf die Höhen der Hügel.

Wir blieben im Schongang bis nachmittags. Dann aber ließen wir uns doch im Tender an Land bringen. Ein winziges Strändchen neben der Anlegestelle. Dahinter Gestrüpp, ein paar Häuser, ein kleines Sträßchen, ein größeres Dorf am Fuß des Hügels. Das Wasser auch hier glasklar und warm. Aber ich ließ meinen Mann alleine baden, ich hatte Schiss. Stattdessen wanderte ich am Strand entlang. Riesige Muscheln lagen einfach so herum. Zu Haufen zusammengetragen und aufgetürmt. Groß wie Kürbisse, bunt und lebhaft, diese Muscheln, in denen das Meer rauscht. Sogar noch am Niederrhein. Schweren Herzens ließ ich sie wieder los und zurück.

 

Abends war Halloween Party an Bord. Ich war inzwischen so weit, dass ich kaum noch sitzen, stehen oder liegen konnte. Aber ich konnte tanzen!

Seltsam, aber tanzen geht immer. Und wenn man noch so sehr im Quasimodo-Modus ist.


Bridgetown/ Barbados und Fort de France/ Martinique

Donnerstag, Allerheiligen 2012. Wir erreichten Barbados und lagen direkt vor Bridgetown neben zwei Riesenpötten im Hafen. Vor drei Jahren hatten wir auf Barbados geschnorchelt und nach grünen Schildkröten und einem Schiffswrack gesucht. Die anderen jedenfalls. Ich war beinahe abgesoffen bei der Aktion. Anscheinend war Barbados, die Trauminsel, nicht meine Insel. Auch diesmal nicht. Mit Hexe im Rücken.

Das Einzige, was wir diesmal von Barbados mitkriegten, war das Hafenterminal. Wir kauften kleine Präsente für zuhause, für die Zwerge. Ansonsten blieben wir schön brav auf dem Schiff.

 

Als ich Freitagmorgen, am 2.11.2012, aufstand, ging nichts mehr. Aber ich endlich zum Doc.

Er schaute nur ganz interessiert, als ich mich im Schneckentempo in seine Praxis quälte. Er untersuchte nicht, fragte nur. Und als ich sagte, mein Orthopäde meint, er weiß nicht mehr, was er mit mir machen soll, nickte er verständnisvoll und haute mir eine Spritze rein.

Mein lieber Mann, der auch immer Rücken hat, wurde in einem Aufwasch gleich mit behandelt. Und ich schätze mal, die Pillen, Salbe und Spitzen samt Diagnose/Behandlung brachte unsere Auslands-Krankenversicherung fast an den Rand des Ruins.

Aber mir hat er geholfen.

Jedenfalls war ich nachmittags in der Lage, ein bisschen in Roseau auf der Insel Dominica umherzuschlendern.

 

Samstag, 3. November 2012.

Die MS AMADEA ankerte vor Fort de France/ Martinique. Die Insel strahlte uns im gleißenden Sonnenschein einladend entgegen. Was für ein Unterschied zu damals, als wir mit dem ollen Rostkahn Marco Polo hier durch die Gegend schipperten. Damals tobte ein Aufstand, bürgerkriegsähnlich, einen Toten hatte es auch schon gegeben. 2009 mussten wir noch beide französischen Inseln Guadeloupe und Martinique umfahren. Aber diesmal durften wir an Land.

Zusammen mit unseren Tischnachbarn Hedwig und Theo (die Franzosen unter uns) ließen wir uns per Taxi in die City von Fort de France fahren. Der Fahrer, begeistert von seinen fließend französisch sprechenden Gästen (und damit meine ich natürlich nicht meinen Mann und mich) nutzte die Fahrt, um uns schon einiges zu erzählen. Am Markt entließ er uns. Aber nicht so ganz. Denn wo immer wir in der Stadt liefen, tauchte er auf, kurvte er an uns vorbei, vor uns her, neben uns:  "wollen Sie zurück?“

 

Die Markthalle war überdacht, riesig, bunt, duftend, laut und rappelvoll. Ich liebe ja diese unverwechselbaren Märkte des Südens. Wo der Fisch mit seinen anklagenden, toten Augen neben den handgearbeiteten Körbchen liegt, der Duft der Gewürze sich mischt mit den intensiven Säuren der exotischen Südfrüchte. Wo Babys selig im Tuch auf dem Rücken der Mamas schlummern, während sie ihre Waren anpreist, wiegt und in Zeitung schlägt. Wo sich Kleinkinder ohne zu knatschen auf einem Sack oder sonst was hinter dem Stand zusammenrollen, wenn sie müde werden und unbeeindruckt von Lärm und Gewusel zufrieden einschlafen.

Ein wunderbarer Markt dort in Fort de France! Ich mochte mich gar nicht mehr davon trennen.

Aber es gab auch Schuhgeschäfte. Viele, viele. Und alle hatten sie Ausverkauf! Eines direkt gegenüber vom Markt. Sofort versuchte mein Finanzminister, einen großen Bogen zu schlagen. Aber er hatte kein Glück. Auch nicht, als er anfing zu hyperventilieren. Gegen alle Schuhe für 10,--€ kam er nicht an.

 

Natürlich waren wir auch in der Kathedrale und der berühmten Bibliothek von Victor Schoelcher. Wir bedauerten die arme Kaiserin Joséphine, die würdelos, weil enthauptet, auf ihrem Sockel an der Promenade steht. Die Insel Martinique war ihre Heimat, hier ist sie geboren und aufgewachsen, bevor sie mit ihrem ersten Mann, einem französischen Vicomte, nach Paris zog und später von Napoleon entdeckt, geheiratet und zur Kaiserin erhoben wurde. Jetzt ist sie einfach nur noch tot, eine kopflose, traurige Statue.

 

Nur wenige Meter entfernt suchten wir uns ein Schattenplätzchen „chez Bernadette“. Unsere Füße qualmten, und wir hatten tierischen Durst. Dagegen ließ sich was machen.

Und, was noch schöner war, unsere Bekannten erinnerten uns daran, dass wir uns hier im französischen Euroland befanden. Also: Handy raus und nach Hause telefonieren! So lange, bis der Akku platt war.

 

Beim Mittagessen an Bord schwärmten wir beiden Frauen, Hedwig und ich, von den Ausverkaufspreisen und unseren schicken Schuhen, die wir für sage und schreibe 10€ gekriegt hatten. Barbara, die dritte im Bunde, die vormittags mit ihrem Mann in Sachen Kultur unterwegs gewesen war, wurde blass. „Will ich sehen! Zeigt her!“

Und wir streckten unsere neu beschuhten Füße elegant aus. Augenblicklich verschwand Barbaras Kopf unter der Tischdecke. Auch Rodel, unser Oberkellner, bückte sich.

„Roland, beeil dich, wir gehen in die Stadt! Ich will auch Schuhe kaufen!“

 

Leider, leider war es Samstagnachmittag, und alles war geschlossen. Kein Markt, keine Schuhe, kein gar nix. Tja, Pech!


St. Lucia, St. Vincent & Grenadines und Grenada

In der Nacht fuhr die AMADEA nur vierzig Seemeilen weiter bis Castries/ St.Lucia.

 

Wir sollten nach Möglichkeit keine Wertsachen mitnehmen an Land. Also packte ich nur unsere alte, kleine Digi vom Aldi in die Tasche und wir marschierten (ich mit meinen hübschen, neuen Schuhen!) zu Fuß in das Städtchen.

Das Hafenumfeld ist wie überall nicht gerade anheimelnd. Dazu am Sonntag auch ziemlich ausgestorben. Tote Lagerhallen, Dreck, ein paar unheimliche Gestalten, die sich in den Ecken drückten. Wir kehrten um, gingen entgegengesetzt.

Die Bürgersteige nur für fitte, gesunde Menschen. Der Höhenunterschied oft 30-40 cm, lose Platten, tiefe Löcher und Risse, Abwässer gurgelten in offenen Löchern mittendrin, schwammen auch neben den neuen Schuhen einher. Eine Straße mit Marktständen, mehr als armselig, ein bisschen Obst, Gemüse. Eine Markthalle, groß, dunkel, zum größten Teil verkleidet, abgehängt mit dunklen Tuchwänden von der wohl zehn-Meter- hohen Decke bis unten. Nur ein paar Stände dazwischen, dunkle Augen, die einen verfolgten.…

 

Aber dann kamen wir zu einer Kirche. Offensichtlich war der Gottesdienst gerade zu Ende, und viele, viele Familien vom Uropa bis zu den jungen Müttern mit Baby, traten langsam aus dem Portal. Sie alle sonntäglich gekleidet, vom Feinsten, sehr elegant. Die Kinder mit Lackschuhen, weißen Strümpfen und weißem Kragen, die Frauen mit High-Heels, in denen ich mir den Hals brechen würde. Sie stöckelten so graziös zu ihren Autos, als gingen sie über eine glatte Asphalt-Straße mit fußgängerfreundlichen Bürgersteigen.

Wir waren beeindruckt. Mehr als beeindruckt.

 

Um 18 Uhr lichtete die AMADEA ihre Anker im Licht eines grandiosen Sonnenuntergangs.

 

Montags, am 5. November 2012, legten wir in Kingstown/ St. Vincent & Grenadines an.

Der Ort selber sieht nicht viel anders aus als die anderen kleinen Häfen. Eine sehr betriebsame Hauptstraße mit kleinen Marktständen an den Seiten, laut, bunt, chaotisch und manchmal übel riechend. Die Architektur  bunt gemischt: koloniale neben modernen Bauten, neu neben alt und kaputt.

Ich erinnerte mich: 2009 hatten wir auch hier angelegt und waren entsetzt gewesen von der tristen Armseligkeit im strömenden Regen. Ohne die Sonne und ihre leuchtend bunten Farben bleibt wirklich nicht viel Schönes.

 

Wir wollten zum botanischen Garten. Er musste irgendwo hier ganz in der Nähe sein. Hinterher vielleicht auch noch hoch zum Fort Charlotte auf einem Hügel oberhalb der Stadt. Wahrscheinlich hatte man von dort oben einen fantastischen Ausblick über die Stadt und den Hafen. Aber erst zum botanischen Garten, dem ältesten der Karibik.

Wir waren nicht die Einzigen, die ihn mit Karte in der Hand suchten. Immer wieder fragten wir nach. Die Leute zeigten sich bereitwillig und freundlich, wiesen hierhin und dahin, gingen oft noch ein paar Meter mit und winkten uns zum Abschied.

Auf diese Weise kriegten wir viel von der Stadt zu sehen, auch Privatgrundstücke, Hinterhöfe und Sackgassen. Nur nicht den Botanischen Garten. Das dauerte. Als wir ihn endlich erreichten, waren wir von dem endlosen Gelatsche in der Gluthitze aufgeweicht wie Gelantine.

 

Aber es hat sich gelohnt. Ein wunderschöner Park mit uralten, riesigen Bäumen, die uns gnädig zwischendurch immer wieder Schatten spendeten. Unser Führer zeigte uns sehr engagiert all diese exotischen Pflanzen, Büsche, Bäume, Gewürze. Alles wuchs dort im Überfluss, sogar im Gras sprossen noch Kräuter.

Leider weigert sich mein Gedächtnis, all die Namen, die wir gehört haben, den Blüten und Pflanzen noch zuzuordnen.

Pech. Weg.


St.George`s/ Grenada, El Guamache/ Isla Margarita und Rückflug ab Caracas/Venezuela

Fürs Fort blieb keine Zeit mehr. Wir mussten zurück zum Schiff, denn es ging nachmittags noch ein paar Meilen weiter zu der Insel Beguia, ebenfalls auf den Grenadinen.

 

Wir waren schon mächtig gespannt auf St. George’s auf Grenada. Hier hatte im September 2004 der Hurrikan Ivan getobt und alles zerstört. Er hatte 39 Tote gefordert und 85% der Gebäude zerstört. Als wir 2009 die Schäden hier mit eigenen Augen zum ersten Mal gesehen haben, vermochten wir es kaum zu glauben. Wie konnten die Menschen hier noch leben? Nichts war mehr heil, alles, alles kaputt.

Ob ein Teil der Schäden inzwischen wieder behoben war? Die Kirchen neu aufgebaut? Dächer repariert?

Wir waren so gespannt!

 

Vom Schiff aus sah die Stadt ganz normal aus. Wir beeilten uns, von Bord zu kommen und stiegen als erstes wie schon damals zum Fort hoch. Erinnerungen wurden wach, und wir wandelten ein bisschen melancholisch auf den Spuren der Vergangenheit. Wie wir mit unseren Stuttgartern Ilse und Wolfgang hier gewesen waren. Wie uns ein plötzlicher Wolkenbruch da an diese Wand genagelt hatte. Wie Wolfgang die Polizeistation hier oben besucht und den Kollegen als ehemaliger Polizeibeamter ein deutsches Souvenir geschenkt hatte.…

Aber dann ließen wir unseren Blick schweifen und erschraken. Nichts hatte sich geändert, so gut wie nichts. Zwar wurde an der einen Kirche gearbeitet, aber wie viel Zerstörung noch immer nach all den Jahren! Wahrscheinlich war kein Geld für den Wiederaufbau vorhanden.

Die kleinen Kinder hier mussten ihre zerstörte Stadt für normal halten. Kirchen ohne Dach und Seitenwände, kaputte Mauern in ihren Schulen, hatten sie überhaupt noch Kindergärten? Und zuhause? Wenn es rein regnet und man sich nur notdürftig vor der Nässe schützen kann? Gottlob ist es hier in diesen Breiten wenigstens warm.

 

Sehr nachdenklich schlenderten wir durch die Straßen. Irgendwie fehlte auch der Duft der Muskatnuss von damals. Die ganze Stadt auf dieser Gewürzinsel hatte geduftet. Ich hab es nie vergessen. Es zog uns von der Oberstadt runter Richtung Markt. Wir erinnerten uns an diese steile Straße, die unten in den riesigen, teils offenen, teils überdachten Markt mündete.

Dieser überwältigende, alles betäubende Duft der Gewürze hätte uns längst einhüllen müssen.

Wo war der Markt geblieben? - Doch nicht etwa da in diesen neuen, hässlichen Hallen?

Ein Einheimischer nuschelte im Vorbeigehen irgendwas von someone of your ship.

Während ich noch verständnislos nach ihm umschaute, hatte mein lieber Mann bereits entdeckt, was los war.

Ein Menschenknäuel dort drüben im Eingang zu diesen Hallen gab einen Moment lang die Sicht frei auf eine alte Frau, die blutüberströmt auf dem Bordstein hockte. Martha. Martha vom Schiff.

Schon rannten wir los. Martha ist eine Institution an Bord, ein Dauergast auf der MS AMADEA.

Wir hatten zwar noch nie ein Wort mit ihr gesprochen, aber sie hatte ihren Stammplatz schräg hinter uns, und wie jeder an Bord kannten wir sie vom Hören-Sagen und Sehen.

Und jetzt war Martha wie Hans-Guck-in-die-Luft über einen hohen Bordstein gestolpert und hatte sich böse weh getan. Alle Marktfrauen standen händeringend um sie herum, liefen nach Kleenextüchern und anderen Hilfsmitteln. Fast hätten sie einen Krankenwagen gerufen, als sie uns kommen sahen und glücklich die Verantwortung abgeben konnten.

Martha wollte nur an Bord, weder Krankenwagen noch fremden Arzt oder Klinik. Taxi auch nicht. „Is doch nix passiert. Et geht mir doch gut.“

 

Also nahmen wir Martha in unsere Mitte und stützen sie zwischen uns die paar hundert Schritte vorsichtig bis zum Schiff. Die Gangway hoch: “Langsam getz, ich habbet doch en bissken am Herz.“

Die Crew hatte gerade Seenotrettungsübung und stand in ihren dicken, roten Rettungswesten verteilt in den Gängen des Schiffes. Der Doc und seine Assistentin mit Sicherheit auch. An der Rezeption brauchten wir keine langen Erklärungen abzugeben. Schon griff die junge Frau zum Telefon.

Noch während wir mit Martha im Lift zur Krankenstation hochfuhren – „huch, wie seh ich denn aus???“, als sie sich selber zum ersten Mal blutüberströmt im Spiegel sah, -  hörten wir die Lautsprecherdurchsage: Doktor, Doktor, bitte sofort auf die Krankenstation. Doktor! Bitte umgehend auf die Krankenstation. – This - is – not - part – of – the - drill! I repeat: this is not part of the drill!“ (Dies ist kein  Teil der Übung!)

 

Martha hat’s überstanden. Über dem riesigen, blauschwarzen Veilchen prangte die ebenso schwarze Naht, wo der Doc die klaffende Wunde zusammengenäht hatte. Dagegen verblassten die Bandagen und Verbände an Armen und Beinen. Martha kam aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus.…

 

Damit war die Kreuzfahrt so gut wie beendet. Am Mittwoch, 7. November 2012, wollte ich eigentlich packen. Aber wir lagen in El Guamache auf der Isla Margarita/ Venezuela. Direkt in einer smaragdgrünen Badebucht. Mit lauwarmem Wasser.…

Das Packen musste kurz warten.

 

Am nächsten Tag wurden wir mit Bussen zum Flughafen von Caracas/ Venezuela gekarrt, nachdem unsere am Pier aufgereihten Koffer immer wieder von Drogenhunden beschnüffelt, übersprungen und umgeschmissen worden waren.

Die große LH-Maschine hätte uns beinahe mit einem bequemen Rückflug noch vor der geplanten Zeit nach Frankfurt gebracht.

 

Wäre da nicht die Notlandung in London-Heathrow gewesen wegen eines medizinischen Notfalls...

 

TRAVEL!…

 

 

Inzwischen wissen noch mehr Leute die behagliche Gediegenheit der MS AMADEA zu schätzen. Denn aus "unserem" Traumschiff ist mittlerweile DAS TRAUMSCHIFF geworden. 


Ende

Aber noch nicht so ganz

...denn es gibt ja noch die Fernsehdoku "Verrückt nach Meer"

 

Seit ich sie entdeckt hatte, hockte ich (mein Mann meistens auch)  jeden Nachmittag um viertel nach vier vor der Flimmerkiste.

Sie drehten zwar nie auf der MS AMADEA, aber abwechselnd auf den Schwesterschiffen MS ALBATROS und MS ARTANIA. Das war mir ganz egal, Hauptsache : Meer. Mehr Meer!

 

Wir lernten Captain Morten Hansen mit seinem rollenden R kennen, wir entdeckten unseren Schiffsarzt, der unsere Hexe behandelt hatte, den Chef der Showtruppe, der auch bei uns eine Zeit an Bord gewesen war. Sie alle pendeln zwischen den drei Schiffen hin und her. Hier ein bekanntes Gesicht, dort eins. Es war zu schön und ich schwelgte jedesmal in Nostalgie.

 

Aber dann, eines nachmittags Anfang Dezember, gab's einen gewaltigen Aufschrei, dass die Fotos an der Wand unseres Wohnzimmers wackelten: DA!!!

Captain's Dinner mit Morten Hansen.

Großer, runder Tisch.

Morten in Großaufnahme.

Und neben ihm: Martha.

Unsere Martha, die wir blutüberströmt aufs Schiff geschleppt hatten.

Martha, grinsend und leicht verlegen.

Kapitän Hansen stellte sie breit lächelnd vor: Und das hier ist unsere Martha. Sie hat schon mehr Seemeilen auf dem Buckel als die meisten Kapitäne. Seit achtunddreißig Jahren fährt sie um die Welt. Unsere Martha!

 

Nee, unsere Martha!

 

Später haben wir Martha noch mehrmals entdeckt. Aber da war es schon nicht mehr soooo interessant.

Dieses Captain's Dinner, das  im letzten Dezember hier im Fernsehen lief,  war im Mai 2013 auf der MS ARTANIA gedreht worden. Ein halbes Jahr nach unserer Begegnung. Marthas Gesicht war ohne Narben, alle Wunden  glatt verheilt. Schön, dass wir das sehen konnten.

Wer weiß, vielleicht sehen wir unsere Martha ja im Herbst wieder, wenn wir unsere nächste Reise - diesmal nur eine klitzekleine! - durchs östliche Mittelmeer antreten...

...oder vielleicht Captain Hansen? ...Oder Doc Winni...? Oder...?


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