Am 6. Oktober 2010 erblickten wir weit draußen vor der Stadt am Pier Lindau unser neues schwimmendes Zuhause. Ok, es war nicht gerade das Traumschiff. Aber - wir hatten schon schlechtere Schiffe gesehen. Zuversichtlich kletterten wir an Bord.

Pünktlich um halb vier legten wir ab. Wir standen ganz oben auf dem Sonnendeck, und in dem Moment, als wir oben ankamen, brach zum ersten Mal die Sonne durch. Sie strahlte und schickte uns wohlige Wärme. Das Schlammgrau des Flusses wurde fast verschluckt vom Grün des Inns, der hier noch neu und taufrisch neben der Donau her fließt, bevor er von der großen Schwester einverleibt und geschluckt wird.

Um Viertel vor fünf passierten wir Jochenstein, die erste von zig Schleusen. Nachts ging es weiter. Diese typischen Geräusche lernten wir so nach und nach kennen: Volle Kanne Speed, dann abbremsen. Oder wie das bei einem Schiff heißt. Beim Auto bremst man, ein Flieger geht auf Schubumkehr, ein Schiff-? Keine Ahnung. Bleiben wir also beim allgemein verständlichen Abbremsen.

Jedenfalls waren diese Geräusche in der ersten Nacht in Verbindung mit den ungewohnten Kojen und den mit Beton gefüllten Kopfkissen noch sehr ungewohnt.

Am nächsten Vormittag passierten wir Wien. Die Wachau, das Schmuckkästchen Österreichs, hatten wir im Eiltempo nachts bei schwärzester Finsternis durchpflügt. Aber wir würden auf der Bergfahrt noch Zeit genug für die Schönheiten Niederösterreichs haben. Dachten wir.

Schon von weitem sahen wir die Brücken Wiens. Wir kletterten hoch aufs Sonnendeck, um alles genau sehen zu können.

„Ich entschuldige. Sie wissen, dass Sie jetzt hier sitzen müssen?“

Das peppige, junge Mädchen von der Rezeption bat uns in relativ gutem Deutsch, die nächste halbe Stunde sitzen zu bleiben, weil die sehr niedrigen Brücken von Wien einem glatt den Scheitel platt machen können, wenn man steht und sich nicht rechtzeitig duckt.

Kurz nach Mittag erreichten wir Bratislava, die Hauptstadt der Slowakei. Irgendwie hatten wir eine etwas altmodische, vielleicht sogar rückständige Stadt erwartet. Bisschen ostblockmäßig halt. Aber was wir sahen, war jung, modern, hell, sehr ansprechend, lebendig und sauber. Trotz der teils alten Bauten. Allein die verwinkelte Altstadt mit ihrem Kopfsteinpflaster, die immer wieder den Blick auf die alte Burg freigibt, die hoch oben über der Stadt thront, die uralte Bernstein Handelsstraße, heute eine Flaniergasse mit hübschen Läden und Cafés.

Die Promenade am Donauufer läd zum Spazieren ein. Riesige Rasenflächen ohne Schilder: Betreten verboten. Eine Stadt mit sehr viel Charme.

Wir hatten die Stadtführung gebucht und wurden nicht enttäuscht. Unser Führer, ein Teddybär mit österreichischem Akzent namens Gregor, hatte nicht nur die trockene Historie drauf, er hatte auch einen umwerfenden trockenen Humor voller Charme und Schalk. Von seinen Erzählungen haben wir kaum etwas behalten, dafür aber seinen Witz. Der Typ war echt gut. Wenn wir noch etwas einkaufen wollten, meinte er, nachdem er uns entlassen hatte, sollten wir am Ufer der Donau lang gehen, nur ein kurzes Stückchen vom Schiff entfernt. Dort steht ein Glaspalast voller toller Geschäfte. Wir würden schon sehen: Ein Eldorado für Kaufwütige!

(Es stimmt: Ich kriegte alsbald die Fußfesseln angelegt und die Hände auf den Rücken gebunden, weit ab vom Portemonnaie!!!)

Abends waren wir früh in der Koje. Wir freuten uns auf Budapest, das wir am nächsten Morgen erreichen sollten. Aber erst kam noch mal die Nacht. Hoffentlich nicht wieder schlaflos. Hoffentlich nicht wieder mit zig Schleusen. Bisher hatten wir bereits 12 hinter uns. Immer wieder waren wir um etliche Meter abgesenkt worden mit Rumpel und Pumpel.

Freitagmorgen, als wir nach dem Aufwachen aus unserem Bullauge schauten, lagen wir schon vor Budapest. Wir nix wie hoch. Budapest! Die Stadt, von der wir soviel gehört hatten. Die Stadt, von der unsere Birte schon vor 15 Jahren geschwärmt hatte: Da müsst ihr unbedingt mal hin!

Unser Schiff ankerte zwischen der Elisabeth-Brücke (auch liebevoll Sissy-Brücke genannt) und der Freiheitsbrücke (früher: Franz-Josef-Brücke). Die Kettenbrücke lag auch in der Nähe. Überall Brücken zwischen Buda und Pest. Wie alle Neulinge lernten wir schnell: Buda ist die Seite mit dem Berg, Pest mit dem Parlament. Gleich nach dem Frühstück machten wir uns bewaffnet mit einem Stadtplan auf den Weg. Eigentlich wollten wir mit der Margareteninsel beginnen, nur drei Brücken weiter. Wir dachten, nach links. Aber wir hätten den Stadtplan einmal drehen müssen. War nämlich rechts. Oder links. Je nachdem, von wo aus man schaut. Wir hatten in die falsche Richtung geschaut.

Mit anderen Worten: wir fanden sie nicht und kehrten irgendwann um, als Straßenarbeiten den Fußweg sperrten, und wir eh nicht weiter konnten. Also schlugen wir den Weg ein, den mein lieber Mann immer fürchtet: den Weg in die Innenstadt mit ihren Geschäftchen und Lädchen, Cafés und anderen Geld-Ausgeb-Stellen.

Wie magisch angezogen strebte ich sogleich in eine bestimmte Richtung zu einem Geschäft, das draußen auf einem Ständer handgenähte Wildlederwämschen für Kleinkinder hängen hatte. Kuschelweich außen mit aufwendigen Nähten, und innen war ein kleines, kurz geschorenes Schaf mit süßen Löckchen eingenäht worden. Ich verliebte mich auf der Stelle. Aber mein lieber Mann hatte sicherheitshalber nur rund 10 Euro eingesteckt für einen Kaffee oder so, und ich selber hatte es schussligkeitshalber ganz vergessen, mein Portemonnaie einzustecken. Schweren Herzens musste ich mich von dem Bolero trennen, aber ich schwor ihm: Oma kommt wieder.

Wir zogen durch Budapest, die Sonne strahlte und wir tranken Espresso in einem Straßencafé. Der Platz vor uns war offensichtlich die Bettelmeile einer alten Frau. Ihre Wirbelsäule war krumm wie ein Flitzebogen. Ihr Blick hing etwa dreißig Zentimeter über dem Boden. Aber ob sie wohl trotzdem alles und jeden sah! Ihre Augen huschten wieselflink hin und her, während sie mit einem kurzen Stöckchen und einer Plastiktüte am Arm über den Platz schlurfte. Mit dem langen Rock sah sie aus wie alte Hexe, die auf ihren Knien daher rutscht.

Es ging gut, bis ein anderer Bettler es wagte, in ihr Revier einzudringen. Sie schrie, tobte und drohte mit ihrem winzigen Stöckchen, rückte ihm zu Leibe, kreischte … Dass sie ihn nicht gekillt hat, war alles. Atemlos saßen wir und guckten. Versteckte Kamera oder Echtzeit?

Nachmittags hielten wir eine südlich-heiße Siesta auf dem Sonnendeck. Anschließend: muss ich erwähnen, dass ich noch einmal zurück bin in die Innenstadt und das Kuschel-Wämschen für unsere Lotta gekauft habe?

Kurz vor Schließung der Markthallen huschten wir noch schnell eben rein. Es war eine Farborgie, die sich unseren Augen bot. Früchte, Gemüse, vor allem Paprika, Tomaten und Peperoni in Hülle und Fülle türmten sich in den Auslagen. Aber auch Fleisch, Geflügel, Wein und andere gute Sachen wurden angeboten.

Ein Stand präsentierte sogar kleine, gefütterte Wildlederwestchen zu einem äußerst günstigen Preis. Aber die waren mit Sicherheit von minderer Qualität. Bestimmt längst nicht so weich und so gut wie meins--- oder vielleicht doch??? Ich wollte es gar nicht wissen und machte einen großen Bogen um den Stand.

Als es dunkelte, gingen in Budapest die Lichter an. Was für eine Stadt! Wir waren schlichtweg erschlagen von der alt-neuen Pracht. Budapest ist im Krieg auch zerstört worden, das erfuhren wir zu unserer Verwunderung. Aber sie haben die Stadt genauso wieder aufgebaut, wie sie vorher gewesen ist. Deshalb sieht sie so alt und ursprünglich aus. Sehr gelungen.

Die Stadt ist ein Traum. Bisher hatten wir nur tagsüber einen kleinen Teil von Pest gesehen. Abends hatten wir eine Lichterfahrt gebucht. Budapest bei Tageslicht ist schon fantastisch, aber nachts?

Es war Freitagabend und Budapest hatte Feierabend. Wochenende. Die Stadt boomte. Der Sperrmüll auch. Freitagabends können die Bürger ihren nicht mehr benötigten Plunder vor die Türe setzen. Und davon machten sie reichlich Gebrauch.

Wir fuhren vorbei am berühmten Café New York, an etlichen imposanten Gebäuden mit historischem Charakter und Geschichte pur. Der fesche, ungarische Graf Andracic aus den alten Sissy-Filmen zum Beispiel ist keine Erfindung des Drehbuchschreibers. Der war sehr real. Davon zeugen heute noch etliche Relikte aus seiner Zeit.

Dann die U-Bahn. Budapest hat die zweitälteste U-Bahn Europas. Nur die Engländer haben eine ältere. Diese hier in Ungarn wurde noch von Pferden gezogen. Eine PS-U-Bahn sozusagen.

Die Kettenbrücke schimmerte verschwenderisch mit ihren Lichtern wie kostbares Geschmeide über dem dunklen Strom. Über die Freiheitsbrücke, die von einem Engländer erbaut worden ist, der Ungarn und vor allem Budapest liebte, brachte uns der Bus von der Pester Seite rüber nach Buda. Irgendwo dort oben am Berg war dann Schluss. Eine Schranke. Wir stiegen aus und gingen zu Fuß bergan Richtung Krönungskathedrale und Schloss. Alles hier lag im Dunkeln. Nur die Millionen Lichter Budapests leuchteten wie ein gigantischer Weihnachtsbaum. Auf der anderen Seite des Stroms.

Auf dem alten, holprigen Kopfsteinpflaster vor der Kathedrale erfasste mich ein historischer Schauer. Lange vor uns waren hier auf genau diesem Weg Pferde getrappelt mit Kutschen, in denen Habsburger saßen, die auf dem Weg zu ihrer Krönung waren. Reiter in Rüstung, schöne Frauen, Sissy und gekrönte Häupter, die Geschichte geschrieben haben.

Bratislava war schon toll, aber Budapest ist einfach grandios. Leider haben wir an diesem einen Tag nur einen winzigen Bruchteil der Stadt gesehen, aber - auch hier versprochen: wir kommen wieder mit mehr Zeit.

Am Samstagmorgen, nachdem wir nachts vergeblich versucht hatten, eine Schneise in die Betonfüllung des Kopfkissens zu schlagen, waren wir schon wieder eine ganze Ecke weiter die Duna (der ungarische Name der Donau) entlang geschippert und hatten irgendwo im Nirgendwo fest gemacht. Laut Plan mussten wir in Zolt sein, in der ungarischen Puszta.

Wir hatten den Ausflug gebucht und standen gleich nach dem Frühstück zitternd und klappernd am Ufer. Morgennebel tauchte die karge Landschaft in unwirkliches Licht. Alles schien zu schweben. Drei Pferdegespanne und ein Bus standen bereit. Mein lieber Mann tendierte ob der nassen Kälte zum Bus, aber ich war störrisch wie die Gäule vor den Kutschen und bestand auf feuchtnasser Holzbank auf dem Pferdekarren, wo auch schon unsere etliche Jahre älteren Tischnachbarn Platz genommen hatten.

Puszta. Das Wort bedeutet „verlassen“. Trifft aber heute nicht mehr zu. Wohl aber vor vielen Jahren, damals, als sie die große Tiefebene nach und nach vollkommen abgeholzt hatten wegen Schiffbau und später wegen der Feinde, die keinen Unterschlupf mehr finden sollten. So verödete der breite Landstrich, und die Menschen siedelten aus. Erst im 19. Jahrhundert änderte sich die Lage durch Drainagen und Neuanpflanzung. Heute ist das Land fruchtbar und lebt wieder.

Wir wurden zu einer Farm kutschiert: Showtime! Reiter mit knallenden Peitschen, Wollschweine, die besonders cholesterinarmes Fleisch haben, antikes Wohnambiente von anno Tobak. Und überall gab es landestypische Häppchen und Wein. Wer soll da standhaft bleiben? Außerdem: Ablehnen wäre bestimmt unhöflich gewesen.

Im Sommer sind 45-50° normal, erzählte uns der Führer, die Winter dagegen sind eiskalt. In diesem Jahr hatte es ungewöhnlich viel geregnet im Spätsommer. Überall auf den Feldern standen dicke Pfützen vom Grundwasser, gespeist von der Donau.

In Kalocsa, einer kleinen Stadt nur wenige Kilometer von der Duna entfernt, gibt es einen barocken Dom, der gerade renoviert wurde, mit der ältesten Orgel Ungarns. Sie spielte für uns, brauste, flüsterte und schwebte, prägte uns jede Passage unter die Haut. Wir lauschten in andächtiger Stille.

Natürlich durchstöberten wir auch noch das Paprikamuseum, die Gegend dort ist schließlich die Heimat der Paprika und Peperoni. Aber so was haben wir selber zuhause auch. Natürlich nicht in diesen Mengen, aber – phh! Unsere sind genauso scharf. Mindestens!

Wieder an Bord versuchten wir, auf dem Sonnendeck etwas Wärme zu tanken. Solange der Kahn still lag, ging es, aber wenn er die Anker lichtete und loslegte, blies der Fahrtwind eisig kalt.

Ein bisschen betrübt suchte ich wie jeden Tag die Ufer ab. Irgendwo musste doch schon der Herbst eingezogen sein! Ich hatte doch so auf die leuchtenden Farben gehofft! Aber die Wälder, die vielfach das Ufer säumen, waren noch durchweg grün.

Nachmittags erreichten wir den Grenzposten Mohács. Ungarn lag hinter uns. Von hier aus war die Donau Grenzfluss zwischen Serbien und Kroatien. Zwei Mann von der Besatzung marschierten mit Köfferchen von Bord zum Zollgebäude. Mussten die unsere Passage etwa freikaufen?

Hässliche Gebäude, original alt und unverändert sozialistisch-kahl. Irgendwie beklemmend, die Situation. Déjà vue, ein bisschen wie damals an den Grenzübergängen zur DDR. Auch die AURELIA, die neben uns ankerte, musste die Prozedur über sich ergehen lassen. Welche Prozedur überhaupt? Passkontrolle? Bezahlen?

Es dauerte ziemlich, bis wir weiter fahren konnten.

Langsam machte sich die Sonne auf den Weg, inmitten der dichten Wälder am Ufer zu versinken. Weit waren sie weg, die Wälder, sehr, sehr weit. Die Donau breitete sich vor uns aus wie ein riesiger, feuriger Teppich ohne Anfang und Ende. Unendlich breit. Es gab keine Ufer dort, die vorderen Bäume standen bis zum Knie im Wasser.

Wo fängt der Wald an, wo hört die Donau auf? Der Übergang war fließend, nicht erkennbar. So gut wie keine Dörfer, geschweige denn Städte, kein Leben auf dem Fluss, keine Frachtschiffe, Boote, nichts. Nur unser Schiff. Ein lauter Eindringling in dieser fast unberührten Natur.

Wieder an Bord versuchten wir, auf dem Sonnendeck etwas Wärme zu tanken. Solange der Kahn still lag, ging es, aber wenn er die Anker lichtete und loslegte, blies der Fahrtwind eisig kalt.

Ein bisschen betrübt suchte ich wie jeden Tag die Ufer ab. Irgendwo musste doch schon der Herbst eingezogen sein! Ich hatte doch so auf die leuchtenden Farben gehofft! Aber die Wälder, die vielfach das Ufer säumen, waren noch durchweg grün.

Nachmittags erreichten wir den Grenzposten Mohács. Ungarn lag hinter uns. Von hier aus war die Donau Grenzfluss zwischen Serbien und Kroatien. Zwei Mann von der Besatzung marschierten mit Köfferchen von Bord zum Zollgebäude. Mussten die unsere Passage etwa freikaufen?

Hässliche Gebäude, original alt und unverändert sozialistisch-kahl. Irgendwie beklemmend, die Situation. Déjà vue, ein bisschen wie damals an den Grenzübergängen zur DDR. Auch die AURELIA, die neben uns ankerte, musste die Prozedur über sich ergehen lassen. Welche Prozedur überhaupt? Passkontrolle? Bezahlen?

Es dauerte ziemlich, bis wir weiter fahren konnten.

Langsam machte sich die Sonne auf den Weg, inmitten der dichten Wälder am Ufer zu versinken. Weit waren sie weg, die Wälder, sehr, sehr weit. Die Donau breitete sich vor uns aus wie ein riesiger, feuriger Teppich ohne Anfang und Ende. Unendlich breit. Es gab keine Ufer dort, die vorderen Bäume standen bis zum Knie im Wasser.

Wo fängt der Wald an, wo hört die Donau auf? Der Übergang war fließend, nicht erkennbar. So gut wie keine Dörfer, geschweige denn Städte, kein Leben auf dem Fluss, keine Frachtschiffe, Boote, nichts. Nur unser Schiff. Ein lauter Eindringling in dieser fast unberührten Natur.

Am Sonntagmorgen erreichten wir Novi Sad in Serbien. Hier heißt die Donau Dunav. Es waren noch 1255 km bis zum Delta. Wir legten nur kurz an, um den Ausflug von Bord zu lassen. Wir beiden blieben und wollten einfach nur die Ruhe genießen. Ganz langsam fingen die weit entfernten Ufer an, sich zu verfärben, es wurde hüglig, immer noch dichter Wald sowohl auf serbischer als auch auf kroatischer Seite.

Gegen Mittag ankerten wir vor Belgrad. Auf der Save, einem Nebenfluss der Donau, direkt unterhalb von Belgrad und der alten Festung, die von einem Hügel auf die Stadt herabblickt. Die Sonne strahlte, und wir stiegen hoch aufs Sonnendeck, um eine bessere Rundumsicht zu haben. Wir lagen direkt unterhalb von Belgrad. Eine steile Treppe mit vielen Stufen führte vom Hafen hoch in die Stadt.

Über uns kreiste ein Hubschrauber.

Da es ohnehin Siestazeit war, machten wir es uns auf einem Liegestuhl bequem und schlossen ermattet die Augen. Urlaub kann ja so anstrengend sein!

Die Digicam tankte auch neue Energien in der Kabine an einer der zwei Steckdosen, der Fotoapparat an der anderen.

Wenn nur der Hubschrauber nicht so nerven würde!

Da plötzlich peitschte ein Schuss!

Nach dem ersten, scharfen Knall schauten wir uns ungläubig an: Hm? Das war doch nicht etwa…? Das konnte doch nur eine akustische Täuschung sein bei dem lauten Rotorgeknatter des Hubschraubers und den Lautsprecherdurchsagen für die Passagiere, die den Ausflug mitmachen wollten. Oder?

Aber es war ein Schuss. Der erste von vielen. Denn jetzt ratterte es los. Eine ganze Salve wurde abgeschossen. Menschen auf der langen Treppe vom Hafen hoch in die Stadt stoppten wie angenagelt. Von oben kamen andere herunter gestürmt. Die Stimme der Reiseleiterin über Lautsprecher: hektisch, drängend: keiner verlässt das Schiff. Ausflug gecancelt. Abwarten!

In dem Moment entdeckte ich den ersten Rauch, der langsam, weißlich noch, hinter den Häusern oben hervorquoll. Schreien, Tumulte von oben. Was zum Teufel war da los? Und keine Kamera zur Hand. Kein Fotoapparat.

Ich spurtete los zur Kabine. Was auch immer das war, ich konnte es mir nicht entgehen lassen.

Zurück auf dem Sonnendeck sah ich, dass der Rauch sich inzwischen mächtig verdichtet hatte und in dicken, rußigen Schwaden über die Häuser hinweg Richtung Kirche zog. Grüppchen von Passagieren standen aufgeregt gestikulierend beieinander und zeigten hoch zur Festung. Dort rannten Menschen, vermummt und in Kapuzen, versuchten, den Polizisten zu entkommen, die mit Schutzschild und offensichtlich Tränengas hinter ihnen her waren. Schreie, Sirenen, Rufe, Qualm und das unermüdliche Geknatter des Hubschraubers, der tief und eng seine Kreise direkt über uns zog.

Die wilde Meute rannte vom Festungsberg herunter auf die Hafenkante, vorbei an den kleinen Cafes und Kneipen, vorbei an unserem Schiff. Im Rennen zogen sie sich die Kapuzen vom Kopf, Tücher baumelten auf der Brust. Sie wurden langsamer, warfen Blicke auf das Schiff. Auf uns, zogen aber Gottlob weiter Richtung Brücke.

Langsam sickerten Neuigkeiten durch: eine kleine Anzahl von Studenten wollte gegen die Diskriminierung von Homosexuellen demonstrieren. Eine große Anzahl anderer, die alles oder nichts wollen und gegen nichts und alles sind, hatten sich begeistert mit an gehängt und für Randale gesorgt. Sie hatten oben in der Stadt einen Altkleidercontainer angezündet, die abschüssige Straße herunter gekegelt und dabei ein Wachhäuschen und ein Auto voll erwischt. Alles war ausgebrannt, Luftlinie etwa 50 Meter von uns entfernt. Nur die Treppe nach oben lag zwischen der UKRAINA und dem Chaos. Die Randalierer hatten in den Nebenstraßen offensichtlich auch Pflastersteine heraus gerissen und damit geworfen, Scheiben eingeschlagen und einen Teil der Innenstadt verwüstet. Tausende von Polizisten waren unterwegs, hieß es.

Es dauerte eine Weile, doch irgendwann war der Spuk vorbei, und es wurde Entwarnung gegeben. Wir gingen von Bord, wir wollten doch wenigstens hoch zur Festung.

Am Ende der langen Treppe sahen wir die Bescherung. Überall lagen Glas, Steine, Pappe, verbogenes Metall, ausgebrannt und schwarz. Der Müllcontainer zerfetzt daneben und mitten auf der Straße das ausgebrannte Auto. Ich fotografierte hastig unter den wachsamen Augen der Polizei. Mein lieber Mann zerrte an meinem Arm. Weg hier, los, weg.

Nur wenige Meter weiter Hügel aufwärts Richtung Festung dagegen herrschte sonntägliche Ruhe und Gelassenheit. Familien mit Kindern, Alte und Junge schlenderten, plauderten, rauchten und ruhten sich auf den Bänken unter den alten Bäumen aus. Noch vor weniger als einer Stunde hatte es hier von bewaffneten Polizisten und Randalierern gewimmelt. Aber die Serben lassen sich offensichtlich von solchen kleinen Zwischenfällen nicht mehr aus der Ruhe bringen. Sie kennen Schlimmeres.

Hier oben in der späten Nachmittagssonne hatten wir einen wunderbaren Blick hinunter auf die Save und das Hafengebiet. Wir schlenderten langsam auf die Festung zu, bewunderten auf dem Weg ausgiebig eine exzellente Ausstellung von bekannten Werken und begnadeten Fotografen. Es war so ruhig und friedlich hier. Wir ließen uns alle Zeit, erkundeten die Festung treppauf und treppab und genossen die Wärme der letzten Sonnenstrahlen, bevor wir wieder aufs Schiff zurückkehrten. 

In der Nacht mussten wir unsere Uhren um 1 Stunde vorstellen. Wir waren kurz vor der Passage Eisernes Tor.

Schon früh, fast noch nachts, begann die Kataraktenstrecke. Über rund 75 Kilometer schnürt sie die unbändige, breite Donau in ein enges Korsett. Allein in der Einbahnstraße Kazan-Enge muss sie sich mit nur rund 100 Metern Breite durch die schmale Gasse zwischen den Granit- und Kalksteinfelsen der Karpaten und des Balkangebirges auf der anderen Seite hindurch quälen. Dafür rächt sie sich mit wilder Strömung und ungewöhnlich großer Tiefe. Irgendwo muss das ganze Wasser ja schließlich bleiben.

Auf das berühmte Eiserne Tor waren wir schon gespannt. Soweit wir wussten, zog sich eine breite Felsklippe quer durch das Bett des Stroms. Das hatte früher natürlich für riesige Probleme mit der Schifffahrt gesorgt. Die Schiffe damals wurden vorsichtig mit Lokomotiven und Seilschiffen durch einen Kanal, der die gefährliche Stelle umging, vom Ufer aus gezogen. Später hat man dann einen Umgehungskanal gebaut, den sogenannten Sip-Kanal, der heute unter dem Wasser liegt. Irgendwie scheint das alles unterirdisch, denn man merkt beim Befahren heutzutage rein gar nichts davon.

Das Eiserne Tor wird heute zur Stromgewinnung genutzt. Zwei Kraftwerke, Djerdap I und Djerdap II folgen kurz hinter einander. In den doppelstufigen Schleusen von Djerdap I wurden wir um sage und schreibe insgesamt rund 34 Meter abgesenkt.

Die Donau ist noch immer Grenzfluss: rechts Serbien, links Rumänien. Der Fluss ist unendlich breit, kann sich endlich wieder ohne Begrenzungen ausdehnen. Die Ufer sind trostlos bis trist: entwurzelte oder abgeknickte Bäume im Wasser, ab und an in der Ferne ein Wachturm oder unbewohnte, sozialistische Plattenbauten.

Vom windgeschützten Deck aus schauten wir in die Gegend. Der Timok mündet hier in die Donau, verstärkt sie weiter. Sie ist an vielen Stellen breit wie ein Meer, glatt und ruhig. Hier irgendwo wird sie Grenzfluss zwischen Rumänien und Bulgarien. Es gibt nicht viel zu sehen, nur Weite, Wasser, Inseln und Bäume an fernen Ufern. 

Dienstagmorgen um 7 Uhr erreichten wir Giurgiu in Rumänien. Noch 493 Kilometer bis zum Kilometer Null am Delta. Der Tagesausflug Bukarest ging von Bord. Später bereuten wir es, aber im Moment hatten wir keine großen Ambitionen, Rumänien näher kennen zu lernen.

Nach einer entspannenden Rücken-Massage von Schwester Maria mit den begnadeten Händen ließen wir uns wieder ein bisschen Wind um die Nase wehen. Wir unterquerten die Freundschaftsbrücke, die einzige Brückenverbindung zwischen Rumänien und Bulgarien, eine Brücke sowohl für Bahn als auch für Pkw. Zu sozialistischen Zeiten mit Schießbefehl.

Mittags legten wir in Oltenita/ Rumänien an. Wie auch schon Girugiu eine Pendlerstadt. Nicht besonders sehenswert. Alt, kaputt, lieblos, bisschen bunt, bisschen Blumen, eine Kathedrale natürlich, wilde Hunde und Katzen, die auf dem Hinweg in die Stadt mit eingekniffenem Schwanz zwischen den Autos umher liefen und auf dem Rückweg tot da lagen. Überfahren. Na, und? Wen kümmert's?

Wir näherten uns immer schneller dem Delta. Mittwochs Ismail/ Bessarabien, Heimathafen unseres Schiffs und die Heimat der Besatzungsmitglieder, nachmittags das Dorf Vilkovo. Hier, fast im Delta, ging es noch sehr ursprünglich zu. Der Dorfälteste und Kinder empfingen uns mit Kuchen und Tanz. Im Gegenzug bekamen die Kinder von uns vorher an Bord überteuert erstandene Schokolade und Süßigkeiten. Offenbar sind Zähne hier noch kein Thema. Oder vielleicht gibt es auch keinen Zahnarzt? Doch, bestimmt. Hier scheint zwar die Zeit stehen geblieben zu sein, aber auf irgendeiner dieser weit verstreuten Inselchen des Dorfes gibt es bestimmt auch Zahn -und andere Ärzte.

Wir stiegen um auf ein Ausflugsboot, das uns zum Delta bringen sollte. Irgendwie hatte ich naiverweise angenommen, wir paddeln in einem kleinen Holzbötchen direkt und hautnah durchs Schilf, auf du und du mit den Pelikanen und anderen Bewohnern. Tja, verdacht.

Wir nahmen den nördlichen Mündungsarm, den Chilia, der als einziger immer genug Wasser für Boote führt.

Aber die Fahrt, diese paar letzten Kilometer bis zum Schwarzen Meer, war auch im großen Boot irgendwie unwirklich. Ein bisschen wie Spreewald, aber viel, viel größer. Wilde Vegetation rechts und links. Inselchen-Dörfer, ab und an ein Fischer. Einzelne Häuschen, am Ufer spielende Kinder, Weinreben und Gärten.

Dazu Bäume und Schilf, immer und überall endlose Flächen mit Schilf, ursprünglich und absolut nicht übertragbar in unsere Normalität.

Die wenigen Menschen, die wir am Ufer sahen, winkten uns fröhlich zu. Nicht nur die Kinder, nicht touristenmäßig, nein, einfach so. Sie hatten ja nichts von uns zu erwarten. Aber sie freuten sich, uns zu sehen. Arm, einfach, glücklich. Gibt es das noch?

Am Kilometer Null durften wir uns etwas wünschen. Hier, an diesem magischen Ort mit einem Gläschen Wodka in der einen und einem Stück Brot mit Delta-Hering in der anderen Hand, irgendwo dazwischen noch Fotoapparat und Kamera, durften wir uns etwas wünschen. Diese Wünsche gehen in Erfüllung, heißt es. Also haben wir gewünscht und geglaubt.

Von da an ging’s bergab. Obwohl wir bergauf fuhren.

Irgendwie, irgendwo war die Spannung raus. Wir waren am Delta gewesen, hatten sozusagen das Ziel erreicht und mussten jetzt die ganzen 2223 Kilometer wieder zurück nach Passau. Das freundliche Herbstwetter hatte uns verlassen und war am Schwarzen Meer geblieben. Zwar wurde es endlich bunt entlang der Donau, aber gleichzeitig war es auch scheußlich unwirtlich. Travel-Chaos packte seine Wollsocken aus. Irgendwie wollten wir alle jetzt nur noch auf schnellstem Wege nach Hause.

Aber dann, wir waren noch im Bereich der Ukraine, schlich sich auf leisen Sohlen die „Pest“ an Bord. Na ja, nicht die mittelalterliche, sondern eher die moderne Virusform. Ein Passagier nach dem anderen kippte um: Magen-Darm, Kreislauf, grippaler Infekt, ich hatte alles zusammen sogar mit angegriffener Lunge. Aber erst kurz vor Schluss.

Oriachovo in Bularien machten mein lieber Mann und ich noch im Besitz unserer vollen Kräfte mit. Trostlos, diese Stadt, am Hang gelegen, von den Jungen verlassen, zurück geblieben nur die armen Alten und kaputtes Sein.

Immer mehr Passagiere bzw. ihre Partner liefen mit bunten Warmhaltekannen voller Kamillentee durch die Gegend. Von einhundertzwanzigPassagieren erwischte es mindestens achtzig. Der Doc, ein ellenlanger, spindeldürrer, junger Mann, der nur russisch sprach, geriet immer mehr in Bedrängnis. Er untersuchte sorgfältig, besuchte seine Patienten alle paar Stunden in ihren Kabinen, packte sie mit Antibiotika, Pillen und Spritzen voll, weil er, wie der Dolmetscher sagte, keine Ahnung hatte (und es an Bord auch nicht untersuchen konnte), ob es eine Viruserkrankung war, oder eine bakterielle oder sonst was für eine. 

Das trostlose Wetter passte zu der Stimmung an Bord. Aber das Laub verfärbte sich endlich. Erst sparsam, hier und dort mal ein Hauch, aber je höher wir kamen, desto verschwenderischer leuchteten die Ufer in voller Altweiber-Pracht.

Samstag erwischte es meinen Mann, und als er wieder auf seinen Beinen stehen konnte, legte ich mich nieder. Schön nacheinander.

Dieser Virus kostete uns beide den Piratenabend, den Galaabend, Wien und die Wachau, auf die wir uns so gefreut hatten.

Nacheinander - miteinander. Einer von uns konnte wenigstens immer kurz an Land, ein paar Eindrücke sammeln und Fotos machen. Und dann schnell wieder zurück nach unten in die Kabine zum/zur Lazarus/ Lazarine.

Aber Wien und die Wachau laufen uns nicht weg. Sie werden auch in den nächsten Jahren noch da sein. Vielleicht kommen wir ja noch einmal hin.