Mit der MS Albatros unterwegs von Monaco nach Kapstadt

Wir sind nun wirklich keine Kreuzfahrt-Neulinge, und doch ist jede Reise, jedes Schiff, immer wieder etwas ganz Neues. Wie oft haben wir schon gesagt, so, das war jetzt aber wirklich das letzte Mal. Keine Cruise mehr. Immer diese elenden Langstreckenflüge, um hin oder wieder nach Hause zu kommen. Jetzt machen wir nur noch schöne, kleine, überschaubare Urlaube in Deutschland oder zumindest nicht so ganz schrecklich weit weg.

Aber Phoenix Reisen GmbH weiß das nicht. Wir stehen -wahrscheinlich unlöschbar- auf ihrer Agenda. Immer wieder drängen sie uns neue Kataloge auf.

Und immer wieder werde ich schwach.

 

Diesmal also die Inseln des Atlantiks und Südwestafrika. Von Monaco bis nach Kapstadt.

Und zwar mit der „weißen Lady“, der MS ALBATROS.

Wir waren gespannt, denn dieses Schiff, das älteste der Flotte, kannten wir noch nicht.

 

Am Sonntagmorgen, 15. Oktober 2017, flogen wir also nach Nizza und gingen in Monaco an Bord. Rein äußerlich machte die Albatros auf uns einen guten, soliden Eindruck. Zwar etwas altmodischer geschnitten als ihre neueren Schwestern, aber ich finde, sie kann durchaus mithalten. Sie hat einen wohltuenden Charme. Auch drinnen. Alles scheint irgendwie geruhsamer und persönlicher.

Nachdem wir unsere Kabine auf Deck fünf in Augenschein genommen hatten, machten wir uns auf, das Schiff kennen zu lernen.

 

 

„Suchen Sie die Atlantik-Lounge?“ Ein Mann, der in uns Bleichgesichtern natürlich gleich die Neulinge erkannt hatte, wies mit dem Arm seitwärts. „Für die Tischreservierung?“

Oh, wir sahen uns an. Stimmt ja, hier auf der Albatros kriegt man einen Tisch zugewiesen. Das kannten wir weder von der Amadea noch von der Artania. Also nix wie rein und – wir prallten zurück. Die Schlange vor uns war endlos. Wie sollten wir denn bis zum Abendessen und Auslaufen hier fertig werden? Es ging quälend langsam weiter. Hinter uns standen inzwischen auch etliche Leute. Der Lindwurm zog sich inzwischen durch die ganze Lounge.

„Guck mal, der da hinten am Tisch, der jetzt dran ist, das könnte glatt dein Sangeskollege vom letzten Jahr sein. Der Siggi.“

„Wo? Wer?“ Mein Mann reckte den Hals, aber nur halbherzig. Er weiß, dass ich keine Leute erkenne, keine Gesichter. Und ausgerechnet ich sollte hier in diesem Dämmerlicht von weitem einen mehr als flüchtigen Bekannten wiedererkennen? Und dann noch von hinten?

Aber gerade von hinten, an seiner Silhouette, der ganzen Haltung, erkannte ich den Rettungs-Doc vom vorigen Jahr. Ich bestand aber nicht auf meiner Erkenntnis, denn inzwischen hatte ich einen Getränkekellner entdeckt, der mit einem Tablett voller Sektgläser durch die Reihen ging. Uns klebte die Zunge am Hals,wir hatten seit Stunden nichts zu trinken gehabt. Ich versuchte, ihn von weitem zu hypnotisierten: Komm hierhin, hierhin. Zu uns.

Aber schon lange, bevor er uns erreichte, war sein Tablett leer. Immer die anderen. Aber er füllte nach. Kam wieder in unsere Richtung, aber von überall her reckten sich Hände nach den Gläsern. Ich rechnete mir schon aus, dass wir auch diesmal wieder nichts bekommen würden. Aber ein Glas blieb. Für mich.

Hinter uns wurde Gemurmel laut. Mit dem Glas in der Hand und wahrscheinlich glücklich verklärtem Gesicht drehte ich mich zu den drei Frauen hinter uns um. „Der kommt ja gleich wieder.“

Das war der Anfang.

Bis wir zu dem Pult mit der Tischvergabe vorgerückt waren, wussten wir, dass wir zusammen passen. Kurzentschlossen nahmen wir einen Achtertisch für uns sechs. Eine Freundin gehörte auch noch dazu, aber die war anscheinend irgendwo an Deck verloren gegangen.

Unser Tisch war im Restaurant„Möwe“. Unser Ober Deni kommt aus Bali. Sein junger Gehilfe heißt David und die Getränke- Kellnerin Marisel.

Schon hatten wir die Leinen-Serviette auf dem Schoß, die Karte in der Hand und ein Glas Wein vor uns. „Schönen Urlaub“, Frauke aus Köln erhob ihr Glas. Da konnten wir nur aus vollem Herzen zustimmen.

 

Um 20 Uhr sollte die MS ALBATROS unter dem Kommando von Kapitän Robert Fronenbroek und Kreuzfahrtdirektor Klaus Gruschka eigentlich den Hafen von Monaco verlassen. Aber das klappte nicht mehr. Es wurde später. Erst musste noch die obligatorische Seenotrettungsübung durchgeführt werden.

Und wen trafen wir noch in der Lounge? Den Doc Siggi. Ich hatte richtig geguckt! Damit hatte ja keiner gerechnet, dass wir uns noch jemals wiedersehen würden. Das gab ein Hallo! Natürlich versuchte Siggi sofort, meinen Mann wieder in den Gäste Chor zu kriegen, aber der winkte ab. Einmal war genug, und das war im vorigen Jahr gewesen. Aber es gab auch so vieles zu erzählen.

Aber dann: ab aufs Achterdeck. Zum ersten Mal für uns ertönte die Abschiedsmelodie. Mit einem Glas Sekt in der Hand lehnten wir an der Reling und ließen die Lichter von Monaco/Monte Carlo langsam hinter uns in der Dunkelheit zurück.

 

Zeitig zogen wir uns in unser neues Zuhause zurück. Erst mal Koffer auspacken und die Betten ausprobieren. Ich war überrascht, wir hatten echt bequeme Matratzen und Kopfkissen. Aber dieses winzige Bad! Und dann noch mit einer Badewanne, die fast das ganze Räumchen ausfüllte. Dazu ging die Türe nach innen und - weg war die Toilette. Nicht mehr zu sehen. Ich musste erst noch die Kunst erlernen, mich dahin vorzuarbeiten, ohne den Weg über die Wanne zu nehmen. Aber man gewöhnt sich an alles. Na ja, nicht an alles. Mein Mann stöhnte, dass er die Nacht auf den stampfenden Kolben der Maschinen gelegen und kein Auge zugetan hätte. Dabei waren wir auf Deck fünf, also eigentlich weit hoch über dem Maschinenraum. Aber offensichtlich hatte er die berühmte Erbse unter seinem Bett gehabt. Oder ist es in den Kabinen achtern immer schlimmer? Wie musste das denn bei Sturm werden?

Wir tauschten die Betten. Ich gab meinen Blick in den nächtlichen Sternenhimmel auf, weil ich dort nichts Störendes unterm Bett gespürt hatte. Vielleicht war das Bett unterm Fenster wirklich ruhiger.

 

Beim Frühstück am ersten Morgen fragte uns Deni nach unseren Namen. Wir waren leicht erstaunt. Auf den anderen Schiffen wurde jeder mit Madame oder Monsieur angeredet. Oder ich mit Mommy. Hier wurden wir mit unserem Vornamen, aber per „Sie“, angeredet. Ist ja nicht jedermanns Sache, aber uns gefiel die persönliche Note. Freundlich, aber keineswegs aufdringlich. Ich finde, das passt zum Slogan von Phoenix: Willkommen an Bord! Willkommen zuhause!

 

Irgendwann im Laufe dieses Morgens tauchte auch die verloren gegangene Freundin von Frauke auf. Claudia. Noch ein Kölner Urgestein. Passte auch.

Die anderen beiden Damen, Brita und Heidi, kommen aus dem Osten, zwei sehr nette, unglaublich sportliche Damen, die absolut nicht wie 75plus aussehen. Zusammen mit Claudia waren mein Mann und ich mit unseren frischen 70 die Küken am Tisch.

 

Das obligatorische Captains'Dinner zum Empfang der neuen Gäste reizte uns nicht besonders. Wir überlegten, ob wir ihn einfach übergehen und direkt in die Lounge gehen sollten, wo im Anschluss die Vorstellung der wichtigsten Leute an Bord stattfinden würde. Ich schwankte auch, ich wollte eigentlich nicht in der Schlange stehen, aber andererseits wollte ich gerne ein Foto mit dem Kreuzfahrtdirektor Klaus Gruschka. Und der holländische Kapitän Fronenbroek schien ein sehr netter, witziger Mann zu sein. Also: einreihen in die Schlange.

 

Die nächsten drei Tage pflügte sich die Albatros durchs Mittelmeer. Die Sonne hatte sich verzogen und auch die Wärme mitgenommen. Eigentlich hatten wir auf angenehmes Spätsommerwetter gehofft, auf Mußestunden irgendwo an Deck auf einer Liege. So mussten wir gucken, dass wir uns anderweitig wärmen konnten. Also: Walk a mile, Wirbelsäulengymnastik...............

 

Gibraltar passierten wir im Dunkeln. Wir standen an Deck und versuchten zu ahnen, was wir dort hinten nicht sehen konnten.

Nachdem die Albatros links abgebogen war und wir uns am nächsten Tag den Kanaren näherten, hatten wir auch die Wärme wieder eingeholt. Endlich Sonne! 24°.

Donnerstag, 19.10.17 legten wir mittags in Arrecife auf Lanzarote an. Der erste Halt auf dieser Route. 1993 hat die UNESCO diese Insel komplett zum Biosphärenreservat erklärt.

Wir hatten den Ausflug „Südlanzarote und Feuerberge“ gebucht und waren gespannt auf diese einzigartige Landschaft voller Vulkane und Feuerberge. Die Ausflugsbeschreibung hatte nicht zu viel versprochen. An weißgetünchten Häusern in kleinen Dörfchen vorbei fuhren wir runter in den Süden zum Nationalpark Timanfaya. Es ist ein unglaubliches Gefühl, durch dieses gigantische Lava- und Krater-Meer mit noch aktiven Vulkanen zu fahren. Es ist noch gar nicht so alt, erst im 18, Jahrhundert haben gewaltige Eruptionen diese Landschaft geschaffen, die Lanzarote ausmacht. Unser Bus kurvte langsam durch die bizarre Mondlandschaft mit ihren fantastische Farben und schraubte sich dann hoch zum Montagna del Fuego, dem Feuerberg. Hier wurde uns mehrfach demonstriert, wie dicht das Feuer unter der Erdoberfläche glüht.

Zum Beispiel erlebten wir vor einer Grube, wie ein Reisigbündel, das dort an einem langen Stock hinein gehalten wurde, innerhalb kürzester Zeit Feuer fing und lichterloh brannte.

Oder wie kaltes Wasser in ein unterirdisches Rohr hinein geschüttet wurde, um Sekunden später, Meter weiter, als glühende Dampffontäne heraus geschossen kam.

Die Hitze stieg hoch und hüllte uns ein. Vorsichtshalber gingen wir einen Schritt zurück. Seltsam, hier ganz normal umher zu laufen in dem Bewusstsein, dass es eigentlich nur eine dünne Gesteinsdecke ist, unter der eine gigantische Hitze brodelt wie ein Ungeheuer, das hinter Gittern darauf wartet, frei gelassen zu werden. Tanz auf dem Vulkan, kommt mir dabei in den Sinn.

Das letzte Highlight dieser Tour stand uns noch bevor. Kamelreiten am Hang des Timanfaya.

„Ich nicht!“ winkte mein Mann sofort ab.

„Ich wohl“, sagte ich.

Wie sich aber herausstellte, war es keine Frage von ja oder nein, sondern ein gebuchter Ausflugspunkt. Die Kamele waren auch keine Kamele, sondern Dromedare, die da im Sand neben dem Parkplatz knieten. Sie waren hintereinander zu einer langen Kette zusammen gebunden, trugen Maulkorb und Seitenkörbe. Och, wie schade,wir würden nicht obendrauf reiten. Ich hatte sehr nette Erinnerungen daran. Aber damals war ich auch noch entschieden jünger. Jetzt, mit all diesen Oldies, wo auch wir zu gehören, war es wohl angebrachter, uns im Seitenkorb zu transportieren.

Wir suchten uns ein genehmes Tier mit schönen Augen aus und kletterten in die Körbe. Ob das fadenscheinige Ding mich halten würde? Ich beschloss, mutig zu sein. Das Dromedar hinter uns schob sein Gesicht immer wieder zärtlich den Nacken meines Mannes.und versuchte, ihn von der Seite her zu küssen. Was mein Mann nicht so mochte. Schließlich kannte er ja noch nicht mal den Namen des Tieres. Und dann noch in Gegenwart seiner Ehefrau!

Plötzlich beschlossen die Dromedare, sich alle gleichzeitig zu erheben. Zack, auf die Vorderbeine – wir flogen nach hinten- und noch bevor wir uns von dem Schreck erholt hatten, zack, auf die Hinterbeine- wir flogen nach vorne. Aber nicht einfach so, sondern eher wie ein hilfloser Wackelpudding, der in der offenen Schüssel seitwärts schräg vor und zurück gekippt wird und mit Schleudertrauma anschließend in sich zusammen sackt.

Eine gute halbe Stunde trotteten die Tiere stoisch mit ihren Lasten durch den heißen Wüstensand, hoch und runter am Fuße des Berges. Der Führer trottete im gleichen Schritt neben seiner Karawane her und schwang eine kleine Peitsche. Denn auch Dromedare haben ihren eigenen Willen und haben manchmal keine Lust zu spuren.

Eigentlich sollte ein Fotograf uns begleiten und für den Schnäppchenpreis von fünf Euro pro Fotos machen. Aber der hatte offensichtlich schon Feierabend gemacht. Kein Problem, meinte der Führer und zeigte auf meine Canon, die ich in der Hand hielt. „Gib her“, sagte er mit Zeichensprache. „Gib!“

Ich gab.

Er mochte sie. Er schoss von der ganzen Karawane Fotos im Sekundentakt: Klick, klick, klick, klick...Bis ich unsere Kamera energisch wieder zurück forderte.

 

Auf dem Rückweg kamen wir noch durch ein Weinanbaugebiet. Die Reben wachsen in kleinen Karrees, eingezäunt zum Schutz, getrieben durch die Erdwärme. In einer kleinen Bodega konnten wir uns von der Qualität überzeugen. Echt sehr leckerer Weißwein mit einem besonderen Aroma.

 

 

 

Freitag früh, am 20.10.17, erreichten wir Las Palmas auf Gran Canaria.

Es war wunderschön warm. So, wie ich es liebe.

Wir waren schon mehrmals auf Gran Canaria gewesen, daher hatten wir nur den Bustransfer nach Mas Palomas gebucht. Wir wollten noch einmal an den Strand, vielleicht noch einmal durch die Dünen nach Playa del Ingles laufen. Einfach nur Wärme und Strand. Und Wasser (für meinen Mann). Ich liebe das Meer, aber ich muss da nicht unbedingt rein. Es reicht, wenn ich es höre, sehe und rieche.

Es war noch relativ früh, die Liegen und Schirme, der ganze Strand, alles noch ziemlich leer. Wir nahmen uns Liegen mit Schirm. Obwohl wir nur ein paar Stunden hatten und für einen Tag bezahlen mussten, waren sie nicht teuer. Nur etwa sieben Euro. Wenn ich mich recht erinnere. Ich hatte Schiss, so einfach auf dem Strand zu liegen wie früher. Denn wer riskiert schon „Rücken“, wenn er noch drei Wochen Kreuzfahrt vor sich hat?

Wir dösten herrlich vor uns hin, als es neben uns plötzlich ruselig wurde.

„Guck mal, die rollen da einen Teppich aus. Das ist ja vielleicht ein Service! Wahrscheinlich ist der Sand inzwischen so heiß, dass man sich die Füße verbrennt, wenn man ins Wasser will. Also, echt!“

Wir setzten uns auf, um besser gucken zu können. Nicht nur links von uns, auch hinter dem Karree mit den Liegen und auf der anderen Seite war Action. Wir konnten uns keinen Reim darauf machen. Bis wir hörten: „Sandsturm!“

Im Nu waren die „Plastik Teppiche“ hochgezogen und an die Pfähle geklammert, die in Abständen in den Sand gepflockt waren.

Ich bin ja nicht neugierig, also rannte ich runter an den Strand, um zu gucken.

Von Playa del Ingles her wälzte sich eine Wand aus Sand, hüllte die -ich schätze mal zig hunderte- von Menschen ein, die immer an diesem Strandstück von hier nach da unterwegs sind wie ein endloser Ameisenstrom.

Wir waren heilfroh, dass wir nicht mitten dazwischen waren, oder in den Dünen. Hier hinter den hohen Plastikwänden waren wir relativ gut geschützt. Aber es blieb uns sowieso nicht mehr allzu viel Zeit, bis wir wieder zum Bus zurück mussten.

 

In Gran Canaria sollten noch etliche neue Passagiere an Bord kommen. Wir waren gespannt, an unserem Achtertisch waren ja noch zwei Plätze frei. Und da das Schiff jetzt ziemlich ausgelastet war, würden auch wir bestimmt zwei Neue kriegen. Ob die wohl kompatibel waren?

Abends saßen wir an unserem Platz, Serviette auf dem Schoß, Speisekarte in der Hand, die Augen auf den Eingang gerichtet. Und da kamen sie auch schon, beziehungsweise, sie wurden geleitet: Ein langer, dünner Mann, der sich schwerfällig auf Krücken schleppte und eine flotte, kleine Frau. Uns fielen als erstes seine Tattoos auf. Nicht ein sichtbares Stückchen Haut ohne Muster. Im ersten Moment mussten wir schlucken, aber es stellte sich sehr schnell heraus, dass es sich bei Gaby und ihrem Mann Günter um sehr nette Leute handelt. Der arme Kerl war durch ein geplatztes Aneurysma im Kopf schwerst behindert und saß fast nur im Rollstuhl. Er war die erste Zeit sehr gehemmt und schüchtern, aber das legte sich, als er merkte, dass wir ihn als volles Mitglied in unsere Gemeinschaft aufgenommen hatten. So war unser Tisch komplett.

 

Samstag war Seetag. Wir waren unterwegs zu den Kapverden.

Wir machten uns einen faulen Tag. Abgesehen vom „Walk a mile“ natürlich. Das musste sein.

Abends ging's dann in die Vollen: Auf der Bühne präsentierten sich die „Latin Emotions“. Der Gitarrist Wolfgang Gerhard aus Köln, den wir schon vor ein paar Tagen solo gehört hatten, und Valdeci Olivera, eine brasilianisch-deutsche Sängerin. Die beiden sind eine Wucht. Der Wolfgang entlockt seiner Gitarre Melodien, Töne, da sitzt man nur noch atemlos da und glaubt es nicht. Und wenn Valdeci anfängt, dazu zu singen, - einfach großartig! Die Frau ist so was von exotisch mit ihrem Teint, ihren bunten Gewändern und dem Kopfschmuck – dabei wohnt sie in Köln!

An diesem Abend, noch ganz erfüllt von der Vorstellung, sah ich den Kreuzfahrtdirektor mit anderen vor der Lounge stehen. Aber im Moment nicht im Gespräch. Ich weiß nicht, wie es kam, aber plötzlich stand ich vor ihm und fragte, ob ich nicht mal eine Lesung veranstalten könnte. So als Beitrag zur Gästeshow. Nur halt nicht mit den anderen auf der Bühne.

Ich war selber überrascht. Ich hatte gar nicht gewusst, dass ich fragen wollte. Auf der ARTANIA nämlich war meine Anfrage im vorigen Jahr sofort abgelehnt worden. Aber Herr Gruschka sagte: „Warum nicht? Tolle Idee. Kommen Sie morgen um 11.15 zur Rezeption, dann sprechen wir darüber.“

Jetzt musste ich das erst mal meinem Mann beichten. Eigentlich mag er meine spontanen Alleingänge nicht so richtig. Aber diesmal freute er sich.

„Hast du Elfie denn überhaupt mitgenommen?“

Jawohl, ich hatte mein einziges Exemplar dabei.

 

 

Der folgende Tag war Sonntag, der 22. Oktober 2017, und wir waren weiterhin auf See, Kurs Mindelo/Sao Vicente/ Kapverden. Das Wetter war ganz gut. Von 11-12 Uhr fand auf dem Lido-Deck ein Jazz-Frühschoppen mit Weißwurst-Frühstück statt. Die MS Albatros Showband spielte.

Wir aber saßen an der Rezeption und besprachen mit Herrn Gruschka die Einzelheiten für meine Lesung. An den Seetagen nach den Kapverden sollte sie stattfinden. Ich erzählte ihm kurz von Elfie und ihrem Scherie-hi, dass sie nicht alltäglich sind bei allem, was ihnen ständig widerfährt.

„Lachen ist gesund“, sagte er, „man sollte mindestens einmal am Tag herzhaft lachen.“

Das konnte ich ihm locker versprechen. Damit war die Sache geritzt. Den Text für die Ankündigung im Tagesprogramm sollte ich am besten selber schreiben und seinem Büro einreichen.

 

Am nächsten Morgen, montags, hatten wir die erste Station der Kapverden erreicht. Wir lagen vor Mindelo. Hier waren wir vor Jahren schon einmal gewesen und zu Fuß durch die Stadt gestromert. Diesmal hatten wir einen Ausflug gebucht, um ein bisschen mehr zu sehen zu kriegen als damals. Bevor uns der Bus hoch zu dem -ich glaub einzigen- Berg Monte Verde brachte, grasten wir zu Fuß die Stadt nach ihren Sehenswürdigkeiten ab. Wir quetschen uns durch die herrlich duftende Markthalle mit ihrem frischen Obst, Gemüse, Kräutern, die ich noch gut in Erinnerung hatte, sahen ein kleines Museum, eilten mit angehaltenem Atem durch die Fischhalle, die Promenade entlang... Ein hübsches Städtchen, angenehme Temperaturen und freundliche Menschen.

Mit dem Bus ging's dann hoch zum „grünen Berg“ mit seinen 750 Metern Höhe. Ein einziger Schotterweg führt in waghalsigen Kurven dicht am Abgrund entlang nach oben. Wir überholten einen Bauern mit seinem Esel. Der Guide erzählte uns, dass der jeden Tag diesen ganzen Weg hoch und wieder zurück läuft, um dort oben auf seinem Stückchen Erde nach dem Rechten zu sehen. Ganz kamen wir aber nicht hinauf, der Berg hatte seine obere Etage ganz in dichten Nebel gehüllt. Aber auch hier, auf gut mittlerer Höhe, hatten wir eine grandiose Aussicht nach allen Seiten.

Auf dem Rückweg kurvten wir noch ein bisschen durch die Gegend, aber das war's dann auch schon.

Abends gegen 20 Uhr lichtete die MS Albatros die Anker und steuerte Sal Rei/Boa Vista an, eine weitere kapverdische Insel. Wir steuerten in die Atlantik-Lounge, wo die Sängerin Melanie Bayer und die Albatros Showband uns eine unterhaltsame Stunde boten. Eigentlich wollten wir mit den Kölner Girls immer gerne zusammen sitzen. Aber wir hatten keine Chance. Ich glaub, etliche der Gäste haben jeden Abend ihr Essen herunter geschlungen, damit sie ihren Platz in der Lounge schon eine Stunde oder länger vor Beginn belegen konnten. Am besten noch für andere mit.

Aber hinterher sind wir meistens doch wieder irgendwo zusammen getroffen. Bei warmem Wetter draußen auf dem Lido Deck oder sonst in einer der Bars. Musik gab es überall. Ab und an, wenn die Musik entsprechend war und meine Sprunggelenke grünes Licht gaben, haben wir getanzt. Aber die Tanzfläche war stumpf wie ein Elefantenrücken.

 

In Sal Rei blieben wir an Bord, bisschen waschen, bisschen lesen, bisschen ruhen...

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 25. Oktober 2017, kamen wir morgens früh in Praia auf Santiago an. Santiago ist die größte der kapverdischen Inseln und Praia ihre Hauptstadt. Auch an diese Stadt hatten wir noch Erinnerungen. Deshalb wollten wir nicht noch einmal auf eigene Faust los wie damals. Für den Shuttlebus, der früher immer frei war, hätten wir auch sechs Euro bezahlen müssen für hin und rück. So hatten wir schon zuhause den Ausflug „Praia intensiv“ gebucht.

Wir starteten mit einem Rundgang durch die Stadt, vorbei am Rathaus, dem Präsidentenpalast, obwohl Palast für das Gebäude ein paar Nummern zu groß ist. An der Statue von Diego Gomes, der die Insel 1460 entdeckt hat, hat man einen guten Rundumblick. Mann, waren die damals angezogen. So, als wären sie gerade am Nordpol gelandet. Allein schon beim Anblick der Statue brach mir der Schweiß aus. Botschaften, Haus des Premiers, Kaserne, alles locker zu Fuß zu erreichen. Am Cruz de Papa, dem Kreuz, wo der Papst damals gestanden und gebetet hat, ist die Stadt irgendwie zu Ende. Zwar geht es tief unten noch weiter, aber das ist ein ganz anderer Stadtteil und scheint irgendwie nicht dazu zu gehören.

Wir wurden noch in so ein kleines ethnografisches Museum geführt. Schade, war langweilig, ein paar alte Gerätschaften im dämmrigen Keller, nichts, was wirklich interessant war.

Interessant dagegen war der Afrikanische Markt, zu dem wir anschließend fuhren. Interessant ist noch sparsam ausgedrückt. Urig, fremdartig, düster, eng, voll, unheimlich für weniger Mutige.

Allein schon der „Parkplatz“. Ein Sand/Schotterplatz, paar Bäume, Gerümpel, tote Baumriesen. Als wir aus dem Bus stiegen, verschlug es uns den Atem. Der Gestank war überwältigend. Der konnte nicht nur alleine von den vielen Ziegen stammen, die hier herumliefen.

Wir nahmen die Beine in die Hand und stürmten mit angehaltenem Atem hinter unserem Guide her auf die Straße. Linkerhand Bretterverschläge, die anscheinend die Rückwände der Buden waren. Oder auch nicht. Nach vielleicht hundert Metern tat sich eine Lücke auf. Das war der Eingang. „Bleiben Sie zusammen, dieser Markt ist wie ein Irrgarten, man kann sich leicht verirren und findet den Ausgang nicht. Also, bleiben Sie dicht beisammen.“

Das war nicht gerade ermutigend. Für die etwas Ängstlichen.

So einen Markt habe ich noch nie gesehen. Bude an Bude, verwinkelte, unebene Stolpergassen, fremde Gerüche, dunkel. Nur die Gesichter waren noch dunkler. Von pechschwarz bis schokobraun. Hunderte von Gesichtern, die uns anstarrten. Eine Gruppe von potentiellen Käufern!  Es war schon etwas unheimlich. Wir mussten den Blick auf den Vordermann und die Löcher und Buckel im Boden richten, aber wenn wir rund guckten: Es gab nichts, was es nicht gab. Nähmaschinen produzierten neue Klamotten, Batterien lagen neben Schuhen und Süßigkeiten, Smartphones bei Fackeln. Immer ging es um irgendwelche Ecken herum, wir hatten schon bald keinen Schimmer mehr, wie man aus diesem Labyrinth ohne Führung heraus kommen sollte. Aber zum Glück hatten wir ja unseren Guide. Als wir irgendwann wieder ans Tageslicht kamen, holten wir tief Luft.

 

Abends verzauberte uns Wolf Stein mit seinen magischen Kunststücken, die so simpel aussahen, und doch unglaublich unverständlich waren. Ein klasse, sympathischer Künstler.

Die nächsten drei Tage waren Seetage. Wir waren mitten auf dem Atlantik unterwegs zu den Inseln Ascension Island und St. Helena. Irgendwo im Nirgendwo zwischen Brasilien und Afrika. Wir waren inzwischen drei Stunden hinter unserer deutschen Zeit zurück. Ab und an begleiteten uns neugierige Atlantikbewohner, tauchten auf und schienen in den Wellen zu tanzen. Es war eine geruhsame Zeit.

Ich holte mir mein Elfie-Buch, das ich Claudia geliehen hatte, wieder von ihr zurück und bereitete mich auf meine Lesung vor.

Am 25. Oktober 2017 hatte ich einen Brief vom Phoenix-Sekretariat auf der Kabine:

Sehr geehrte Frau Wismans, Ihre Lesung findet morgen, am 26. Oktober, um 15 Uhr in der Pazifik Lounge/ Deck 9 (siehe Tagesprogramm vom 26. Oktober) statt. Vielen lieben Dank für das schöne Angebot....

Jetzt waren wir gespannt auf das Tagesprogramm, das immer abends in die Kabine gebracht wird. Und da stand es:

15.00 – Pazifik Lounge/ Deck 9:  Lesung

Ihre Mitreisende Christel Wismans liest aus ihrem Buch: „Elfie et scherie-hi“ witzige Geschichten aus dem nicht ganz alltäglichen Leben eines nicht ganz alltäglichen Ehepaares.

 

Jetzt war es amtlich. Voller Stolz briefte ich unsere Tischgemeinschaft. Sie wollten alle kommen. Ehrensache.

Und sie kamen alle, auch Doc Siggi und etliche Leute, die ich nicht mal annähernd vom Sehen her kannte. Erst nur ein, zwei, das Herz rutschte mir schon in die Kniekehlen, aber nach und nach füllten sich die Stühle in der kleinen Lounge. Ich stimmte mein Publikum ein mit Bildern vom Niederrhein: Weite, glückliche Kühe auf grünen Wiesen, Korbweiden und Menschen, die dat und wat sagen und abends na Bett gehen. Elfies Heimat. Dann gings los mit der Fußball-Geschichte. Als ich nach einer halben Stunde mitten in der Gendarmerie in Frankreich aufhören wollte, ging ein Aufschrei durch die Zuhörer: Nein! Weiter! Wie geht’s denn weiter?

Sie ließen mich nicht gehen. Weiter und noch eine Geschichte... Hinter mir wuselten schon die Leute, die die Lounge für das nachfolgende Bingo vorbereiten mussten. Ich musste aufhören.

Aber sie alle wollten mehr. Sich bei der Reiseleitung dafür einsetzen, dass ich noch eine Lesung bekommen würde.

Ich war so glücklich! Solche Zuhörerschar, die so begeistert ist, - der Traum eines jeden Autoren.

 

 

 

 Am nächsten Tag regnete es. Kalter Wind fegte über die Decks und Gänge. Vorne am Bug war kein Halten mehr. Die Walkinggruppe, von der mich seit Tagen schon mein linkes Knie fern hielt, nahm die Abkürzung. Nirgends war es draußen noch auszuhalten. Eigentlich sollte um halb elf auf dem Lidodeck die Bordolympiade stattfinden und abends „Hakuna Matata“. Aber alles fiel im wahrsten Sinne  des Wortes ins Wasser.

Mittags um zwölf Uhr wurden die Uhren an Bord eine Stunde vorgestellt. Jetzt waren es nur noch zwei Stunden Zeitunterschied zu Deutschland. In der Nacht ca 0.30 Uhr überquerte die MS Albatros den Äquator. Wir haben sanft geschlafen und nichts gemerkt.

Aber am nächsten Tag, Samstag, 28.Oktober 2017, war Taufe. Äquator-Überquerung = Taufe. Um elf Uhr vormittags war das Lido-Deck teilweise geräumt. Neptun, Herrscher aller Meere, Seen, Flüsse, Tümpel und Badewannen kam mit seinem Gefolge an Bord . Bunt, laut, so, wie es sich gehört. „Alle vom irdischen Staub Beschmutzten werden untersucht, gestempelt, mit lauterem Wasser gereinigt und in sein Reich eingelassen, sofern sie für würdig befunden...“ .

Zum Glück war nicht nur Neptun, sondern auch der Wettergott mit uns. Die Sonne strahlte ausnahmsweise mal wieder freundlich in die Runde. Die Täuflinge, -Freiwillige und Rekruten-, wurden mit einer schaurig aussehenden Paste eingeschmiert, oral geimpft und mussten dann im Pool ihren irdischen Staub abspülen. Zum ersten Mal erlebten wir, dass nicht nur das gemeine Fußvolk und der Kreuzfahrtdirektor, sondern auch der Kapitän getauft wurde. Er machte seinem Namen als Holländer alle Ehre. Ein toller Typ. Der Pool quoll fast über von getauften, aber nicht unbedingt sauberen Menschen. Der Teufel mit seinen roten Hörnern hätte es beinahe geschafft, mich auch zu rekrutieren. Aber ich weigerte mich standhaft. Erstens bin ich längst Äquator getauft und außerdem wollte ich nicht mit voller Montur in die siffige Brühe springen, in der schon zig Leute ihre Tauf-Pampe abgespült hatten. Aber es war ein sehr unterhaltsamer Vormittag, und als alles vorbei war, gingen wir ganz entspannt zum Mittagstisch.

 

 

 

Sonntag früh, am 29.Oktober 2017, hatten wir Ascension Island erreicht. Wir tenderten und sollten so nach und nach alle in Gruppen rüber nach Georgetown gebracht werden. Es war nur leicht bewölkt, ab und an schien die Sonne bei etwa 24°. Es schien ein angenehmer Tag zu werden. Aber dann kam die Durchsage von Herrn Gruschka:

„Is nich, geht nich, wir dürfen nich.“

Die Offiziellen widerriefen die Landgangsgenehmigung. Angeblich, weil ein Versorgungsschiff zu spät angekommen war und wir stören würden. Gruschka lachte: ziemlich fadenscheinig.

 

Die Insel hatte aufgrund ihrer strategisch wichtigen Lage schon früh große, militärische Bedeutung.

Schon 1899 wurden die ersten Seekabel verlegt, um London mit dem damals britischen Kapstadt zu verbinden. Nach und nach folgten Kabelverbindungen in alle Himmelsrichtungen. Im ersten Weltkrieg kamen große Funkanlagen dazu, und die militärische Bedeutung wuchs. Im zweiten Weltkrieg dann diente die Insel der Überwachung und Spionage: Überwachung der Handelsrouten, U-Boot-Abwehr, Horchposten der Alliierten, um Funksprüche abzufangen und zu entschlüsseln. Noch heute unterhalten die USA hier eine Spionagebasis, die zur NSA gehört. Von hier aus haben sie auch, wie 2013 bekannt geworden ist, die Telekommunikation der südamerikanischen Staaten ausspioniert.

Diese Angaben habe ich aus der Landgangsinformation.

Und was wir noch erfuhren: Der Funkspruch damals bei der Mondlandung: Houston, wir haben ein Problem, ist hier von dieser Insel gekommen. Da kommen Spekulationen und Vermutungen auf. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt...

 

Also blieb uns nichts anderes übrig, als einmal langsam die ganze Insel zu umrunden, damit wir wenigstens aus der Ferne etwas davon sehen konnten. Und sehen konnten wir einiges: Riesige Antennen und Schüsseln, die wahrscheinlich jeden kleinsten Laut auf der Erde und im Weltraum auffangen können. Wir sahen Hangars, Masten in XXL . Wir sahen alles mögliche, nur keine Spur von normalem Leben.

Statt um 18 Uhr nahm unsere MS Albatros also schon vormittags Kurs auf unser nächstes Ziel: St. Helena. Inzwischen hatten wir nur noch eine Stunde Zeitunterschied.

 

Abends verwöhnten uns wieder Valdeci Olivera und Wolfgang Gerhard mit Rhythmen des Südens. Sie sind einfach mitreißend, und als wir sie nach der Show vor der Lounge stehen sahen, habe ich Valdeci einfach in den Arm genommen, so begeistert war ich. Der Kreuzfahrtdirektor kam dazu und fotografierte uns. Natürlich erzählte ich ihm auch von dem Erfolg meiner Lesung. Und auch, dass die Zuhörer unbedingt noch eine Lesung wollten. Er lachte, ja, das wusste er schon, und – klar, kein Problem, sehr gerne könne ich noch einmal lesen.

 Der Montag war wieder ein Seetag. Sagte ich schon, dass ich Seetage liebe? Das Wetter war ganz gut, solange man im Windschatten blieb.

Um 11 Uhr sollte die Bordolympiade nachgeholt werden. Diesmal klappte es. Die Decks waren rappelvoll, jeder wollte dabei sein. Nicht mitmachen, aber zusehen. Vier Teams kämpften um den Sieg: ein Gäste-Team, ein Offiziers-Team, ein Crew-Team und ein Phoenix-Team. Die Verantwortlichen hatten sich herrliche Spiele ausgesucht, es gab viel zu lachen. Da gab es zum Beispiel das Teebeutel-Rückwärts-Werfen. Mit dem Mund! Oder das über Kopf-Weiterreichen von im Pool getränkten Handtüchern, um mit dem ausgewrungenen Wasser einen Eimer zu füllen. Oder aus Rettungswesten ein Floß bauen, das dann die Probanden auch übers Poolwasser trägt. Das haben die Leute aus dem Phoenix-Team erstklassig hin gekriegt. Sah besonders klasse aus, wie sie versucht haben, dieses Floß dann anschließend auch noch zu besteigen. Es war zu schön.

Abends war Gala-Abend mit dem berühmten Buffet Magnifique.

Unser Tisch hatte Karten für die zweite Tischzeit gekriegt. Vorher gab's eine Viertelstunde Fotozeit. Also, so eine Wahnsinns-Arbeit! Was da alles zubereitet, aufgebaut, arrangiert worden ist. Ganz viel Hochachtung für die Küche und die fleißigen Helfer! Es sah umwerfend aus. Ist zwar alles zum Essen da, aber die Vorstellung, dass später hunderte gierige Hände da überall drin rum grapschen... Irgendwie würgt so ein Buffet bei mir den Hunger ab.

Und als wir in der Schlange standen für ein Stück Hummer und mich ein Mann anmachte, weil ich (und damit auch alle hinter mir) die Schlange vom falschen Ende betreten hatte, da verging mir der restliche Hunger auch noch.

Es gibt Menschen, und die scheinen sich rasant zu vermehren, die sind einfach unverschämt und frech. Leute, die trotz der überwältigenden Fülle Angst haben, nicht genug zu essen zu kriegen oder sich aufregen, weil es nicht nur eine Schlange gibt, oder die nicht verstehen, dass einer beim Walken nicht schnell genug ist, Leute, die mit Ellbogen, Zähnen und Klauen ihr vermeintliches Alleinrecht verteidigen – schlimm. Aber es gibt inzwischen auch ganz viele, die ihre Mitmenschen aufgrund ihres Akzents diskriminieren und sogar bedrohen – unfassbar. Aber all das haben wir des öfteren auf dieser Cruise erlebt. Hat jeder mit sächsischem Akzent persönlich die Pegida ins Leben gerufen? Kann man sich wegen einer alten Dame, deren Akzent sie verrät, nicht mehr nach Dresden trauen? Sind Schwule, die sich auch so anziehen und benehmen, gemeingefährlich? Oh, Mann, wir haben Leute erlebt, die ich nicht verstehen kann. Und auch nicht verstehen will. Gruschka mahnte  einmal Rücksicht und Harmonie an. "Wir leben hier an Bord mit 23 Nationalitäten auf engstem Raum in Ruhe und Frieden zusammen. Kann es nicht überall so sein? Wir leben es doch vor."

 

 

 Dienstag, 31.10.2017.

Morgens um 7 Uhr ging die MS Albatros vor Jamestown auf der Insel St. Helena vor Anker.

Wir hatten keinen Ausflug gebucht. Erst hatten wir überlegt, die Bustour über die Insel, unter anderem zu Napoleons Haus, Ex-Grab und der uralten Schildkröte Jonathan zu buchen, aber dann hatten wir uns zusammen mit Claudia entschlossen, einfach mit dem Tender rüber zu fahren, mit dem Shuttlebus ins Städtchen und uns dort umzusehen. Das war eine gute Entscheidung.

Der Gedanke, dass Napoleon hier auf dieser Insel seine letzten sechs Jahre verbracht hatte, war schon faszinierend. Aber dafür mussten wir nicht unbedingt für zusätzliche 15,--Euro zu dem Longwood-House und einem eingezäunten Grasstück, auf dem der kleine Großkotz damals beigesetzt worden war, aber längst nicht mehr lag. Das viktorianische Städtchen war viel reizvoller. Der Tender hatte Schwierigkeiten beim Anlegen, dreimal bollerte er gegen die Kaimauer, was wir noch nie erlebt hatten. Aber der Wellengang war wohl doch heftiger, als man sehen konnte.

Ein altersschwacher Bus schaukelte uns die paar Meter von der Tenderpier zum Ortseingang. Durch ein Tor betraten wir Jamestown.

Gleich ziemlich vorne an auf der rechten Seite zieht sich die Jakobsleiter mit ihren 699 Stufen bergan. Vor knapp zweihundert Jahren wurde sie als Anbindung zu dem oben gelegenen Fort erbaut. Damals diente sie der Verteidigung von Jamestown. 699 sehr hohe, sehr steile Stufen, die in den Himmel zu führen scheinen. Eine echte Herausforderung. Nix für Leute mit altersschwachen Gelenken oder Herzen. Oder Lungen. Oder Höhenangst. Wir haben gleich abgewinkt. Aber unsere zwei Tischnachbarinnen aus dem Osten, beide über 75, haben die Treppe bewältigt. Hoch und auch wieder runter mit heilen Knochen und Gelenken. Wir waren schwer beeindruckt.

Am Fuß der Treppe befindet sich das Museum of Saint Helena. Ein Besuch ist echt lohnenswert. Es zeigt die Geschichte der Insel mit vielen alten, urigen Gerätschaften, Uniformen, Badewanne, Zahnarztstuhl...

Die kleine Kirche in der Nähe, die St. James Kirche aus 1774, ist die älteste anglikanische Kirche der südlichen Hemisphäre. Natürlich habe ich wie immer und überall Kerzen angezündet für unsere Kinder und Enkel zuhause am anderen Ende der Welt.

Hier in diesem Städtchen liegt alles dicht beieinander. Rechts die Kirche, links das Castle, von dem wir nur den Innenhof gesehen haben. Allerdings mit einem wundervollen, uralten Baumriesen in der Mitte. Ein Mangobaum, der über und über voller noch unreifer Früchte hing. Nur wenige Meter weiter die Main Street hoch, kommt man in den Castle Garden. Auch hier uralte Bäume im Eingang, sorgfältig gestutzte hier und da und dazwischen hübsch angelegte Blumenrabatten. Sogar ein Café gibt es im hinteren Teil des Gartens mit hunderten von Wimpeln und kleinen Flaggen, die dicht an dicht an der Decke wehen.

Wir schlenderten in aller Ruhe die Straßen entlang, vorbei an den viktorianischen Häusern und stöberten hier und da. In einem Lokal erstanden wir eine Flasche Rum mit exotischen Kräutern aus dem Orient. Die Flasche ist auf einer Seite geformt wie die Jacob's ladder. Sehr anders, sehr dekorativ. Aber – der Rum schmeckt grauslich, und daran ändert die tolle Flasche auch nichts.

Als wir Drei zurück an Bord kamen, war die Zeit fürs Mittagessen vorbei. Aber oben an Deck stand noch das Buffet. Wir holten uns eine Kleinigkeit, dazu ein Glas Weißwein. Die Sonne brannte, wir zogen von einem freien Nebentisch einen zweiten Sonnenschirm zu uns herüber. Und holten uns einen neuen Wein, weil der erste schon ein bisschen warm geworden war.

Weil auch dieser seine Kälte nicht halten konnte, mussten wir uns notgedrungen noch ein Glas holen. Wir hatten viel Spaß. Doc Siggi kam zu uns rüber geschlendert, ließ sich bei uns nieder. Plötzlich rollte unser Tischnachbar Günter flott um den ganzen Pool herum und parkte bei uns ein. Er wollte auch gerne mit lachen. Als wir endlich irgendwann müde wurden, der Kopf schwerer und wir dachten: so, jetzt ist aber genug, steuerten wir unsere Kabinen an. Ganz klar, zu viel Sonne und Lachen ...

Abends an Deck war Halloween-Party mit Tanzmusik unter den Sternen.

 

Erst am nächsten Tag, 1. November 2017, lichtete die MS Albatros die Anker und nahm Kurs auf Walfischbai/ Namibia. Seetag. Herrlich. Wir gammelten, suchten uns windgeschützte Eckchen, was natürlich nicht so ganz einfach war, weil wir immer überall zu spät waren. Wir saßen halt immer sehr lange an unserem Tisch, es gab so viel zu erzählen, zu lachen, dass wir nie merkten, wie die Zeit verging. Erst, wenn einer von uns feststellte, dass die Kellner schon sämtliche Tische um unseren herum frisch eingedeckt hatten, bemühten wir uns, ein Ende zu finden und aufzustehen.

 

Auch am 2. November waren wir noch auf See. Mittags um 12 Uhr wurden die Uhren eine Stunde vorgestellt, und somit waren wir wieder gleich mit zuhause.

In der Boutique gab es heute Angebote. Richtig tolle. 25% Nachlass beim Kauf eines Teils, ab zwei Teile ganze 50%. Ich lief heiß. Ich bin ja von Natur aus schmal und zierlich, die Fülle ist nur rein äußerlich, aber ich brauche aus dem Grunde doch etwas größere Größen. Und ich war nicht sicher, ob ich dort für mich etwas finden würde. Aber Claudia, die Modedesignerin, packte und schleppte mich auf direktem Weg in die Boutique. Ratzfatz hatte sie mir zwei hübsche Pullis rausgesucht, geguckt – passt. Auf dem Rückweg stolperte ich noch über einen türkisfarbenen Pulli, der da so farbenfroh auf einem Ständer zwischen dezenten Farben leuchtete. Der musste auch noch mit.

 

 

 

 Eins der drei hübschen Oberteile zog ich später gleich an, als wir in die Atlantik-Lounge zum Sekt eingeladen waren. Alle, die in diesem Jahr einen runden Geburtstag hatten oder in den Monaten Oktober oder November ein neues Lebensjahr beginnen, hatten die Einladung bekommen. Seltsam, es schien kaum einen Gast zu geben, der nicht dazu gehörte.

Manche kriegen halt den Hals nicht voll genug. Das zeigte auch ein Hinweis der Reiseleitung im heutigen Tagesprogramm. Ich zitiere mal: ...Aus gegebenem Anlass – Wir bitten Sie, Speisen und Getränke nur in den vorgesehenen Räumlichkeiten zu verzehren.... Der Tischwein wird ausschließlich zu den Mahlzeiten angeboten, und wir bitten Sie, diesen nicht in mitgebrachte Gefäße abzufüllen.

Wir konnten es nicht fassen: da gab es offensichtlich Leute hier an Bord, die den Tischwein oder auch Essen umpackten und mitnahmen. Es gibt jeden Tag sechs Mahlzeiten. Wer will, kann essen, bis er platzt, und dazu soviel Wein trinken, bis er vom Stuhl fällt. Muss man da wirklich auch noch hamstern? In dem Zusammenhang taucht dann immer wieder der Satz auf: das ham wir doch alles bezahlt!

Diese Leute werden mit Sicherheit auch noch den Bayrischen Abend mit Schmankerln und Freibier voll ausgekostet haben, der abends nach dem Menü in den Bars stattfand.

 

Der Wettergott hatte sich schon seit Tagen in wärmere Breiten zurück gezogen. Es war stürmisch, kalt und unangenehm. Ist wohl eine besondere Strömung in diesen Breiten, die die Wärme überlagert. Da denkt man, so nahe am Äquator und Nähe Afrikas ist es schön warm, aber Pustekuchen.

 

Freitag, 3.November 2017, war immer noch Seetag. Wir näherten uns langsam an die afrikanische Küste an. Am Samstag Nachmittag gegen 17 Uhr sollten wir Walfischbai erreichen. Wir bekamen zwei Formulare, die wir für Namibia ausfüllen mussten: eins für die Einreise, eins für die Ausreise. Mittags wurden die Uhren wieder umgestellt. Diesmal eine Stunde vor. Also waren wir schon eine Stunde weiter als in Deutschland.

An diesem Nachmittag hatte ich um halb drei meine zweite Lesung. Da blieb kaum noch Zeit nach dem Mittagessen, um ein wenig auszuruhen und mich seelisch darauf vorzuarbeiten. Aber es lief gut. Diesmal war die Lounge noch voller als beim ersten Mal. Ich hab's von Anfang bis Ende genossen. Und meine Zuhörer auch.

Ich bekam Komplimente für das Buch mit seinem schrillen Humor genau wie für mein Lesen. Meine paar Visitenkarten mit der ISBN Nummer hinten drauf waren ratz fatz weg. Eine unserer Ost-Tischnachbarinnen plante gleich, mit dem Buch zuhause Lesungen zu machen. Allerdings sollte Elfie dann sächsisch reden...

Abends in der Lounge folgte meiner privaten „Gäste-Show“ dann die offizielle auf der Bühne. War auch gut. Was mich allerdings ein wenig traurig machte, alle Aktiven der Gäste-Show bekamen ein Glas Sekt. Nicht, dass ich so auf Sekt stehe, aber ich war schon ein wenig neidisch. Warum bekamen die, was ich nicht bekam? Ich hatte schließlich zweimal eine „Ein-Mann-Show“ geliefert. Wie es immer so geht, direkt im Anschluss kam mir wieder der Gruschka entgegen. Ist das Schicksal, dass der arme Kerl mir immer dann in die Arme lief, wenn ich was von ihm wollte?

Jedenfalls klagte ich ihm mein Leid. Ich hätte für meine Show auch gerne ein Gläschen Sekt gekriegt.

„Frau Wismans“, er nahm mich in den Arm, „Sie kriegen eine ganze Flasche. Die steht schon auf meiner Kabine.“

 

 

 Wir hatten uns vor ein paar Tagen für eine Besichtigung der Küche, vielmehr: Galley, angemeldet. Das hatte mich schon immer interessiert. Aber noch nie war uns das bisher auf den anderen Schiffen angeboten worden. Daher war ich sehr gespannt.

Am Samstag Vormittag war es dann soweit, der Küchenchef Gabriel Busslehner lud uns für 10.30Uhr in die Hauptküche ein.

Ich war total gespannt – und überrascht. Die Galley war viel kleiner, als ich gedacht hatte. Herr Busslehner und sein Sous-Chef führten und erklärten. Und hier sollten auf kleinstem Raum so viele Köstlichkeiten zubereitet werden? Hochachtungsvoll! Denn das Essen war durch die Bank sehr gut. Allein das Brot (von Kuchen und Torten ganz zu schweigen, ist nicht so meins), diese verschiedenen Sorten, eine leckerer als die andere und frisch gebacken. Die Salate, täglich andere Dressings, das Fleisch, der Fisch, der Nachtisch, die Suppen, Vorspeisen...

Und alles wurde hier bereitet. Für so viele Menschen. Hat mir gut gefallen, das alles mal zu sehen.

An diesem Nachmittag, kurz vor der Ankunft in Walfischbai, wurde im Restaurant Möwe das Wiener Kaffeehaus aufgebaut. Landestypische Köstlichkeiten von Mehrspeisen bis zu Kaffeespezialitäten. Sehr beliebt bei den meisten Passagieren.

 

 

 Pünktlich legte die MS Albatros in Walfischbai an. Die Offiziellen kamen an Bord und wollten unsere Einreiseformulare samt Reisepässe sehen. wie überall gab es auch hier kleine Störungen im Ablauf. Ein Passagier vor mir wollte seinen Stempel auf einer bestimmten Seite seines Passes haben und zwar nicht rechts, sondern schräg links. Oder so ähnlich. Und für seine Frau dieselbe Prozedur. Nein, nicht diese Seite...

Abends rockte die Crew die Bühne. Echt klasse, was die da gezaubert haben. Besonders gefallen hat mir persönlich der Sketch der Phoenix-Mannschaft: Wenn ich nicht zur See fahren würde, wäre ich... und dann kamen die verschiedenen Berufe, die einer nach dem anderen ansangen und mit ihren entsprechenden Utensilien herum sauten. Ich liebe diesen Sketch, seit ich ihn vor über zehn Jahren zum ersten Mal gesehen habe, damals auf der MS Astor. Daher hab ich mich total gefreut, ihn jetzt in höchster Vollendung wieder zu sehen.

Oder die Indonesier mit ihren Holz/Bambus?-Instrumenten, die durchnummeriert waren und angeschlagen wurden, je nachdem, wie der „Dirigent“ mit seinem Taktstock die Zahlen auf einer Tafel anzeigte. Der Dirigent war übrigens ein sehr seriöser „Deni“, unser Kellner.

Auf unserer Kabine standen in einem Sektkübel eine Flasche Champagner mit Serviette, zwei Gläser und ein Dankes-Briefchen. Ich wusste gleich: Den würden wir am 7. November mit all unseren Tischfreunden zu unserem Hochzeitstag gemeinsam trinken.

 

Am nächsten Morgen, Sonntag, 5.11.2017, mussten wir schon früh raus. Die Vögelchen im Bordradio weckten uns mit ihrem Gezwitscher um sechs Uhr. Frühstück, diesmal etwas schneller als sonst und dann ab in die Atlantik-Lounge. Wir hatten den Tagesausflug „Namib-Wüste und Swakopmund“ gebucht, bekamen ein Lunchpaket und mussten in den letzten Bus. Obwohl „Bus“ ist nicht ganz der richtige Ausdruck. Wir wussten ja, dass man hier natürlich andere Maßstäbe anlegen muss. Aber die ersten aus unserer großen Gruppe hatten einen richtigen Reisebus, die nächsten einen etwas kleineren Reisebus, die nächsten einen Kleinbus und wir eine ausrangierte Sauna aus Blech über vier Rädern. Zum Glück war der Bord-Pastor mit uns, da konnte ja eigentlich nichts Schlimmes geschehen. Dafür hatten wir aber keinen Guide, nur einen jungen Fahrer, der angestrengt darauf achten musste, nicht die Busse vor sich aus den Augen zu verlieren, denn es war seine erste Tour.

Namibia hat vier ordentliche Straßen: eine von Norden nach Süden und eine von Osten nach Westen, alles andere sind Waschbrett-Pisten. Was soll ich erzählen von diesem Tag? Wir holperten stundenlang durch die Wüste. Rechts Wüste – links Wüste. Mit vier Stopps. Einmal an der berühmten Düne 7, einmal, um die einzigartige Welwitschia-Pflanze zu bewundern, die viele hundert Jahre alt wird und einmal an den Canyons aus Sand, wo irgendwann mal Wasser geflossen ist. Zum Mittagessen kehrten wir in der Oase Goanikontes ein, wo auf dem Grill schon das Fleisch bruzzelte. Die Inhaberin war deutschstämmig und sprach noch so gut Deutsch, als wäre sie erst gerade nach Afrika gezogen. Dabei lebt ihre Familie seit Generationen in Namibia.

Für Swakopmund blieb nicht mehr viel Zeit. Der junge Fahrer kurvte einmal durch den Ort. Von den teils sehr schönen, alten Fassaden konnte ich absolut nichts sehen. Denn von meinem Platz im Bus aus sah ich durch die schmalen Fenster nur die Sockel der Häuser. Dafür wurden meine Füße und Beine seit Stunden kostenlos von unten gegrillt.

Nach einem kurzen Stopp an der Mole, wo das Wasser mit Gewalt gegen die Kaimauern krachte, fuhren wir ein paar Meter weiter. Noch ein Stopp. Wir konnten, wenn wir denn wollten, auf dem kleinen, afrikanischen Holzschnitz-Markt Souvenirs kaufen. Es waren teils sehr hübsche Figuren, aber wir hatten keine einheimische Währung und ob wir sie durch den Zoll kriegen würden?

Ein paar Leute beknieten den Fahrer, uns noch zu der Stelle zu fahren, wo die Flamingos leben. Aber leider lohnte sich dieser Abstecher nicht. Denn erstens hatte der junge Fahrer Schweißausbrüche, weil er alleine dahin fahren musste und sich nicht an den Konvoi anhängen konnte , und zweitens waren die Tiere zwar zu sehen, aber weit weg im grauen Wasser. Unscharf wie auf einem verstaubten, alten Bild.

Ehrlich gesagt waren wir froh, als wir wieder an Bord gehen konnten. Dieser Ausflug war den Preis nicht annähernd wert. Schade.

 

 

 

 

 

 Wind schaukelte sich hoch auf Stärke 7, die See war mehr als nur kabbelig.

Trotzdem erreichte die MS Albatros pünktlich am Montag Mittag Lüderitz. Darauf freuten wir uns besonders. Diese immer noch sehr deutsche Hafenstadt bietet so viele interessante Sehenswürdigkeiten, ich hatte die Kamera schon einsatzbereit im Rucksack. Aber dann, noch auf See, kam plötzlich die Durchsage des Kreuzfahrtdirektors, dass Lüderitz den Hafen geschlossen hat. Zu. Dichtgemacht. Wegen des Sturms.

OK, es stürmte, der Wellengang war schon beträchtlich, vom Wind mal ganz abgesehen, aber uns deswegen nicht in den Hafen zu lassen?

Unsere Pässe wollten sie aber trotzdem kontrollieren. Immerhin waren wir in namibischem Hoheitsgewässer. Also, bitteschön, ihr bleibt schön draußen auf See, aber die Pässe müsst ihr an Land bringen. Sie selber weigerten sich, das Leben ihrer Leute zu gefährden und zu uns raus zu kommen. Statt dessen wurden unser aller Pässe, auch die von der Besatzung, wasserdicht eingeschweißt, dann stiegen ein paar von unseren Leuten todesmutig in die Tenderboote und setzten über in den Hafen von Lüderitz. Die Tenderboote haben nur geringen Tiefgang, also kann ich mir gut vorstellen, wie die Armen durch geschaukelt worden sind.

Gut, wir waren zwar nicht willkommen geheißen worden, aber ordnungsgemäß eingereist. Stempel muss sein.

Da wir jetzt ein bisschen früher wieder weiter fahren konnten, mussten wir natürlich auch wieder offiziell ausreisen. Niemand von uns hatte auch nur einen Fuß vom Schiff gesetzt, aber Ordnung muss sein. Ist, wie man sagt, eine deutsche Eigenheit. Also, noch 'en Stempel.

 

Dienstag, 7.11.2017. Die Wellen schaukelten sich inzwischen hoch auf 6-7 Meter, der Wind pfiff um die Ecken, es war für manche schon sehr unangenehm. Immer schön eine Hand fürs Schiff.

Wir blieben wie immer verschont von Seekrankheit, Übelkeit oder sonstigen Beschwerden. Das alte Schiff allerdings jammerte und stöhnte, dass es beängstigend war. Nachts hörten wir Geräusche, die wir noch nie gehört hatten: knarren, knarzen, jaulen, krängen, klopfen, heulen...Geräusche wie früher der Anschlag auf die Tasten einer alten Schreibmaschine, Geräusche, als ob jemand säckeweise Kieselsteine einen metallenen Kamin runter rieseln läßt.... Geräusche, ich kann sie gar nicht alle beschreiben. Aber der Kapitän, der lustige Holländer, meinte, das ist das Gute an der weißen Lady. Diese alten Ozeandampfer haben noch ordentlich Tiefgang, das ist ein großer Vorteil bei Sturm. Wenn das Schiff tief im Wasser liegt, hat der Sturm nicht so viel Angriffsfläche oben.

Stimmt, aber es war doch noch reichlich.

 

Vormittags gab es den Abschieds-Frühschoppen, abends den Abschieds-Cocktail, wo sich Kapitän und Schiffsleitung sowie der Kreuzfahrtdirektor und sein Team von den Gästen verabschiedeten, die in Kapstadt von Bord gehen würden.

Und natürlich fand abends das obligatorische Gala-Dinner statt. Am vorletzten Abend, wenn die feineren Klamotten noch im Schrank hängen und nicht schon im Koffer sind. Wir hatten unserem Kellner Deni meine Flasche Champagner gegeben, um sie für den Abend gegen eine kalte einzutauschen. Und pünktlich, als wir uns zu Tisch setzten, wurde uns unser eiskalter Champagner serviert. Bei acht Leuten hatte zwar jeder nur ein knappes Gläschen voll, aber wir fanden, es war ein würdiger Hochzeitstag-Abend. Vor achtundvierzig Jahren hatten wir auch etwas Festliches getragen, aber damals war ich ganz in Weiß.

 

Mittwoch Morgen, am 8.November, hatten wir Kapstadt erreicht. Als wir morgens wach wurden und aus dem Fenster blickten, sahen wir direkt vis-à-vis den berühmten Tafelberg. Blitzschnell waren wir hoch und knieten auf dem Bett unterm Fenster. Der erste Blick, der erste Eindruck ist immer sehr wichtig. Rechts neben dem Tafelberg, der viel breiter ist, als ich gedacht habe, erhebt sich noch ein anderer Berg, der im Gegensatz zum Tafelberg sehr spitz zuläuft.

Mehrere Leute hatten uns im Vorfeld davon abgeraten, die Tour auf den Berg zu buchen, weil er eigentlich fast immer ein Tischtuch trägt, so dass man im schlimmsten Fall gar nicht erst hoch kommt, oder aber von oben nichts sehen kann. Aber heute war der Himmel strahlend blau und klar. Der Berg lag völlig frei da, nicht eine Nebelwolke. Und wir hatten den Botanischen Garten Kirstenbosch gebucht! Tat uns nun doch leid. Aber wie wir im Nachhinein von Claudia hörten, war vor der Seilbahn so eine Riesen Schlange, dass sie nach einer Stunde Warten aufgegeben und sich ein Taxi zurück geordert hatte. Ohne auf den Tafelberg hoch zu kommen. Da hatten wir vielleicht doch die richtige Entscheidung getroffen.

Denn der Garten ist echt sehenswert. Unser Guide, den wir auf dieser Tour hatten, war allerdings nicht so toll. Er war überzeugt davon, dass er nach etlichen Jahren in Aachen perfekt Deutsch spricht. Aber wir verstanden fast nichts von dem, was er faselte. Er sprach auch nie einen ganzen Satz. Nach jedem zweiten, spätestens dritten Wort machte er Pause und suchte nach dem richtigen Begriff. Wir baten ihn, Englisch zu sprechen, aber das wollte er nicht. Im Park rannte er nuschelnd mit Riesenschritten vor der Gruppe her. Er war unter Zeitdruck. Wir hatten aber etliche alte Leute und Gehbehinderte dabei. Immer wieder musste unsere Reiseleiterin vom Schiff ihn stoppen und zurück pfeifen. So hatten wir leider keine Ahnung, was wir da alles sahen. Später zuhause erfuhr ich von einem Bekannten, dass hier in diesem Park noch eine Hecke steht, die damals von den Holländern zur Rassentrennung gepflanzt worden ist. Damals,zu Beginn der Apartheid. Die hätte ich gerne gesehen.

Aber auch so gefiel mir der Garten mit seinen weiten Flächen. Immer mit Blick auf die hohen Berge. Die Wege waren natürlich belassen, teils uneben, es ging hoch und runter, Natur pur. Das missfiel einer kleinen Gewitterziege. Sie nölte, botanische Gärten hätten ebenerdig zu sein. Sie kennt andere, und die sind alles gepflastert und geradeaus, ohne Höhenunterschied. Das hätte nicht so in der Reisebeschreibung gestanden. Schließlich wäre das eine Zumutung für Gehbehinderte.

Ich bewunderte gerade mit unserer Tischnachbarin Brita aus Sachsen einen blühenden Strauch. „Aber das stand doch in der Reisebeschreibung“, meinten wir ganz erstaunt.

„Das heißt nichts“, fauchte die Frau, „das schreiben die immer und überall dabei.“

„Schauen Sie“, sagte ich, „wir sind hier direkt vor den Bergen, da kann es nicht vollkommen eben sein. Diese Natur ist doch gerade das Schöne dabei, ich habe schon herrliche Aufnahmen gemacht, gerade mit diesen Ausblicken in die höher oder tiefer gelegenen Regionen hier im Park“.

Brita stimmte mir auch zu.

Da fauchte die Frau Brita ins Gesicht: „Ja, ja, ist ja schon klar, bei euch kriegt man sowieso kein Recht.“

Drehte sich ab und machte ein paar Schritte. Doch dann flog sie herum und kam zurück. Wutentbrannt. Und keifte: „Ist ja nicht zu überhören, wo Sie herkommen! Wenn ich die Sprache schon höre! Ihr haltet doch immer alle zusammen. AfD! Ihr seid schuld, dass wir nicht mehr nach Dresden reisen können. Ihr mit eurer Pegida!...“

Dass sie Brita dabei nicht ins Gesicht spuckte, war alles. Ich war so fassungslos, dass ich den Rest gar nicht mehr wahrnahm.

Brita legte mahnend den Finger auf die Lippen. Lass. Sag nichts. Bringt nichts.

 

Die Freude am Ausflug und der Natur war mir gründlich vergangen. Aber für Brita war das schon Normalität geworden in den letzten Wochen. Sie wollte nur noch so schnell wie möglich nach Hause. Der schrecklichste Urlaub ihres Lebens, sagte sie traurig.

 

 

 Es war unser letzter Tag an Bord. Packen war angesagt. Die richtigen Farbanhänger an die Koffer hängen und abends vor die Türe stellen. Aus-checken im Terminal. Noch 'en Stempel.

Der letzte Abend zusammen am Tisch, in der Lounge und später in der Casablanca-Bar. Es kam schon leichte Wehmut auf. Neue Freundschaften waren entstanden, so viel gemeinsam gemacht, gelacht, erzählt. Und morgen war schon wieder Schluss.

 

Am Donnerstag, 9.11.2017, wurden wir nachmittags um viertel vor drei abgeholt.

Die anderen schon früher. Es war ein bewegender Abschied von allen. Auch von unserem lieben Kellner Deni. Alle waren sie schon weg. Nur wir beide standen voll angezogen an Deck, schauten ein wenig trübselig auf das Gewusel unten vor dem Terminal und schwitzten. Abreisende und Neuankömmlinge, Gangway hoch und runter. Die Zeiger der Uhren schienen zu kriechen. Endlich wurden wir aufgerufen: Flugrückreise mit Flugnummer EK 771 Kapstadt-Dubai+ Anschlussflüge.

Im Terminal mussten wir erst unser Gepäck identifizieren, mitnehmen und dann ab in den Bus zum Flughafen.

Wie wir es schon zu unserem Leidwesen kennen, fehlte einer der zwei Koffer. Och, nee, nicht schon wieder. Wir suchten erneut. Vielleicht in einer anderen Ecke, wo das Gepäck mit andersfarbigen Anhängern lag? Aber so ganz viel Gepäck war schon gar nicht mehr da. Die meisten waren ja schon längst weg. Auch andere suchten hektisch. Wir waren es nicht alleine. Ich rannte an den Zollschaltern vorbei durch die Halle. Vielleicht hier irgendwo? - Nein.

Die Reiseleiterin vom Schiff, die uns hier im Terminal betreute, geriet in Stress. Denn sie wurde umlagert von aufgeregten Gästen, die ihre Koffer auch nicht fanden. Sie konnte ja auch nichts tun, nur die Verlustmeldungen notieren. Das dauerte mir zu lange. Ich rannte wieder zurück. Hier nichts, da nichts, noch mal in die Ausgangshalle mit den Zollschaltern.

Da lag er. Ganz hinten vor der Glastüre nach draußen.Einfach so. Weggeworfen, Schilder und Bänder ab, das Vorhängeschlösschen abgerissen. Toll. Aber es war definitiv unser Koffer. Wir waren selig. Diesmal war es noch mal gut gegangen. Nur hektische Flecken im Gesicht und Herzrasen.

Das war der Anfang unserer Heimreise, die geschlagene neunundzwanzig Stunden dauern sollte.

Wir brauchten ewig bis zum Airport, ewig im Airport, neun Stunden Flug in einer Konservenbüchse von Emirates mit den vor uns sitzenden Leuten auf dem Schoß. Knie unterm Kinn, Sitz nicht nach hinten klappbar, Gurt upside-down, Soße flog über meine Nachbarn hinweg bis auf meinen Pulli. Es war schon ein wenig stressig.

In Dubai ein wenig Aufenthalt, dann in einen Riesenflieger mit zwei Etagen, einen A 380. Mann, ist das eine Riesenmaschine. Ich hab noch nie gesehen, dass an einer Maschine drei Finger zum Einsteigen hängen. Wahnsinn.

Aber hier saßen wir für die nächsten sieben Stunden relativ bequem.

Frankfurt Flughafen erreicht. Mit Gepäck, jeder einen Koffer und einen Rucksack + Kameratasche und Handtasche durch die Weiten geirrt. Ist der größer geworden? Irgendwie fehlte auch die Beschreibung zum Fernbahnhof. Ich hab das ganz anders in Erinnerung. Einfacher. Nirgends ein Hinweis. Und dann mit Gepäck.

Zum Glück hatte ich schon vor dem Urlaub einen ICE gebucht mit Sitzplatzreservierung. Es war ja Freitag Nachmittag. Vorsichtshalber hatte ich auch ein großes Zeitfenster eingeplant. So konnten wir noch eine Kleinigkeit essen, bevor wir in den Zug steigen mussten.

Wie üblich gab es in dem rappelvollen Zug keine Möglichkeit, das große Gepäck zu verstauen. Unsere reservierten Plätze waren in einem Sechserabteil, das eigentlich schon fast voll war. Die Koffer mussten fern von uns ganz allein in einer Ecke eines Großraumabteils stehen.

Beim Umsteigen in Oberhausen gab es noch Stress, weil wir Verspätung hatten und daher wahrscheinlich den Anschlusszug nach Hause nicht mehr schaffen würden.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass mein lieber Mann in der Hektik aus einem anderen Abteil – aber nee, das erzähl ich lieber nicht.

 

Jedenfalls, nach genau neunundzwanzig Stunden konnten wir die Haustüre aufschließen.

Home- sweet home again.

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Rosa Ananitschev (Dienstag, 16 Januar 2018 21:28)

    Liebe Christel,

    endlich komme ich dazu, deinen neuen Reisebericht zu lesen und muss wieder staunen, wie viel ihr erlebt habt und wie spannend du eure Abenteuer beschreibst. Schön, dass sich eine tolle Truppe zusammenfand, die sich bestens verstand. Das ist auf solchen langen Reisen ja auch sehr wichtig.
    Und die Fotos - die sind traumhaft!
    Ich freue mich, dass deine Lesung gut ankam. Elfie kann eben alle verzaubern ;-) so liebenswert wie sie ist und so wie sie jede Situation im Leben meistert ... oder auch nicht :-)))

    Herzliche Grüße
    Rosa

    P.S. Vielleicht war es ja doch noch nicht die letzte Reise für euch zwei ... Wer weiß?

  • #2

    Gerda Hullik (Donnerstag, 05 April 2018 22:45)

    Hi Du Blag, jetzt hab ich mir endlich die Zeit genommen und mal schnell gelesen. Ist schon interessant, wenn man die Eindrücke, die man selber hatte, von jemand anderem liest. Phoenix ist halt doch ganz angenehm, vorallem wenn man den Gruschka als Kreuzfahrtdirektor hat.Weiter so wünscht Dir Ommachen